Und jetzt? Lernen, lernen und noch mehr lernen

Von: Thorsten Karbach
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Lernen, lernen, lernen: Am Freitag ist der letzte reguläre Schultag für Annika Pütz (links) und Inés Rogge am Aachener Couven-Gymnasium. Während Familien und Freunde in den Osterferien in Urlaub fahren bereiten sich die G8- und die G9-Schüler auf die Abiprüfungen vor. Fotos: Andreas Steindl Foto: Andreas Steindl

Aachen. Auf in die Schlacht. Zumindest optisch ziehen die beiden Abiturjahrgänge des Aachener Couven-Gymnasiums ins Prüfungsgefecht. Denn ihre schwarzen T-Shirts zeigen einen Spartanerhelm. Ihr Motto der heute endenden Feierwoche lautet: „Spart-Abi“, daneben steht eine große 300, die einerseits an den gleichnamigen Film über die Schlacht der Spartaner gegen die Perser erinnert, andererseits an die Zahl der Schüler, die sich einst mit dem doppelten Abiturjahrgang auf den Weg gemacht haben.

Und nun das Ziel vor Augen haben. Am Donnerstag tagte erstmals der zentrale Abiturausschuss, heute haben Annika Pütz, Inés Rogge und all die anderen aus den beiden Abschlussjahrgänge ihren letzten richtigen Unterrichtstag.

Die schriftlichen Abiturprüfungen des Doppeljahrgangs starten in ganz Nordrhein-Westfalen am 9. April. Letzter Prüfungstermin ist der 22. April. Annika Pütz, die nach acht Jahren ihr Abitur baut, schreibt am 16. April Spanisch, am 17. April Mathematik und am 19. April Biologie. Inés Rogge, hinter deren Jahrgang neun Jahre liegen, schreibt am 10. April Deutsch, am 11. April Sozialwissenschaften und am 17. April Mathematik. Und bis dahin? Lernen. Lernen. Und noch mehr Lernen. Von wegen Osterferien. Rogges Eltern fahren in Urlaub. Ihr Freund fährt in Urlaub. Und die G9-Schülerin wird die Tage vor dem Schreibtisch verbringen. So wie an Karneval, als alle anderen feierten. „Zwischen den Prüfungen bleibt ja keine Zeit zum Lernen. Wir müssen uns vorab auf alle Fächer vorbereiten“, sagt sie. Und die G8-Schülerin erzählt, dass sie in den Ferien zum Lernen zu ihrer Freundin Elena zieht. Die Eltern sind in Urlaub. Nur zwei Tage wollen die Schülerinnen frei halten und einen davon in Lüttich verbringen. „Wir wollen lernen. Aber vor allem müssen wir es“, sagt sie.

108 im Mathe-LK

In 36 verschiedenen Fächern können die Schüler in NRW Abiturprüfungen ablegen. Am Aachener Couven-Gymnasium sind es 12 verschiedene im Leistungskurs (LK) und 14 schriftlich in den Grundkursen (GK), in denen ab dem 9. April geprüft wird. Hinzu kommen mündliche Prüfungen in 19 Fächern. Die meisten Klausuren werden in Mathematik geschrieben – 108 im Leistungskurs und 49 im Grundkurs. In Englisch sind es 92 LK- und 41 GK-Klausuren, in Deutsch 54 im LK und 41 im GK. Zum Vergleich: 2012 war Deutsch mit 48.028 Prüfungen an Gymnasien und Gesamtschulen das landesweit beliebteste Fach vor Mathematik (47.091), Englisch (41.011), Biologie (32.706) und Geschichte (22.387). Die wenigsten Prüflinge werden am Couven in den Leistungskursen Kunst (26), Biologie (22) und Informatik (25) gezählt, wobei die Schule den einzigen Informatik-LK in Aachen anbietet. Im Grundkurs Chemie gibt es gar nur einen Prüfling, in Philosophie 3 und in Erdkunde 6. Landesweit waren es 2012 nur 82 in Griechisch, 35 in jüdischer Religionslehre, 28 in Hebräisch, 26 in Japanisch und 9 in Portugiesisch.

Alles doppelt so groß

An Oberstufenkoordinator Christian Fengler liegt es, von Chemie bis Mathematik alle Prüfungen auf die sprichwörtlichen Beine zu stellen. Zeitgleich war er in das Abi-konzert eingebunden, in eine Infoveranstaltung fürs neue Schuljahr, in einen Studientag, in die Organisation der Vertiefungs- und Projektkurse – die letzten Vorabiklausuren hat er am Vorabend der Notenabgabe mit Zensuren versehen. „Es ist kein Horror, aber das zweite Halbjahr ist für mich immer sehr stressig. Und in diesem Jahr ist beim Abitur eben alles doppelt so groß“, sagt er.

Ihr Abitur werden Annika Pütz und Inés Rogge gewiss bestehen – auch wenn unter ihrer Vorabiklausur in Sozialwissenschaften eine 3 statt der erwarteten 2 stand. Andere sind nicht einmal bis zu den Vorabiturprüfungen gekommen. 93 Schüler des G8-Jahrgangs werden am Couven geprüft. Als die Schüler wegen ihrer Abi-T-Shirts zusammensaßen, stellten sie fest, dass im Laufe der acht Jahre 90 Schüler den Jahrgang verlassen haben. Und im G9-Jahrgang ist die Zahl ähnlich.

Um die Schüler bestmöglich auf die anstehenden Abschlussprüfungen vorzubereiten, wählen die Schulen ihre ganz eigenen Methoden. So wurden Einblicke in alte Abiturklausuren gewährt, die das Schulministerium freigegeben hat, damit die Schüler auch ein Gefühl dafür bekommen, wie ihre Aufgaben letztlich formuliert werden könnten. „Im ersten Quartal des zweiten Halbjahres, also dem letzten der Schüler vor dem Abitur, orientiert sich der Unterricht sehr stark an den Abituranforderungen“, erklärt Günther Sonnen. Die mündliche Prüfung wurde simuliert. Seit sechs Jahren nimmt sich das Couven-Gymnasium dafür vier Stunden, es werden Prüfungskommissionen gebildet, Freiwillige bekommen wie beim Abitur eine halbe Stunde Zeit zur Vorbereitung und stellen sich den Fragen, alle Schüler beobachten und werten aus. Dafür müssen Lehrer anderswo abgezogen und vertreten werden. „Aber wir nehmen die Vorbereitung sehr ernst und investieren gerne diese Zeit. Wir nehmen die Befremdlichkeit der ungewohnten Prüfungssituation so raus“, erklärt der Schulleiter.

Die Angst vor der Prüfung

In Kleingruppen bekamen die Schüler ein Gespür für Aufgaben und Dauer. Pütz hatte eine „unglaubliche Panik“ davor und spricht nun ganz entspannt, wie sie in Sozialwissenschaften zunächst den Konjunkturzyklus samt Pro und Kontra erklärt hat und dann die Europapolitik mit Lissaboner Vertrag thematisiert hat. „Das hat mir alle Panik genommen“, sagt sie. „Die Angst, die die Simulation hervorruft, zeigt, wie groß die Angst vor der Wirklichkeit, der eigentlichen Prüfung sonst ist“, erklärt Sonnen.

Drei Ausbildungs- und Prüfungsordnungen haben die Schüler des Doppeljahrgangs durch die Oberstufe begleitet. Die G8er mussten beispielsweise mehr Kurse belegen. Im nächsten Jahr werden es noch mehr sein. Aber die Abiturbedingungen sind für alle gleich. „Die Abschlüsse sind absolut vergleichbar“, sagt Oberstufenkoordinator Fengler. Und gleich anspruchsvoll.

Die Schüler trennen in den letzten Wochen deswegen mehr denn je zwischen wichtig – also abiturrelevant – und unwichtig – nicht geprüfte Fächer. „Es gibt Leute, die schwänzen gezielt, um in ihren Abiturfächern lernen zu können“, berichtet Inés. Es komme aber auch viel zu viel zusammen: Vokabeltests in Nicht-Abi-Fächern, eine Ausarbeitung in Englisch, das Referat in Sozialwissenschaften. „Man steht immer wieder vor einem Berg und weiß nicht, wie man den bewältigen soll“, fügt sie hinzu. Pütz hat ständig Pläne aufgestellt, was sie wann leisten muss. Hausaufgaben, Handouts, Klausuren, Tests. Sie war am Limit. Und litt stressbedingt unter einem Tinnitus.

Das Privatleben leidet

Und Freizeit? Die geht seit Monaten gegen Null. „Ich bin froh, wenn ich abends müde vor den Fernseher fallen kann. Das Privatleben leidet schon sehr“, sagt Annika. Klar, beide hätten sich nicht ins Abiturkomitee wählen lassen müssen, sie hätten zusehen können, wie andere die Vorbereitung stemmen. „Ich will aber einen schönen Abschluss“, sagt die G8-Abiturienten. Und der steht nun bevor. Der letzte G9-Jahrgang verlässt damit die Gymnasien – nur gut ein Dutzend Schulen hatte einen Antrag gestellt, zum Abitur nach neun Jahren zurückzukehren, nachdem 2004 Schulministerin Barbara Sommer mit der schwarz-gelben Landesregierung die Schulzeitverkürzung beschlossen hatte. Beiden Jahrgängen gleich sind die Gefühle, die sie während der letzten Tage begleiten. Vorfreude und Traurigkeit mischen sich zunehmend.

Beim Abikonzert flossen Tränen. Ihr Amt als Schülersprecherin hat Inés Rogge schon abgegeben: „Es hat Spaß gemacht, aber jetzt ist es gut so.“ Es ist ohnehin schwer, in diesen Tagen an etwas anderes zu denken. Auch außerhalb des Schulhauses. Wenn die Familie zusammenkommt, dann ist der Schulabschluss der Tochter, Enkelin oder Nichte immer Thema. „Es nervt“, sagt Rogge. Gefragt wird vor allem nach dem Danach. Sie wird ins Ausland gehen, ein halbes Jahr nach Venezuela. So ist es geplant. Und dann? Die Frage ist noch nicht beantwortet. Pütz hört dieselben Fragen. Sie wird zwei Monate mit einer Freundin durch Europa reisen und sich dann um einen Medizinstudium bemühen – möglichst in Münster. „Ich muss mal raus aus Aachen und bin froh, wenn die Schule hinter mir liegt“, sagt Rogge. „Ich brauche mal eine andere Umgebung“, erklärt Pütz.

Doch auf dem Weg dahin steht noch der Schreibtisch. Der Ort, an dem in den Ferien zig Stunden gelernt werden. Urlaub machen andere.

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