Aachen - Umzug nach 168 Jahren: Schneiderwind verlässt die Krämerstraße

Umzug nach 168 Jahren: Schneiderwind verlässt die Krämerstraße

Von: Robert Esser
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Zieht von der teuren Krämerstraße an den preiswerten Lindenplatz: Marius Offermanns, Inhaber von Pfeifen Schneiderwind. Foto: Harald Krömer
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Ein Dach für den Dahmengraben? Investoren überlegen, wie sie die schwächelnde Einkaufsstraße aufwerten können. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Man darf das historisch nennen: Nach 168 Jahren endet in der Krämerstraße eine Ära. Im Oktober 2014 kehrt das Aachener Traditionsgeschäft Pfeifen Schneiderwind dem stadtbekannten Eckhaus Nummer 13 den Rücken. Dies ist im Kern der Altstadt bislang wohl der prominenteste Vorbote für die bevorstehenden, grundlegenden Veränderungen der Einzelhandelslandschaft.

Im Fall Schneiderwind knackte die Quadratmeter-Miete zuletzt die 100-Euro-Marke – ergibt mehr als 8200 Euro monatliche Pacht für 82 Quadratmeter Ladenfläche. Zu viel. Man zieht um. Geschäftsführer Marius Offermanns, der das Unternehmen 2004 von seinem Vater übernahm, feierte 2013 zwar den höchsten Umsatz der kompletten Firmengeschichte. Aber: „Die immensen und stetig steigenden Kosten stehen für uns im Widerspruch zu sinkender Lauffrequenz und wachsendem Online-Handel“, sagt er.

Hinter verschlossenen Türen

Unabhängig davon beraten andere „Macher“ und „Entscheider“ Visionen für die Innenstadt – noch – hinter verschlossenen Türen. So treffen sich in diesen Tagen unter dem Stichwort „Aachen AG“ Großinvestoren wie Norbert Hermanns und Gerd Sauren, Vertreter der Initiative Aachen sowie Politiker der Ratsfraktionen und die Aachener Verwaltungsspitze, um erstens Einzelhandels-Vertreter der unterschiedlichen Interessengemeinschaften der Einkaufstraßen (Dahmengraben, Krämerstraße, Adalbertstraße, Markt etc.) unter einem Dach zu versammeln und zweitens Maßnahmen zur Stärkung des Einzelhandels in der Altstadt zu konkretisieren – und gemeinsam zu finanzieren. Eine Idee dabei: die Überdachung der Fußgängerzone Dahmengraben. Dort stehen derzeit über ein Dutzend Ladenlokale leer.

Natürlich hat man generell im Blick, wie man bis zur Fertigstellung des Kaiserplatz-Kundenmagneten Aquis Plaza zum Jahreswechsel 2015/16 mehr Anziehungskraft für den historischen Stadtkern schaffen kann. Nicht nur teils horrende Mietforderungen einiger Immobilieneigentümer forcieren Leerstand. Gerade Branchen, die mit extrem knappen Gewinnmargen operieren – und dazu zählt der Tabak- und Spirituosenhandel–, sind auf hohe Kundenfrequenzen angewiesen. In der Textilbranche etwa liegen die Gewinnmargen weit höher; auch deswegen bestimmen große Modeketten vielerorts das Stadtbild. Hingegen sucht angestammter, inhabergeführter Einzelhandel das Weite. Die Adalbertstraße mit ihren Topmieten in 1a-Lagen hat diese Entwicklung bereits hinter sich.

Schneiderwind sorgt vor. Geschäftsführer Offermanns verfolgt beim Standortwechsel ein wohlüberlegtes, bis ins Detail ausgearbeitetes Konzept. Rund 10 000 Pfeifen, zentnerweise feiner Tabak, über 7000 verschiedene Zigarren und hunderte Spirituosen packen Offermanns und seine elf Mitarbeiter also im Herbst sorgsam zusammen. Wenige hundert Meter entfernt, am Lindenplatz, bezieht das familiengeführte Einzelhandelsgeschäft sein neues Domizil in einer ehemaligen Videothek. Auf 440 Quadratmetern soll dort in den kommenden Monaten ein exklusives Geschäft im klassisch-gediegenen Stil entstehen. Mit viel Holz, Leder und schmucken Teppichen.

„An der Krämerstraße platzte unser Lager aus allen Nähten; und am Lindenplatz gibt es künftig sogar 13 nur für unsere Kunden reservierte Parkplätze“, nennt der Firmenchef weitere Umzugsgründe. Er weiß aus einer eigens in Auftrag gegebenen Analyse: „Nur drei Prozent unserer Kunden kommen aus der sogenannten Laufkundschaft oder sind Touristen. Das hat uns überrascht, aber vor allem sehr gefreut. Denn 97 Prozent Stammkunden bestärken uns in der Erwartung, dass sie Schneiderwind auch am Lindenplatz bei zudem erweitertem Produkt-Portfolio treu bleiben.“ Wobei die Freunde exquisiter Rauchkultur besonders auf ihre Kosten kommen dürften.

„Wir realisieren als zentralen Bestandteil des neuen Geschäftskonzepts eine Raucherlounge, in der unsere Kunden Zigarren, aber auch mal eine Flasche Cognac genießen können“, erklärt Offermanns. „Dank des unnötig verschärften Nichtraucherschutzgesetzes gibt es diese Möglichkeit ja sonst nirgendwo mehr in Aachen“, sagt er. SPD und Grüne haben sämtliche Raucher in Nordrhein-Westfalen aus Gastronomie-Betrieben verbannt. „Aber so lange wir keine Schanklizenz und keinen Service, also keine Bedienung, haben, entspricht unsere Raucherlounge den gesetzlichen Bestimmungen“, erläutert Offermanns. Er ist sicher: Hier darf bald gequalmt werden, keiner muss vor der Ladentüre paffen.

Der Schneiderwind-Chef stellt klar: „Wir ziehen um, um expandieren zu können. Und wir bleiben ja in Marktnähe. Aber wir brauchen mehr Platz – übrigens auch für die Versandlogistik unseres eigenen Online-Handels.“ Offermanns ist überzeugt: Wer die Zeichen der Zeit im Aachener Einzelhandel jetzt nicht erkennt, ist bald wirklich Geschichte.

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