AZ App

Trotz allem: „Die Türken wollen keine Diktatur“

Von: Matthias Hinrichs und Oliver Schmetz
Letzte Aktualisierung:
14441155.jpg
„Erdogan spricht die Sprache der einfachen Menschen“: Muhsin Ceylan hat viele Erklärungen für den Erfolg des türkischen Präsidenten. Als Gegner der aktuellen politischen Entwicklung in seiner ehemaligen Heimat nimmt der Aachener Journalist kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, populistische Strategien kritisch zu analysieren – ebenso wie die aus seiner Sicht anhaltenden Probleme der Integration in seiner (gar nicht mehr so) neuen Heimat Aachen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Zahlreiche seiner Kollegen in der Türkei sitzen hinter Gittern – mundtot gemacht, weil sie nicht „auf Linie“ waren, wenn es um die dramatische politische Entwicklung in ihrer Heimat ging. Und immer mehr Deutsch-Türken schweigen lieber zum Ausgang des Referendums, das vor allem den „starken Mann“ in Ankara, Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan, noch viel stärker gemacht hat.

Muhsin Ceylan spricht – und schreibt – weiter. Wenn er ein Blatt vor den Mund nimmt, dann höchstens bei der Zeitungslektüre. Wie er es immer getan hat: Schon vor rund 20 Jahren gehörte der engagierte Journalist, der seit 1981 in Aachen lebt, zu den Ersten, die auf die inzwischen heiß diskutierten Probleme der Integration in seiner neuen Heimat aufmerksam gemacht haben.

Bis heute scheut der 56-Jährige sich nicht, auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen und die Mächtigen offen zu kritisieren – ob in der Türkei oder hierzulande. „Wir haben es leider versäumt, die Kinder der Migranten abzuholen“, sagt Ceylan. Und lässt keinen Zweifel daran, dass er die aktuelle Situation dies- und jenseits des Bosporus weiter couragiert in den Blick rücken will.

 

Sie haben nie einen Zweifel daran gelassen, dass Sie gegen Erdogans Verfassungsreform sind. Sind Sie trotzdem froh, dass das Referendum vorbei ist? Es hätte auch zu Ausschreitungen und Gewalt kommen können, oder?

Ceylan: Oh ja, da bin ich schon erleichtert. Ich hätte mir natürlich ein anderes Ergebnis gewünscht, und dass es so knapp ausgefallen ist, macht die Situation nicht gerade einfacher.

Manipulationsvorwürfe stehen im Raum. Wie offen kann die Diskussion in der Türkei jetzt noch geführt werden?

Ceylan: Das ist die Frage, wenn man bedenkt, dass etwa 80 Prozent der türkischen Medien der Regierung zumindest nahestehen und viele kritische Journalisten eingesperrt sind. Was die Debatte um Manipulationen betrifft: Ich glaube, sie ist jetzt schon praktisch beendet; das Spiel ist sozusagen abgepfiffen.

Der Aachener Bundestagsabgeordnete Andrej Hunko hat als Wahlbeobachter bekräftigt, die Abstimmung sei „weder frei noch fair“ verlaufen. Glauben Sie das auch?

Ceylan: Ich weiß es nicht, keine Ahnung. Jede Aussage dazu würde auf Spekulationen basieren. Ich bin aber sicher, dass die Wahrheit irgendwann ans Licht kommt.

Wie haben Sie die Diskussionen unter den Türkischstämmigen hier in Aachen erlebt? Die Migranten und ihre Kinder haben deutlicher pro Erdogan votiert als die Menschen in der Türkei.

Ceylan: Ich habe natürlich selbst viele sehr kontroverse Gespräche geführt; man muss sehen, dass Erdogan und die AKP, seit sie in der Regierung sind, das Land auch nach vorn gebracht haben. Vor allem in die Infrastruktur und ins Gesundheitssystem ist viel investiert worden.

Das kommt bei den Menschen natürlich gut an, auch bei den Deutsch-Türken, die hier leben, weil viele von ihnen sich abgehängt fühlen in der deutschen Gesellschaft. Es macht sie stolz, wenn die alte Heimat voranschreitet. Ein Teil unserer Mitmenschen erlebt dieses Gefühl in der deutschen Gesellschaft leider nicht.

Sie sind als kritischer Journalist sehr bekannt, schreiben für viele türkische Zeitungen und arbeiten als Moderator des TV-Senders „Kanal Avrupa“. Gab es Versuche, Sie unter Druck zu setzen?

Ceylan: Überhaupt nicht. Auch bei meinen Diskussionen mit den „ganz normalen“ Menschen habe ich das wirklich nicht erlebt. Sicher gibt es Risse innerhalb der türkischen Communities. Die Debatten sind oft sehr heftig verlaufen, aber immer konstruktiv und friedlich. Ich selbst war immer offen, und ich werde auch laut. Aber ich bin niemals persönlich bedroht worden oder so etwas. Mir ist auch nie etwas dergleichen von anderen berichtet worden.

Aber macht es Ihnen keine Sorge, dass Demokratie und Rechtsstaat offenbar vielen gar nicht so wichtig zu sein scheinen? Wie kann das sein?

Ceylan: Erdogan ist ein schlauer Mann, das muss man sehen. Ganz wichtig ist: Er spricht die Sprache der einfachen Menschen, er kommt selbst aus sehr einfachen Verhältnissen, hat sich mit viel Energie hochgearbeitet. Er ist ein brillanter Redner, kann Menschen durch seine Volksnähe für sich einnehmen. Die Macht der Rhetorik kann er im Vergleich zur Opposition sehr gut für sich nutzen. Dies zeigte sich auch in diesem Wahlkampf.

Aber die Niederländer und die Deutschen hat er mit drastischen Tiraden beschimpft, ihnen seinerseits undemokratisches Verhalten vorgeworfen, weil zum Beispiel türkische Politiker nicht hier reden durften – während in der Türkei die Meinungsfreiheit nach dem Putsch im vergangenen Jahr zumindest extrem eingeschränkt ist.

Ceylan: Diese Attacken auf „die Europäer“ waren nach meiner Überzeugung vor allem als innenpolitische Botschaft zu verstehen, ein taktisches Manöver, um den Zusammenhalt des eigenen Volkes zu stärken. Er spielte den starken Mann an der Front, den jeder sehen möchte. Erdogans Vorwürfe waren aus meiner Sicht überhaupt nicht nachvollziehbar, sie entsprachen einfach nicht den Tatsachen.

Ich bin sicher, dass viele Türken in Deutschland und auch am Bosporus das genauso sehen. Dennoch muss man gestehen, dass viele Türken dem Gedanken zu einem EU-Beitritt mittlerweile kritisch gegenüber stehen. Die nicht endende zeitliche Spanne sehen viele mehr als Schein denn als Sein. Diesen Nerv traf Erdogan perfide.

Aber sie sind ihm, wenn auch knapp, dennoch gefolgt.

Ceylan: Klar, das ist aber eine andere Geschichte. Die empörten Reaktionen aus Deutschland waren natürlich kalkuliert. Ich glaube, sie waren auch falsch: Erdogan hat provoziert, um noch mehr Menschen in der Türkei auf seine Seite zu ziehen. Hierzulande ging man darauf ein, und eine gewollte oder auch ungewollte Spannung entstand.

Was ist hierzulande schief gelaufen bei den viel diskutierten Integrationsbemühungen?

Ceylan: Gerade die jungen Türken und Muslime in Deutschland fühlen sich ausgegrenzt. Wir – ich meine damit die deutsche Gesellschaft, die Politik und so weiter – haben es in der Tat versäumt, sie abzuholen und wirklich zu integrieren. Ich habe schon vor 20 Jahren immer wieder darauf hingewiesen, dass dazu erhebliche Anstrengungen unternommen werden müssen. Damit habe ich mich damals sehr unbeliebt gemacht. Ich bin jetzt 56, und ich muss sagen, ich finde es traurig, dass uns allen das bis heute nicht gelungen ist.

Tragen nicht beide Seiten Verantwortung dafür, dass Integration gelingen kann?

Ceylan: Selbstverständlich. Natürlich gab und gibt es auch Verweigerer auf Seiten der Menschen mit Migrationshintergrund. Aber ich sage Ihnen: Das ist die Ausnahme. Das lässt sich belegen.

Was ist konkret schief gelaufen? In den vergangenen Jahren sind doch viele neue Angebote entstanden – auch und gerade in Aachen.

Ceylan: Ja, aber es mangelt weiterhin an konkreter finanzieller Unterstützung. Offene Türen werden geschlossen, statt massiv in Personal zu investieren – auch in Aachen, schauen Sie nur die Trierer Straße hinauf in Richtung Brand. Da ist die Polizei mittlerweile täglich im Einsatz – weil einfach nicht genügend Angebote für junge Menschen gemacht werden und es an Sozialarbeitern und Erziehern an allen Ecken fehlt.

Es reicht aber nicht, schöne neue Namen wie „Familienzentrum“ zu erfinden, wenn es sich um eine ganz normale Kita handelt – wieder mehr Schein als Sein. Letztlich haben Initiativen zur Integration eben keine so starke Lobby wie zum Beispiel Wirtschaftsverbände. Das ist das große Problem: Die Politik könnte und müsste viel mehr Geld in soziale Projekte investieren.

Welche Rolle können und müssen die türkischen und muslimischen Organisationen in diesem Zusammenhang spielen?

Ceylan: Sie können leider nicht sehr viel bewegen, weil auch sie finanziell so gut wie keine Zuwendungen erhalten, sie müssen sich weitestgehend aus Spenden finanzieren. Vieles läuft auf ehrenamtlicher Basis. Genau das kritisiere ich ja: In den muslimischen Gemeinden gibt es zum Beispiel keine Sozialarbeiter.

Aber die Imame sind türkische Staatsbeamte und arbeiten für den Dachverband der Ditib.

Ceylan: Eben. Das habe ich schon vor 25 Jahren kritisiert und gefordert, dass die Imame in Deutschland ausgebildet werden. Dafür bin ich – auch in der türkischen Gemeinde – oft regelrecht angepöbelt worden. Fakt ist: Die jungen Menschen in den Moscheen verstehen die Imame meist gar nicht mehr, weil sie nicht ihre Sprache sprechen, ihre Welt nicht verstehen – und umgekehrt. Nach ein paar Jahren gehen die Imame wieder in ihre Heimat – das ist ein völliges Unding.

Es gab Vorwürfe, dass in Moscheen gegen „den Westen“ gehetzt würde.

Ceylan: Davon spricht man zwar lauthals. Aber: Ich gehe regelmäßig in die Moschee, und ich kann Ihnen versichern, dass ich derartiges hier in Aachen noch nie erlebt habe. Ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, ich hätte selbst erlebt, dass die Imame bei ihren Predigten Partei für das eine oder andere politische Lager ergriffen hätten.

Sie selbst sind schon seit 20 Jahren deutscher Staatsbürger. Warum?

Ceylan: Ich bin mit 18 oder 19 nach Deutschland gekommen, lebe seit 1981 in Aachen, und ich liebe diese Stadt über alles. Hier ist meine Heimat und die meiner Frau und meiner beiden Kinder. Das ist doch das Entscheidende.

Sie haben aber auch noch Familie in der Türkei. Machen Sie sich Sorgen?

Ceylan: Eher umgekehrt, vor allem meine Mutter, die in der Türkei lebt, sorgt sich schon um mich. Ich sage ihr dann, dass sie keine Angst zu haben braucht. Ich sage nur meine Meinung, habe noch nie jemanden beleidigt, also habe ich auch keine Befürchtungen.

Haben Sie keine Sorge, dass Sie bei Ihrer nächsten Reise in die Türkei Schwierigkeiten bekommen könnten? Dort sitzen allein weit über 100 Kollegen im Gefängnis.

Ceylan: Allerdings. Trotzdem: Ich bin überzeugt, dass die Befürchtungen, die Türkei gleite jetzt in eine Diktatur ab, übertrieben sind. Es hat ja schon vor dem jüngsten Putsch mehrere Umsturzversuche gegeben. Sie sind alle gescheitert, weil das türkische Volk kein autoritäres Regime gewollt hat und will.

Warum ist das Referendum dann überhaupt auf den Weg gebracht worden?

Ceylan: Die Frage ist berechtigt. Ich stelle sie mir selbst. Und ich habe sie in einer unserer Sendungen kürzlich einem AKP-Politiker gestellt. Er hat mir keine Antwort geben können.

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert