(Un)Entspannte Stunden mit Kanzlerin

Von: Matthias Hinrichs
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Das Warten hat ein Ende – die Kanzlerin ist fast auf die Minute pünktlich: der stressigste Moment der Woche für die Presseschar – und wohl der stolzeste für die Chefs von ComConsult, OB Marcel Philipp und die Organisatoren. Foto: Harald Krömer
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Noch ein Sicherheitsexperte: Seiner Nase entgeht garantiert nichts – natürlich auch nicht die eigens als „Belohnung“ platzierte Sprengstoffkapsel.
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Autogramm inklusive: Angela Merkel lobt das „Switch“-Projekt als wegweisend für ganz Deutschland.

Oberforstbach. Als erstes sieht man natürlich viele edle Anzüge. Kampfanzüge sieht man nicht. Nur dezente Herren mit Schlips und kostümierte Damen, die hauptsächlich Smalltalk mit ihren Handys machen. Selbst das alltägliche Blech fließt völlig unbehelligt vorbei am Portal der Firma ComConsult Kommunikationstechnik in der Pascalstraße.

Hin und wieder schleicht sich auch ein Streifenwagen an und (meist in blauer Uniform) auch mal ein Passant – aber weit und breit kein Demonstrant. Fast ein Tag wie jeder andere; wenn auch ein strahlend schöner. Kanzlerinnenwetter halt. Im stahlblauen Aprilhimmel brummen die ersten Bienen, nicht ein einziges Hubschrauberblatt rotiert. Auch sonst rotiert scheinbar niemand. Die Herren im schicken Zwirn bekunden auf Nachfrage allesamt ganz cool, dass sie wunderbar geschlafen haben und nicht die Spur nervös sind. Fast könnte man‘s glauben, wäre da nicht die blitzende Phalanx aus Pressekameras und Mikros, die jeden ihrer Schritte hungrig beäugt. Abschalten geht jetzt erst mal gar nicht.

Traum der Beschützer wird wahr

Stell dir vor, die Kanzlerin kommt, und kaum einer geht hin . . . Der Traum der ganz besonders unauffälligen Anzugträger (Markenzeichen: stämmiger Oberkörper, Sonnenbrille, verschränkte Arme, teilnahmsloser Blick) wird wahr an diesem milden Morgen im Herzen des „Silicon Valley“ von Aachen. Nur für geladene Gäste – das Konzept der Organisatoren, allen voran das der städtischen Wirtschafts- und Image-Förderer sowie, siehe oben, der dezenten Menschen vom Bundeskriminalamt, geht bestens auf. Wer jetzt nicht die Chance nutzt, sich im Öcher Vorsommer zu sonnen statt im Glanz der Macht, ist selber schuld. Denn erst mal passiert rund anderthalb Stunden – gar nichts.

Die akkreditierten Kollegen dürfen sich ein ziemlich wichtiges Schildchen mit ihren Namen um die Hälse hängen. Dann werden sie sogar explizit aufgefordert, die Arbeit niederzulegen – komplettes Equipment auf dem Eingangspflaster ausbreiten, bitteschön. Denn der erste große Auftritt gehört dem Spürhund (selbst dessen Name soll tabu bleiben – schon okay). Nachdem der quirlige Vierbeiner sich überzeugt hat, dass nicht etwa einer noch ein leckeres Wurstbrot in der Kameratasche verstaut hat, findet er tatsächlich – eine Sprengstoffkapsel. Erfolgserlebnis muss sein! Auch wenn der belgische Schäferhund eigentlich nur spielen will. Darf er auch, nachdem sein „Chef“ besagte Kapsel wieder sicher an sich genommen hat.

Punktlandung per Helikopter

Besser ist das. Weil, jetzt kommt sie wirklich. Dr. Angela Merkel hat zur Punktlandung angesetzt, wie der städtische Pressechef Bernd Büttgens es gerade in einem knappen „Briefing“ für die exklusive Medienschar versprochen hat. In jedem Sinn. Fast auf die Minute planmäßig ist die Bundeskanzlerin nebst Bundesforschungsministerin Johanna Wanka in der Lützow-Kaserne „abgestiegen“, hört man. Per Hubschrauber – na also, wenigstens einer. Minuten später rauscht eine kleine Kolonne aus fünf schweren schwarzen Limousinen vor dem Firmen-Entree an.

Eine wohlbekannte Dame im knallblauen Kostüm steigt aus. „Guten Tag!“, sagt Angela Merkel. Sie lächelt. Händeschütteln mit den Herren in den Anzügen, allen voran den ComConsult-Geschäftsführern Stefan Rolf und Martin Woyke sowie natürlich OB Marcel Philipp. Merkel lächelt weiter tapfer gegen das Blitzlichtgewitter an und formt ihre Hände zu einer Raute. Heißt: Jetzt wird‘s ernst. Jedenfalls für die ganz wenigen Auserwählten, die die Regierungschefin bei ihrer fast anderthalbstündigen Tour auf den Spuren des Studienabbrecher-Projekts „Switch“ eskortieren dürfen.

Die übrigen Kameraträger nutzen die nächste Zwangspause, um draußen ihr Equipment und ihren Teint zu pflegen oder sich an belegten Brötchen und Kaffee gütlich zu tun. Dann dürfen sie wieder rein. Die nächste protokollarische Punktlandung findet in der ziemlich beengten Kantine des Unternehmens statt: Statement für die Presse. „Die Stadt Aachen hat mit dem ,Switch‘-Modell für Studienabbrecher eine hervorragende Kooperation mit Kammern, Berufsschulen, Hochschulen und Bundesagentur für Arbeit realisiert“, lobt die Kanzlerin und formt eine Raute mit ihren Händen. „Wir wollen, dass dieses Beispiel bundesweit im wahrsten Sinne Schule macht.“ Denn trotz der derzeit guten Lage auf dem Arbeitsmarkt seien immer noch 19 Prozent aller Menschen, die keine Ausbildung haben, ohne Beschäftigung.

Blitzschnell im Fernsehen

Augenblicke später haben die „Öffentlich-Rechtlichen“ schon einen ausführlichen Beitrag über das „Switch“-Projekt und Merkels Aachen-Visite gesendet. Nachfragen „vor Ort“ sind allerdings nicht vorgesehen. Und kaum möglich. Nach handgestoppten zwei Minuten ist die Regierungschefin wieder entfleucht. Zurück bleiben eine verdutzte Medienmeute und viele stolze Anzugträger, letztere sichtlich erleichtert und hocherfreut über einen offensichtlich perfekt organisierten Arbeitsbesuch von allerhöchster Ebene.

Weil die Chefin schon weg ist, sind jetzt vor allem die „Azubis“ schwer gefragt, die gerade noch Angela Merkel persönlich Auskunft geben durften über ihre „geswitchte“ Karriere vom angehenden Akademiker zum Fachinformatiker. „Die Kanzlerin war sehr nett“, sagt einer. „Alles war völlig unentspannt – ähm, entspannt, wollte ich sagen!“ Seltsam vielleicht, aber der Mann hat völlig Recht.

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