Aachen - Trotz Sucht das Leben im Griff: 25 Jahre Methadon

Trotz Sucht das Leben im Griff: 25 Jahre Methadon

Von: Daniel Gerhards
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Ein Schluck gegen Entzugserscheinungen: In der Aachener Suchtambulanz bekommen Abhängige ihre tägliche Dosis Methadon. Foto: D. Gerhards

Aachen. Ende der 1980er Jahre herrschte ein Dogma in der Behandlung von Drogenabhängigen: Entzug, vollkommen ohne Drogen oder Ersatzstoffe. Die Aussicht auf Erfolg war gering, denn die Rückfallquote bei Heroinabhängigen lag bei 80 Prozent. Heute vor 25 Jahre starteten in NRW erste Modellversuche mit Methadon. Mit dem Stoff soll das Heroin für die Abhängigen obsolet werden.

Heute bekommen Substitutionspatienten – also Abhängige, die das Heroin gegen Methadon getauscht haben – den „Stoff“ bei einigen niedergelassenen Ärzten oder bei der Suchtmedizinischen Ambulanz am Bushof. Ende 2012 erhalten knapp 700 Subsituationspatienten ihr Methadon in Aachen. In dieser Zahl sind knapp 110 Insassen der JVA enthalten.

Dr. Andreas Hauer ist Leiter der Suchtmedizinischen Ambulanz am Bushof. Dort stehen viele Patienten Schlange: Sie warten auf einen kleinen weißen Becher mit einer farblosen Flüssigkeit, die ihre Sucht einen Tag lang stillt. Sie wollen, dass ihre Entzugserscheinungen abnehmen, sie wollen nicht mehr ständig „auf der Jagd“ nach Geld oder Heroin sein: Alle drei Stunden braucht ein Süchtiger ohne Methadon einen „Schuss“. „Sie müssen irgendwas tun, um an Geld zu kommen“, sagt Hauer. Das gelinge meist durch Diebstahl, Drogen-Verkauf oder Prostitution. „Sie befinden sich in einem Teufelskreis. Sie machen das, um Drogen zu bekommen und nehmen Drogen, um das auszuhalten“, sagt Hauer.

Wer Methadon nimmt, ist zwar immer noch süchtig, aber der körperliche und soziale Verfall kann dadurch gebremst werden. „Im Straßenheroin sind vielleicht zehn Prozent reines Heroin. Der Rest ist das, was grade zum Strecken da ist. Das ist sehr belastend für den Körper. Das Risiko für Infektionen ist sehr hoch“, sagt Hauer.

Soziale Probleme

Zum körperlichen Verfall kommen auch soziale Probleme: Viele Heroinabhängige haben keine Freunde außerhalb der Drogenszene und oft will die Familie keinen Kontakt mehr. In dieser Situation hilft die Suchthilfe Aachen: Dort wurden im vergangenen Jahr rund 260 Substitutionspatienten psychosozial begleitet. „Wir wollen die Leute befähigen, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen“, sagt Tom Werden, Sozialarbeiter bei der Suchtberatung. Denn die Sucht ist meist längst nicht das einzige Problem der Abhängigen.

Dazu kommen oft psychische Erkrankungen, Hepatitis, Schulden, Ärger mit Ämtern, der Justiz oder dem Vermieter. Wichtig sei, dass die Leute in das Programm und ihr Leben wieder ordnen möchten. „Man muss sehen, was die Klienten wollen“, sagt Werden. Einige wollen bloß den „Stoff vom Arzt“. Aber, so erklärt Gudrun Jelich, Leiterin der Suchthilfe, „Methadon ist kein Zaubermittel. Die Welt wird dadurch nicht plötzlich rosa“. Und was in den vergangenen zehn Jahren passiert ist, könne man nicht ungeschehen machen.

Werden und seine Kollegen müssen häufig schon bei sehr einfachen Dingen ansetzen: Er erzählt von einem Klienten, der seinen Briefkasten nicht mehr öffnet – aus Angst vor einem bösen Brief. „Die Leute stecken den Kopf unter die Decke, irgendwann gehen sie gar nicht mehr in die Wohnung, um die Post nicht lesen zu müssen“, sagt Werden. Da helfen nur Einzelgespräche: „Die Leute müssen sich einen Vorteil erhoffen, damit sie ihr Verhalten ändern.“ Über diese Vorteile spricht Werden mit ihnen. Solche Prozesse dauern sehr lange. Die Suchthilfe begleite viele Leute über Jahre.

Dass Methadonpatienten irgendwann tatsächlich vollkommen ohne Drogen oder Ersatzstoffe auskommen, ist derweil nicht die Regel. Dafür müsse man die tägliche Dosis über Monate oder Jahre reduzieren. Der Entzug vom Methadon sei dabei schwieriger als ein Heroinentzug, sagt Hauer. „Die süchtige Prägung des Gehirns lässt sich über das ganze Leben nicht auflösen“, sagt Hauer. Aber einige schafften es damit umzugehen. Nur rund zehn Prozent der Patienten gelinge es vollkommen auszusteigen, schätzt er.

Dafür gelinge es vielen Süchtigen gut zu leben: Sie nehmen ihre tägliche Dosis Methadon, keine anderen Drogen, haben eine Arbeit, dürfen sogar Autofahren oder haben eine Familie. „Die Option Abstinenz bleibt unser oberstes Ziel. Aber wir können das nicht befehlen“, sagt Hauer. Eine Verbesserung der persönlichen Situation bringe das Programm aber bei jedem, der länger dabei bleibt.

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