Aachen - Über 1000 Fälle von häuslicher Gewalt

Über 1000 Fälle von häuslicher Gewalt

Von: Rauke Xenia Bornefeld
Letzte Aktualisierung:
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Stellten die neuste Entwicklung vor: Sylvia Reinders, Kriminalhauptkommissarin und Operschutzbeauftragte der Polizei, Natalie Djurkovic, Mitarbeiterin des Vereines Frauen helfen Frauen und Renate Wallraff, Leiterin der Fachstelle gegen häusliche Gewalt des Diakonischen Werkes.

Aachen. Gewalt ist keine Frage des sozialen Status. „Gewalt wird unabhängig von Religion, Kultur, Alter, Bildungsgrad oder sozialer Schicht immer wieder als Lösungsweg versucht“, hat Renate Wallraff, Leiterin der Fachstelle gegen häusliche Gewalt der Diakonie in Alsdorf, in ihrer täglichen Arbeit festgestellt.

Um Opfer dieser fehlgeleiteten Strategie zu schützen, trat 2002 das Gewaltschutzgesetz in Kraft. Seitdem steigen die Zahlen von zur Anzeige gebrachter häuslicher Gewalt und damit im Zusammenhang stehenden Wohnungsverweisen beständig.

Im vergangenen Jahr registrierte das Polizeipräsidium Aachen 1020 Anzeigen in diesem Zusammenhang. 620 Wohnungsverweise wurden ausgesprochen und den Opfern somit zehn Tage Luft zum Nachdenken verschafft. „Da liegen wir mit 61 Prozent deutlich über dem Landesschnitt“, stellte Kriminalkommissarin Sylvia Reinders, Opferschutzbeauftragte des Polizeipräsidiums Aachen, fest und lobte ihre Kollegen: „Da wird konsequent gehandelt.“

Das Gewaltschutzgesetz sieht gleichzeitig vor, dass die Polizeibeamten die Opfer mit Infos über Beratungsmöglichkeiten versorgen und – falls gewünscht – die Kontaktdaten an Interventionsstellen weitergeben. In der Stadt Aachen ist dafür der Verein „Frauen helfen Frauen“ zuständig, im restlichen Gebiet der Städteregion hilft die Fachstelle gegen häusliche Gewalt der Diakonie weiter. In 420 der 1020 Fälle durfte die Polizei die Daten der Opfer weitergeben und die Interventionsstellen suchten den Kontakt. „Auch da liegen wir über dem Landesdurchschnitt“, meinte Reinders.

In die Beratungen kommen dann Frauen – bekannte Fälle von Gewalt gegen Männer in heterosexuellen Gemeinschaften sind selten – die noch ganz am Anfang eines Weges zu einem selbstbestimmten Leben stehen. Die Gefahr, dass sie dem Teufelskreis von Gewalt und Versöhnung nicht entkommen können, ist groß. „Sie sind nicht stark und haben viel Arbeit vor sich, wenn sich ihr Leben ändern soll. Trotzdem sind sie zunächst erst einmal froh über die Information und Begleitung – egal, wie sie sich am Ende entscheiden“, weiß Wallraff. Statistisch braucht eine Frau sechs bis sieben Anläufe, bis sich wirklich etwas ändert.

Registrieren mussten die beiden Interventionsstellen eine steigende Zahl junger Täter bis 18 Jahre. „Sie machten im vergangenen Jahr 20 Prozent aus“, erklärte Natalie Djurkovic von „Frauen helfen Frauen“. Das waren Söhne, die ihre Mütter schlagen – oft um Geld für Drogen zu bekommen. Oder auch Brüder, die zu Gewalt gegen die Schwester angestiftet wurden, weil sie noch unter das Jugendstrafrecht fallen.

Zudem nehmen die Beraterinnen verstärkt die Kinder der Opfer in den Blick. „Denn ungefähr jedes zweite Opfer hat Kinder, die die Gewaltausbrüche hautnah miterleben“, weiß Djurkovic. Das schlägt Wunden – egal ob der Schläger Anwalt oder Arbeitsloser ist.

Statistisch werden alle Straftatbestände von Nötigung bis Totschlag oder Mord, die in einer Lebensgemeinschaft passieren, als häusliche Gewalt erfasst. Die Polizei macht dabei keinen Unterschied, ob Täter/Täterin und Opfer in einer Paar- oder in einer anderen verwandtschaftlichen Beziehung stehen. 2012 wurden in Nordrhein-Westfalen 27.380 Strafanzeigen im Bereich der häuslichen Gewalt gestellt.

Das Gewaltschutzgesetz sieht vor, dass die Polizei den Täter oder die Täterin zehn Tage der gemeinsamen Wohnung verweisen und/oder ein Annäherungsverbot aussprechen kann. Das Familiengericht kann diese Zeit verlängern.

Das Gewaltschutzgesetz sieht ebenso das Angebot der Opferberatung durch unabhängige Stellen vor. Gleichzeitig gibt es keinen Rechtsanspruch auf Beratung. Für die Opfer macht das kaum einen Unterschied – für die Interventionsstellen schon: Sie müssen nicht vom Staat finanziert werden. Die Interventionsstelle der Diakonie bekommt eine Teilfinanzierung durch die Städteregion und stemmt den Rest durch Kollekten und Spenden. „Frauen helfen Frauen“ ist ein rein spendenfinanzierter Verein.

Wer die Arbeit der Stellen unterstützen möchte kann dies über die Spendenkonten von Frauen helfen Frauen bei der Sparkasse Aachen, Konto 6009583 und der Fachstelle gegen häusliche Gewalt der Diakonie, Bank für Sozialwirtschaft, Konto 900800, Kennwort: Frauenhaus.

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