Und Rom befahl: Baut ein Forum in Aachen

Von: Oliver Schmetz
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Archäologische Fundgrube: Im Hof ist ein Stein mit einer Inschrift des römischen Kaisers Trajan ausgegraben worden. Foto: Michael Jaspers
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Joachim Meffert (v.l.), Klaus Scherberich, Andreas Schaub, Wolfgang Raabe und Frank Pohle stellen den Fund jetzt vor. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Wahrscheinlich gehört solch eine Anekdote zu einem richtigen Sensationsfund einfach dazu: Denn der Stein, der das Wissen um Aachens Bedeutung in römischer Zeit auf eine andere Ebene hebt, liegt nach seiner Entdeckung unter dem Hof im September 2014 erst einmal knapp eineinhalb Jahre im Magazin herum.

Verdreckt und lehmverkrustet, zwar Relikt einer römischen Wand, aber gut: was man halt so findet in Aachens geschichtsträchtigem Boden.

Doch dann das: Anfang dieses Jahres, nimmt Stadtarchäologe Andreas Schaub den Brocken in die Hand, ein Lichtstrahl fällt günstig, und siehe da: Plötzlich entdeckt der Experte Buchstaben. Und dann geht es sehr schnell: Schaub, selbst profunder Kenner der römischen Geschichte, kontaktiert mit Professor Dr. Klaus Scherberich vom Historischen Institut der RWTH einen weiteren Experten, und gemeinsam kommt man dem Buchstabenrätsel flott auf die Spur.

„Schon am ersten Abend war klar, dass es in der Inschrift um den römischen Kaiser Trajan geht“, erinnert sich Scherberich. Ebenso rasch wussten die Lateinkenner, dass es sich nicht um eine Huldigung an den Kaiser handelt, sondern der Herrscher selbst quasi als Handelnder auftritt – weil sein Name im Nominativ, also quasi in „Ich-Form“, auf dem Stein steht.

Und nach ein paar weiteren Wochen eifrigen Kombinierens und Forschens war klar: Auf dem Stein, der in fünf Metern Tiefe unter dem Hof etwa in Höhe der Einmündung Romaneygasse ausgebuddelt worden ist, hat sich rund 700 Jahre vor der Errichtung des Doms durch Karl den Großen ein römischer Kaiser als Bauherr in Aachen verewigt. Mit anderen Worten: Rom befahl damals, in Aachen zu bauen. Und Schaub ist sich relativ sicher, dass es dabei um die Errichtung eines großen Forums ging.

„Der Fundort spricht für die Verbindung zum Bau einer Platzanlage“, meint der Stadtarchäologe. Just dort hat man auch schon Reste von Ladenzeilen gefunden, die ein solches Forum oft umgaben. Schon in den vergangenen Jahren hat Schaub etliche Funde gemacht, die auf solch einen riesigen Platz – mit mehr als 6000 Quadratmetern größer als der heutige Katschhof – hindeuteten.

Dass nun noch ein kaiserlicher Hinweis hinzugekommen ist, begeistert Archäologen und Historiker gleichermaßen. Als „herausragenden Fund der letzten Jahre“, als „Quantensprung“ für die Forschung feiern die Experten die Entdeckung, die eindrucksvoll Schaubs Einschätzung unterfüttert, dass das römische Aachen alles andere als unbedeutend war.

Schließlich würde ein Kaiser kaum in einem kleinen Kaff bauen (lassen). Im Gegenteil: Solch eine Bauinschrift in Aachen zu entdecken, sei „sehr außergewöhnlich“, betont Scherberich. Man finde sie eigentlich nur in römischen Militäranlagen bzw. an zivilen Bauten in Köln, wo der römische Statthalter für Niedergermanien saß.

Ob Trajan seine Baustelle im heutigen deutschen Westzipfel sogar selbst einmal in Augenschein genommen hat, ist bislang unbewiesen. „Aber man kann es auch nicht ausschließen“, schmunzelt Scherberich. Schließlich kannte Trajan die Gegend ganz gut. Bevor er Kaiser wurde, residierte er als Statthalter für Obergermanien in Mainz, danach hielt er sich noch einige Monate in Köln auf – und unternahm vielleicht auch einmal einen Trip ins nahe Aachen, um um warmen Wasser der hiesigen Thermen zu entspannen.

Wesentlich weniger Gemütlichkeit dürften die ständigen neuen Erkenntnisse über das Wirken der Römer in Aachen bei den Planern der Stawag auslösen, die permanent neue Zeit- und Finanzpläne für ihre Kanalsanierung unter dem Hof aufstellen müssen. Was seine Prognosen an dieser Stelle angeht, ist Wolfgang Raabe, bei der Stawag für Netzplanung und Bauleitung verantwortlich, schon Kummer gewöhnt.

Am 17. Juni 2013 legte man im Hof los, die Rede war von zwölf Monaten Bauzeit für die unterirdische Kanalsanierung. Jetzt, fast drei Jahre später, hat man von den 160 Metern Kanal unter Hof, Romaneygasse und Körber-gasse etwa 120 Meter geschafft. Erweitert wurde das Bauprojekt um den Kanal unter der benachbarten Krämerstraße – wo man den Einstiegsschacht schon einmal gebaut hat.

Nun geht es insgesamt um 300 Meter Kanal, die komplett durch höchst historisches Erdreich führen. Nur ein Beispiel dafür: Dr. Joachim Meffert von der beauftragten Firma Goldschmidt Archäologie schätzt, bei dem Projekt bereits „zehntausende Funde“ gemacht zu haben.

Bei der Stawag hofft man gleichwohl, die Maßnahme bis Jahresende fertig zu haben. Es sei denn, es kommen den Planern noch ein paar römische Kaiser in die Quere.

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