„Tuchwerk” soll endlich in die Tuchfabrik

Von: Stephan Mohne
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Ein Traum könnte in Erfüllun
Ein Traum könnte in Erfüllung gehen: Die Margarete-Lorenz-Stiftung hat die alte Tuchfabrik Becker in der Soers gekauft. Andreas Lorenz hält mit seinen Mitstreitern im Verein „Tuchwerk” die Industriegeschichte lebendig. Sie könnte an historischer Stätte Einzug halten. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Man ist hin- und hergerissen. Soll man nun die Aktiven des Vereins „Tuchwerk” bewundern und beglückwünschen? Oder soll man sie bemitleiden? Beides. Bewundern und beglückwünschen kann man die Ehrenamtler, weil die Erfüllung ihres Traums ein ganzes Stück näher gerückt ist.

Die Margarete-Lorenz-Stiftung hat das alte Becker-Industriegelände in der Soers gekauft. Margarete Lorenz war die Mutter von Andreas Lorenz - und dieser ist seit jeher im „Tuchwerk” aktiv. Bemitleiden muss man die „Tuchwerker” aber eben auch. In der einst traditionsreichen Tuchfabrik am Wildbach regiert das Chaos, Teile sind einsturzgefährdet oder sogar schon eingestürzt. Es riecht nach Muff - hier und da auch nach Chemie. Wie viele Arbeitsstunden man in den Bau stecken muss, um ihn zu einem Textilmuseum zu machen, entzieht sich der Vorstellungskraft.

„Bis zum Kauf habe ich eigentlich gut geschlafen”, schmunzelt der Pädagoge Andreas Lorenz, dessen Vater ebenfalls ein großes Textilunternehmen führte. „Jetzt bin ich nicht mehr ganz so ruhig”, fügt er hinzu. Dabei war das mit dem Kauf vor einigen Wochen noch gar kein Thema. Doch dann wurde das Aus für die mittlerweile in Brand ansässige Tuchfabrik Becker verkündet. Und so bot sich die Chance, das Areal in der Soers halbwegs günstig zu kaufen. Zwischenzeitlich ist alles klar, der Kauf allerdings noch nicht vollzogen. Die Stadt hat dort ein Vorkaufsrecht, darüber muss die Politik noch beraten.

Maschinen aus Cockerills Zeit

Weil alles so schnell ging, „haben wir eigentlich noch keinen richtigen Plan”, bekennt Andreas Lorenz. Dabei schien das Textilmuseum, das eigentlich viel mehr sein soll als ein Museum, vor wenigen Jahren schon fast greifbar. Der Verein hatte im Rahmen der Euregionale den Förderzuschlag erhalten. Doch man nahm dann doch Abstand davon, die Pläne zu realisieren. „Wir hätten wohl nach wenigen Jahren hohe Schulden gehabt”, so Lorenz.

So wurde es still um das Projekt, während die Vereinsmitglieder dennoch fleißig daran arbeiteten, einen wichtigen Teil der Aachener Industriegeschichte lebendig zu halten. Ebenfalls in der Soers haben sie in einer 1000 Quadratmeter großen Halle Schätze aus verschiedenen Epochen der Textilindustrie stehen. Teils sind es große Maschinen. Darunter sogar solche, die fast bis in die ruhmreiche Zeit der Cockerills zurückreichen. Solche Maschinen sollen auch im neuen Museum Platz finden.

Aber eben nicht nur. Auch Stücke aus anderen wichtigen Aachener Industrien könnten die Schau ergänzen. Handwerker sollen Einzug mit „lebendigen Werkstätten” halten. Das Archiv, derzeit unter anderem im Kaiser-Karls-Gymnasium untergebracht, hätte auch noch Platz. Davon ist nämlich reichlich vorhanden. Das Areal ist 15.000 Quadratmeter groß, die Industriegebäude haben 5000 Quadratmeter Fläche.

In den Hallen ist irgendwann, als die Maschinen abgeschaltet wurden, die Zeit stehengeblieben. Wie ein Dornröschenschlaf kommt einem das vor. Auf dem Boden liegen noch Wollreste, hier steht eine alte Schreibmaschine, da sogar ein alter Werksfeuerwehrwagen, dort hängt noch die Stechuhr, und im Hof steht ein rostiger großer Tank. In ihm „schlummern” noch 20 000 Liter Schweröl, die entsorgt werden müssen. Das sei aber vertraglich geregelt, so Andreas Lorenz.

In langsamen Schritten soll es in der Soers Fortschritte geben. Denn für die Pläne wird nicht gerade wenig Geld benötigt. Die Stiftung, so sagt Lorenz, könnte ans Sozialwerk Aachener Christen „angedockt” werden. In dessen Vorstand sitzt er auch. Und überhaupt: Vielleicht könnte das Sozialwerk mit seinen vielen Projekten auch an der Umsetzung des Museumstraums mitwirken. Fördermittel erhofft man sich über Töpfe des Landes. Klar sei jedenfalls, dass die Arbeit nicht mehr allein ehrenamtlich zu stemmen sei.

Am 5. Dezember 2011 waren die „Tuchwerker” übrigens Teil der AZ-Weihnachtswunschserie. „Wir hoffen, der Aachener Industrialisierung eine geeignete Heimstätte geben zu können”, sagten sie damals. Andreas Lorenz: „Dieser Weihnachtswunsch scheint schneller in Erfüllung zu gehen, als wir alle gedacht haben.”
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