Tuchfabrik Becker erneut am seidenen Faden?

Von: Stephan Mohne
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In einem Topf mit dem Mutterwerk in St. Egidien? Die ehemalige Tuchfabrik Becker - heute „Palla Creativ” - läuft Gefahr, zusammen mit dem sächsischen Standort unterzugehen. Rechtsanwalt Christoph Niering sieht den Insolvenzplan gefährtdet, weil das Land Sachsen schriflich zugesagte vier Millionen Euro noch nicht locker gemacht hat. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Die Worte des Insolvenzverwalters Christoph Niering sind ebenso deutlich wie beängstigend: „Der Freistaat Sachsen gefährdet die Sanierung der Palla Creativ Textiltechnik”, heißt es in einer Pressemitteilung vom Montag.

Palla Creativ - dieses Unternehmen kennt der Aachener noch unter der Bezeichnung „Tuchfabrik Becker”. Und die beschäftigt nicht nur in Sachsen hunderte Menschen, sondern eben auch immer noch am früheren Stammsitz im Stadtteil Brand.

Nach dem Niedergang und dem ersten Insolvenzverfahren vor einigen Jahren mit mehreren hundert verlorenen Jobs sind dort derzeit rund 190 Mitarbeiter in Lohn und Brot. Eigentlich, so hatte es am Anfang des neuerlichen Insolvenzverfahrens ausgesehen, sollte weder für den Standort St. Egidien in Sachsen, noch für jenen in Aachen eine akute Gefahr bestehen. Doch das hat sich offensichtlich schlagartig geändert.

Zwar ist in der Mitteilung lediglich vom sächsischen Werk die Rede, doch auch nach Einschätzung der IG Metall könnte ebenso Aachen in diesen Strudel hineingeraten. Was passieren könnte, klingt zunächst paradox: Nach AZ-Informationen plant Niering, im Fall einer Schließung des sächsischen Werks die Textilproduktion in Aachen zu konzentrieren.

Das aber würde wohl nicht die große „Wiedergeburt” des Textilstandorts Aachen bedeuten, vielmehr wäre auch das wahrscheinlich mit Arbeitsplatzverlusten verbunden. Besagte Produktion würde sich wohl auf Spezialerzeugnisse beschränken.

„Die Sanierung steht auf Messers Schneide, da sich die Auszahlung der Beihilfe durch den Freistaat Sachsen unerwarteter Weise verzögert”, stellt der Kölner Rechtsanwalt Niering jedenfalls enttäuscht fest. „Wir laufen derzeit Gefahr, auf der Zielgeraden bei der Ausgestaltung unseres Rettungsplans abgefangen zu werden.” Und: „500 Mitarbeiter müssen am Produktionsstandort St. Egidien wieder um ihre Arbeitsplätze bangen, obwohl die Regierung des Freistaates bereits am 29. Januar eine Beihilfe in Höhe von vier Millionen Euro schriftlich zugesagt hatte.”

Zuvor hatte Niering laut Mitteilung gemeinsam mit den Geschäftsführern, den Lieferanten und dem Betriebsrat einen umfassenden Rettungsplan ausgearbeitet, der dem sächsischen Wirtschaftsministerium vorgelegt worden sei. Niering: „Völlig überrascht sind wir über die Verzögerungen bei der endgültigen Auszahlung der Beihilfe.”

Es könne zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausgeschlossen werden, dass durch die bereits sechswöchige Verzögerung „die Rettung des Standorts St. Egidien endgültig scheitert”. Möglich sei gar, dass „selbst eine kurzfristige Auszahlung der Rettungsbeihilfe zu spät kommt.” Dann nämlich, wenn sich die Kunden bereits anderweitig orientiert hätten. Nun wird gespannt auf eine Kabinettssitzung in Sachsen geblickt, die heute stattfinden soll und auf der die Beihilfe angeblich doch noch beschlossen werden soll. Im Rahmen des Sanierungsplans war bereits ein Standort geschlossen worden.

Und es gibt noch ein weiteres Problem. Eine Firma des bei Becker eingestiegenen Investors Daun ist ebenfalls ins Insolvenzverfahren gerutscht. Dadurch gibt es offenbar Probleme mit Kreditversicherungen. Aachens IG-Metall-Chef Franz-Peter Beckers meint zu den aktuellen Vorgängen: „Wir betrachten das alles mit großer Sorge, denn die Zukunft des Unternehmens hängt weiter am seidenen Faden.”
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