Aachen - Ulla Schmidt will von falscher Routine nichts hören

Ulla Schmidt will von falscher Routine nichts hören

Von: Hans-Peter Leisten
Letzte Aktualisierung:
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Treffpunkt Hof, einer der Lieblingsorte in Aachen für Ulla Schmidt. Die 68-Jährige Sozialdemokratin kandidiert zum achten Mal für den Deutschen Bundestag. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Die Frau wirkt tiefenentspannt. Das mag natürlich in erster Linie daran liegen, dass sie bereits zum achten Mal für den Deutschen Bundestag kandidiert. Routine ist da so etwas wie Abgeordnetenpflicht. Aber den Begriff Routine will Ulla Schmidt in Zusammenhang mit ihrer parlamentarischen Arbeit nicht hören. Mit zu viel Leidenschaft sei sie immer noch dabei, betont die Aachenerin im Gespräch immer wieder.

Irgendwie sind die Begriffe Ulla Schmidt und Bundestag gefühlt in den letzten Jahrzehnten zu einer selbstverständlichen Einheit geworden. 1990 feierte sie ihre Bundespremiere, damals noch in Bonn. Alterspräsident im ersten frei gewählten gesamtdeutschen Parlament nach 1932 war Willy Brandt, und auch heute noch kann sich Ulla Schmidt sehr gut an ihre erste Rede als Abgeordnete erinnern.

Parlamentarische Erfahrung hatte sie damals noch nicht wirklich viel. Ein Jahr zuvor war sie für die SPD in den Aachener Stadtrat gewählt worden – und dann direkt die große Bühne. Und in gewisser Weise ist es bezeichnend für die Politikerin, dass sie sofort mit einem sozialpolitisch verdammt heißen Eisen das Plenum aufrüttelte. „Es ging um Kinderpornografie auf Videokassetten. Diese Form der Verbreitung stand damals tatsächlich noch nicht unter Strafe. Entsetzlich“, erinnert sich die Mutter einer Tochter und zweifache Großmutter an die familienpolitische Auseinandersetzung jener Jahre. Kurz danach ihre herbe öffentliche Kritik an der Mini-Playback-Show bei RTL mit zahlreichen medienwirksamen Auftritten. Ulla Schmidt war im Eilzugtempo in der großen Politik angekommen.

Das ist über ein Vierteljahrhundert her, und Ulla Schmidt, heute 68 Jahre alt, hätte auch den Alternativweg zur erneuten Kandidatur „für Aachen in Berlin“ antreten können. „Ich wollte eigentlich aufhören“, gesteht sie kurz und spricht von ihrem Engagement für die Deutsche Lebenshilfe und die Hospizbewegung. Sie erwähnt mit einem Lächeln die 14 und 16 Jahre alten Enkelkinder, spricht von Städtereisen.

In der Entscheidungsphase kam dann doch schnell der Wandel. „Nicht nur weil mir viele gesagt haben: Mach es doch noch einmal. Und auch nicht, weil mögliche Nachfolger heute noch sehr jung sind. Sondern weil ich immer noch mit Leidenschaft Abgeordnete bin, weil ich gerne mit Menschen zu tun habe – und das für mich die Seele von Politik sein muss.“

Sie will weiter – und damit nennt die Bundesvorsitzende der Lebenshilfe programmatische Schwerpunkte – für Behinderte kämpfen. Das Menschenrecht der Teilhabe sei keine Utopie. Jetzt komme es darauf an, das Bundesteilhabegesetz in den nächsten vier Jahren umzusetzen und mit Leben zu füllen. Den Prozess will sie viel mehr vorantreiben als ihm zuzuschauen. Eine für Behinderte barrierefreie Gesellschaft sei schließlich für alle barrierefrei. Wenig überraschend: Das passe ins SPD-Programm.

Die Bundestagsvizepräsidentin spricht von „der nationalen Aufgabe der Kindergartengestaltung und Verbesserung der schulischen Infrastruktur“. Sie richtet den Fokus auf die Digitalisierung der Produktion und die enorm wichtige Einbindung der Sozialverbände in diesen Prozess: „Die wegfallenden Arbeitsplätze müssen ersetzt werden. Da kommt noch viel Dynamit auf uns zu.“

Kommunikationsstrukturen

Ulla Schmidt wird im Falle der Wiederwahl („Natürlich am besten über das Direktmandat“) an den Kommunikationsstrukturen Aachen-Berlin nichts ändern. Rosa Höller-Radtke würde dann auch weiter als Referentin Ansprechpartnerin hier vor Ort bleiben. Sie betont das Bekenntnis zu ihren Wurzel: „Jeder kann sich an mich wenden. Ich werde nicht alle Probleme lösen können. Aber ich werde mich kümmern.“ Aachen und Berlin rücken vielleicht noch ein Stückchen näher zusammen. Wenn es zum Beispiel darum geht, die vielen Netzwerke im Klinikbereich, im Demenzsegment oder auch in der Palliativpflege vor Ort zu vermitteln und von Berlin aus zu stärken.

Den Ort für das Pressegespräch hat die Politikerin selbst bestimmt. Der liegt im Herzen der Altstadt im Hof. Weil sie ganz viel Aachen im Herzen habe und immer haben werde. Ein anderer Lebensmittelpunkt als ihre Heimatstadt nach dem Ende der politischen Laufbahn – wann immer dies auch komme – sei undenkbar. Es fällt nicht schwer, der Frau mit den zwei Wohnsitzen zu glauben. Denn mit der gleichen Begeisterung, mit der sie von ihren Besuchen bei der German Academy an der New Yorker 5th Avenue berichtet, erzählt sie von der jüngsten Visite bei der Streuengelchen-Kirmes im Rosviertel. Von den eigenen Erinnerungen an Kindheitstage in eben diesem Viertel, und wie sie mit den anderen Kindern auf die herabfallenden Bonbons gewartet habe: Beide Seiten passten problemlos in ein Herz.

Bundesministerin

Von 2001 bis 2009 war die frühere Einhard-Schülerin Bundesministerin, zunächst für Gesundheit, dann für Gesundheit und Soziale Sicherung. Nicht viele Aachenerinnen und Aachener können auf Vergleichbares zurückblicken. Aber in einem Punkt lässt Ulla Schmidt keinen Zweifel aufkommen: „Ich trete definitiv das letzte Mal an.“ Die Worte klingen wie in Stein gemeißelt. Über ihren CDU-Kontrahenten Rudolf Henke verliert sie im Übrigen kein einziges Wort. Nicht aus Geringschätzung. Ulla Schmidt ist nach 27 Jahren Bundespolitik ganz bei sich. Die Frau ist tiefenentspannt

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