Tuchindustrie: Tot und doch quicklebendig

Von: Stephan Mohne
Letzte Aktualisierung:
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Schätze der Aachener Industriegeschichte: Im „Tuchwerk“-Depot sind Maschinen unterschiedlicher Epochen zu bestaunen – wie hier eine riesige Kratzmaschine. Es war ein weiter Weg, bis die Sammlung endlich am Strüverweg in der Soers eine feste Heimat gefunden hat. Am Samstag wird das Depot offiziell eröffnet. Foto: Andreas Steindl (4)/Ralf Roeger/Archiv/Privat
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Spross einer Tuchfabrikantenfamilie: Andreas Lorenz gehört zu den „Tuchwerkern“ der ersten Stunde. Die Stiftung seiner Mutter Margarete kaufte 2012 die Stockheider Mühle, wo zuletzt die Tuchfabrik Becker arbeitete.
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Spross einer Tuchfabrikantenfamilie: Andreas Lorenz gehört zu den „Tuchwerkern“ der ersten Stunde. Die Stiftung seiner Mutter Margarete kaufte 2012 die Stockheider Mühle, wo zuletzt die Tuchfabrik Becker arbeitete.
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Fachleute gefragt: Um die Maschinen ans Laufen zu bekommen, bedarf es ehrenamtlicher Experten – wie hier Wilfried Herrmann.
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Vorsitzender: Jochen Buhren hält am Eröffnungstag einen Vortrag über Tuche in Aachen.
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Schätze der Aachener Industriegeschichte: Im „Tuchwerk“-Depot sind Maschinen unterschiedlicher Epochen zu bestaunen – wie hier eine riesige Kratzmaschine. Es war ein weiter Weg, bis die Sammlung endlich am Strüverweg in der Soers eine feste Heimat gefunden hat. Am Samstag wird das Depot offiziell eröffnet. Foto: Andreas Steindl (4)/Ralf Roeger/Archiv
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Neugestaltung des Müschparks: Die Teichanlage am ehemaligen Gutshof ist als zentraler Platz jetzt auch der Öffentlichkeit zugänglich. Foto: Andreas Steindl
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10. September 2014 World-Wide-wool.net, Ausstellung im Tuchwerk*, © Ralf Roeger
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Schätze der Aachener Industriegeschichte: Im „Tuchwerk“-Depot sind Maschinen unterschiedlicher Epochen zu bestaunen – wie hier eine riesige Kratzmaschine. Es war ein weiter Weg, bis die Sammlung endlich am Strüverweg in der Soers eine feste Heimat gefunden hat. Am Samstag wird das Depot offiziell eröffnet. Foto: Andreas Steindl (4)/Ralf Roeger/Archiv

Aachen. Die spinnen doch! Könnte man sagen. Und hat damit auch noch in gewisser Weise recht. Das hat allerdings nichts mit dem Geisteszustand der Ehrenamtler zu tun, die an diesem Tag in der großen Halle an der Stockheider Mühle Fäden knoten und an Maschinen schrauben.

 Es sind die Aachener, die mit dem „Tuchwerk Aachen e.V.“ ein einst starkes Stück regionaler Industriegeschichte am Leben erhalten. Wie etwa Wilfried Herrmann, der gerade Fäden dreht, um sie in eine große Maschine einspannen zu können. Das würde mit den Fingern freilich ziemlich lange dauern. Also nimmt Herrmann dazu lieber eine Bohrmaschine. Man muss halt wissen, wie es geht. Und das wissen die Leute hier. Weber waren sie einst oder auch Ingenieure, die die Maschinen für die Aachener Textilfabriken und ihre Zulieferer bauten. Aber auch Schüler des KKG sind dabei, die von der Textilgeschichte fasziniert sind. 100 Tuchfabriken mit 12.000 Arbeitsplätzen gab es in Aachen einst. Seit dem Aus der Firma Becker in Brand ist keine einzige mehr geblieben.

Jetzt aber werden die Maschinen – von der riesigen Krempel- oder auch Kratzmaschine über den Sel-faktor und den Reißwolf bis hin zu Spul- und Zwirnmaschinen – wieder angeworfen. Endlich hat das Tuchwerk eine feste Bleibe gefunden. Der Verein startete 2003 und hatte sein Depot zunächst in Gut Komerich. Dann folgte der Umzug in eine Übergangsbleibe an der Rütscher Straße. Lange schon stand der Plan, letztlich zum Strüverweg in der Soers, dem ehemaligen Zweigstandort der Tuchfabrik Becker, zu gehen. Also an eine ebenso historische wie authentische Stelle. Schon zur Euregionale 2008 sollte das Ganze stehen, doch dann riss der Faden, und das Projekt platzte. Aber die Ehrenamtler um Vorsitzenden Jochen Buhren und Andreas Lorenz, der selber Spross einer Textilfabrikantenfamilie ist, ließen sich nicht beirren. 2012 kaufte schließlich die „Margarete-Lorenz-Stiftung“ die einstige Mühle. Die Umzugskartons wurden wieder gepackt – unzählige waren es.

Was dann kam, war in gewisser Weise Chaos, wie Lorenz und Buhren erzählen. Denn beim Packen kam einiges durcheinander. Am Strüverweg galt es dann, das Puzzle – teils mit tausenden Teilen pro Maschine – wieder zusammenzusetzen. Abgeschlossen ist dieser Prozess noch nicht, „aber es läuft jetzt alles bestens“, schmunzelt Andreas Lorenz. Man sieht‘s. Denn mittlerweile kann man in der „Blechhalle“, wie sie Lorenz nennt, einen nahezu kompletten Parcours der Textilfabrikation durchlaufen. Weswegen das Motto „Von der Flocke bis zum Tuch“ lautet. Die Maschinen und Kleinodien stammen aus ganz unterschiedlichen Epochen. Die älteste wurde um 1830 gebaut und stammt aus dem Kockerell-Imperium. Bisweilen wird locker-flockig improvisiert, um die Schätze ans Laufen zu bekommen. So etwa bei jener Kratzensetzmaschine, die jetzt von einem Waschmaschinenmotor angetrieben wird.

Heute sind die „Tuchwerker“ so weit, dass es die offizielle Eröffnung des Depots geben kann. Am kommenden Samstag ab 16 Uhr wird es in Anwesenheit von Bürgermeisterin Dr. Margrethe Schmeer soweit sein. KKG-Lehrer Jochen Buhren wird dabei einen Vortrag über die Geschichte der Tuchindustrie in Aachen halten, bevor dann noch auf dem Podium über den Umgang mit dem industriellen Erbe in der Region diskutiert wird. Die Eröffnung kommt pünktlich zum Tag des offenen Denkmals am Sonntag. Und auch dann wird das „Tuchwerk“ ein Anlaufpunkt sein – von 11 bis 13 Uhr gibt es dort Führungen.

Vom Traum eines richtigen Textilmuseums allerdings sind die Protagonisten noch ein ganzes Stück entfernt. Für ein solches müssten ja immerhin auch viele andere Aspekte wie etwa die sozialgeschichtlichen aufgearbeitet werden. Und es bedürfte einer Inszenierung. Apropos: Synergieeffekte in Sachen Standortwerbung gibt es derzeit genau in diesem Zusammenhang, denn derzeit probt das Theater K am aktuellen Ausweichstandort in der Stockheider Mühle fürs neue Stück und wird seinerseits reichlich Besucher dorthin locken.

Und am Mittwoch ist zusätzlich noch die große Jahresausstellung des „world-wide-wool.nets“ eröffnet worden (siehe Kasten). Es bewegt sich also einiges in der Soers. Ein Zukunftsprojekt ist der Umbau des dortigen Wohnhauses, das sozialen Zwecken dienen soll, ist Lorenz doch auch im Sozialwerk Aachener Christen aktiv. Er könnte sich vorstellen, dort minderjährigen Flüchtlingen ein Zuhause zu geben, die dann im „Tuchwerk“ auch angeleitet werden könnten.

Bis dahin wird noch einiges Wasser den benachbarten Wildbach hinunterrauschen. Aber die Leute vom „Tuchwerk“ werden sich garantiert nicht beirren lassen. Und spinnen derweil fleißig im neuen Depot.

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