Tristes Weihnachtsgeschäft in der Trümmerlandschaft

Von: Oliver Schmetz
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Links erstreckt sich eine ries
Links erstreckt sich eine riesige Trümmerlandschaft, rechts kämpfen noch einige Geschäftsleute gegen den Niedergang: In der unteren Adalbertstraße hat ein tristes Weihnachtsgeschäft begonnen. Und groß ist die Wut auf Politik und Verwaltung. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Der Weihnachtsmarkt ist nur einen Steinwurf entfernt, aber vom Weihnachtsgeschäft trennen einen hier Meilen. Dabei haben die Buden am Kugelbrunnen gerade eröffnet, und vom unteren Ende der Adalbertstraße kann man sie sogar sehen. Doch vom festlichen Glanz strahlt nichts mehr bis hierhin.

Im Gegenteil: Nur wenige Passanten hasten durch ein sterbendes Stück Straße am Rande der riesigen Brache, auf der einmal die Kaiserplatz-Galerie entstehen sollte - und nach den Bekundungen der Projektverantwortlichen immer noch soll.

Auf der rechten Seite der Fußgängerzone regt sich noch ein bisschen Leben. Ein paar Geschäfte stemmen sich gegen den Niedergang, viele andere haben längst aufgegeben. Verwaist sind die Ladenlokale, verschmiert die Schaufensterscheiben, versifft die Hauseingänge. Vor einem der leeren Gebäude sitzt auf einem Koffer ein Bettler mit Bierflasche und spricht laut mich sich selbst.

Wer hier Kamera und Schreibblock zückt, wird sofort angesprochen. „Da sehen Sie, was aus Aachen geworden ist”, sagt eine Passantin. „Das war einmal eine Einkaufsstraße.” Und ein älterer Herr gibt dem Fotografen einen freundlichen Tipp: „Das war nicht der Krieg, die Trümmer sind jünger!”

Der Vergleich hinkt nicht einmal. Denn von St. Adalbert aus auf der linken Seite öffnet sich eine Schuttwüste. Dahinter folgen Ruinen, die eher an Häuserkämpfe in Beirut erinnern als an eine gute City-Lage in einer westdeutschen Großstadt. Es fehlen nur noch Einschusslöcher in den Fassaden, und das Bild wäre perfekt.

Arif Shojaie hat diesen Anblick täglich vor Augen. Denn sein Geschäft liegt gleich gegenüber, und es wirkt wie Hohn, dass er inmitten von Schutt und Dreck ausgerechnet Gold und Silber verkauft. Verhöhnt fühlt sich der Mann aber von Bauherren, die nichts bauen, und von Politikern und Verwaltungsleuten, die nichts tun: „Wir kämpfen hier jeden Tag ums Überleben, aber keiner hat ein Interesse daran, was mit uns passiert.”

Seit 14 Jahren hat Arif Shojaie sein Geschäft in der Adalbertstraße, hat also schon bessere Zeiten erlebt. Dann ging es bergab mit dem Standort, und die Idee vom großen Glitzerpalast elektrisierte viele in der Stadt. Von Aufwertung war die Rede, doch die Realität hieß zunächst Abriss. Aber was heißt zunächst? Vor viereinhalb Jahren legten die Bagger das Gloria-Kino nieder und sind immer noch nicht fertig. Vom Bauen ganz zu schweigen.

Stattdessen gibt es zu dem 240-Millionen-Projekt, dem schon einige Investoren abhanden gekommen sind, die immergleichen Wasserstandsmeldungen: Es wird verhandelt und verhandelt und verhandelt. Und die Verwaltungsspitze bekundet ebenso regelmäßig, dass sie unverdrossen an das Projekt glaubt. Arif Shojaie hat davon „die Nase voll”. Er will Taten sehen. Auch von der Stadt. „Der Oberbürgermeister kann gerne vorbeikommen, damit er mal sieht, wie es hier ist.”

Das allerdings dürfte Marcel Philipp wissen. Nachdem man sich beim OB per Brief beschwert habe, sei dieser im September vor Ort erschienen, berichtet Oliver Mohr, Sprecher der Immobilien- und Standortgemeinschaft (ISG) Kleine Adalbertstraße. Und Philipp habe versprochen, aktiv zu werden. Bloß: „Bis heute haben wir davon nicht das kleinste Zeichen registriert”, sagt Mohr.

Auch deshalb wächst die Wut unter den Geschäftsleuten. Sie klagen darüber, wie ihre Straße vor die Hunde geht, berichten, wie sich die Drogenszene ausbreitet. „Junkie-Hotels” nennen manche die Ruinen am Rande der Trümmerwüste.

„Die Touristen sind entsetzt, die Aachener empört”, fasst Andrea von Borries die Reaktionen ihrer Kunden zusammen. Doch ist die Geschäftsfrau bloß vorübergehender Gast in der Adalbertstraße. Ihren „Trödelladen” hat sie nur für wenige Monate eröffnet - und ist dann wieder weg. Solche Mieter helfen der ISG nicht, weil sie sich kaum langfristig engagieren. Und so schrumpft die Gemeinschaft in dem Maße, wie die Straße stirbt.

Thomas Geyers Fotogeschäft ist noch dabei. „Im Grunde können wir uns aber jede Aktion sparen”, sagt er, der auch Schatzmeister der ISG ist. Aber dann hat man doch 25 Bodenlampen auf eigene Rechnung besorgt, weil so ein Trümmergrundstück zurzeit ab 17 Uhr eben sehr dunkel ist. Für die Stadt hat auch Geyer nur Kritik übrig: „Das ist eine einzige Katastrophe.”

Aber in mancher Hinsicht kümmert sich die Verwaltung dann doch: Vor kurzem sei tatsächlich jemand bei ihm vorbeigekommen, erzählt Arif Shojaie, der Geschäftsmann, der den OB einladen will. Es war ein städtischer Mitarbeiter, der sogar nach dem Rechten sah: „Er wollte 70 Euro für meinen Werbeständer vor dem Laden”, erzählt Shojaie. Selbst in Aachens schäbigster Schmuddelecke ist für städtische Kulanz offenbar kein Raum. Auch nicht zur Weihnachtszeit.
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