Aachen - Trierer Straße: Nicht alle fahren auf „leisen Asphalt” ab

Trierer Straße: Nicht alle fahren auf „leisen Asphalt” ab

Von: Robert Esser
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Millionen Euro verbaut: Der vi
Millionen Euro verbaut: Der viel glattere, lärmoptimierte Asphalt hat den Verkehrslärm an der Trierer Straße (hier der Blick aus den Aachen-Arkaden) nach Analysen der Stadt um sagenhafte 60 Prozent reduziert - allerdings merken viele Bürger davon überhaupt nichts. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Viel Lärm um nichts? Rechts knattert ein Mofa, links rattert ein Kipplaster - und über die Eisenbahnbrücke donnert ein Güterzug. Einen Steinwurf entfernt steht Roland Jahn, der Vorsitzende des Mobilitätsauschusses der Stadt Aachen, neben der frisch sanierten Trierer Straße. Es ist Freitagmittag.

Der grüne Ratsherr schiebt sein Fahrrad auf die Tankstelle an den Aachen-Arkaden. Von hier startet eine - natürlich nicht repräsentative - Umfrage.

Ist die Trierer Straße nach der Millionen-Sanierung mit „lärmoptimiertem Asphalt” nun tatsächlich leiser als vorher? Immerhin jagen hier Tag für Tag 1300 Fahrzeuge pro Stunde bergauf und bergab.

Das Gutachten eines von der Stadt beauftragten Ingenieurbüros, das demnächst der Politik vorgestellt wird, stellt fest: „Die erreichte Lärmminderung ist lärmphysikalisch einer Verringerung des Verkehrsaufkommens um 60 Prozent gleichzusetzen.”

Als Tankwart Martin Bendels das hört, kann er sich ein Lächeln nicht verkneifen. „Hören Sie doch mal hin, das macht hier überhaupt keinen Unterschied! Wir sind hier doch nicht in einem Wohnviertel”, sagt er. „Da hinten die Bahn, hier vorne die Autos, Lkw, die Sirenen der Polizeiwagen - da spielt das Abrollgeräusch kaum noch eine Rolle. Hier ist es einfach laut”, stellt Bendels fest.

Und der Tankwart ärgert sich: „Jetzt bauen die da unten am Fußgängerüberweg schon wieder.” Doch so schlimm wie vergangenen Sommer, als während der Ferienzeit wochenlang wegen der Asphaltarbeiten Staus und Parkplatznot herrschte, soll es diesmal nicht werden.

Roland Jahn weist auf die - wissenschaftlich erwiesenen - Vorteile hin. „Im Mittel beträgt der Lärmunterschied 4,1 Dezibel”, erklärt er. Die Stadt habe die Chance genutzt, hunderttausende Euro aus dem Konjunkturpaket II für die ohnehin notwendigen Baumaßnahmen einzusammeln. Und Regina Poth, Abteilungsleiterin Straßenplanung, bestätigt, der lärmoptimierte Asphalt sei „nur unbedeutend teurer als herkömmlicher Straßenbelag”.

Jahn räumt aber ein, dass der lärmoptimierte Asphalt - im Unterschied zum „Flüsterasphalt” auf Autobahnen - auf eine Verringerung der Rollgeräusche abzielt, „welche bei Pkw schon bei geringen Geschwindigkeiten, circa 30 bis 40 Stundenkilometer, gegenüber dem Motorengeräusch dominieren”. Im Umkehrschluss heißt das: Wird schneller gefahren, dröhnen Motoren und Auspuffe lauter als die Reifen rollen. „Wie hier auf der Trierer Straße”, resümiert Bendels.

Dann klingelt Jahn gegenüber an einem Wohnhaus. In einer Erdgeschosswohnung leben Katharina Sempepos und Emanuel Kakatsakis. Das Paar wohnt seit Jahren an der Hauptverkehrsachse. „Nein”, sagt er, „einen Unterschied merke ich eigentlich nicht. Tagsüber kann man die Fenster nicht aufmachen.”

Nebenan schon. Da hängt der 69-jährige Leo Knops auf einem Kissen aus dem Rahmen. Er ist schwer hörgeschädigt, wie seine Frau Hubertine (65) erklärt. „Mein Mann fühlt sich genauso wohl wie früher. Aber ich habe schon den Eindruck, dass es abends leiser geworden ist seit dem Umbau”, sagt sie. Und fügt hinzu, dass man sich nach 40 Jahren an der Trierer Straße an Lärm gewöhnt habe.

„Wenn ich mal meine Schwester in der Eifel besuche und nur noch Kühe sehe, dann können sie mich nach zwei Tagen ins Irrenhaus einliefern. Dann will ich nur noch nach Hause. Ich kann ohne den Betrieb hier einfach nicht. Nur der Gestank aus den Gullis stört mich”, stellt Hubertine Knops klar.

Davon riecht Ergoy Akgün im zweiten Stockwerk nichts. Ihn stört vor allem, dass er gerade geweckt wurde. Er schlafe tagsüber, müsse nachts arbeiten, macht er deutlich. Und die Umbauarbeiten? Flüsterasphalt? „Alles egal”, winkt der Türke ab, „ich wohne seit zwölf Jahren hier, alles so laut wie vorher.”

Das findet auch Monika Böker. In ihrer Apotheke Fortuna war die Baustelle in der Kundschaft 2010 ein großes Thema. „Es gab keine Parkplätze, darunter haben wir sehr gelitten”, erinnert sie sich. Aber dass der Straßenlärm nun leiser sei, kann sie nicht bestätigen. „Und meine Kunden haben das auch niemals erwähnt.”

Zumindest im Auto sei es deutlich leiser als früher, wenn man auf der Trierer Straße zwischen Adenauerallee und Elsassstraße entlang fahre, hört man im Sonnenstudio Waikiki. „Das merkt man schon”, sagt der Chef.

„Allerdings habe ich schon den Eindruck, dass es auch hier im Laden seitdem etwas leiser geworden sein könnte - obwohl das schwer vergleichbar ist”, erklärt er. Die Baustelle liege einfach schon so lange Zeit zurück. Trotzdem wolle er Schallschutzverglasung installieren lassen. Aber das ist eben teuer.

Für gut investiert halten DAS-Versicherungsfachmann Frank Goldhausen und Elektronikhändler Frank Rinahs die Sanierungsmillionen. „Natürlich kann ich Fenster und Türen noch nicht offen lassen, aber der Lärmunterschied ist spürbar”, sagt Goldhausen. Im Geschäft „Die Satellitenwelt” stimmt Rinahs zu. „Kundengespräche im Laden sind jetzt leichter”, betont er.

Das bestärkt auch Roland Jahn in seiner Einschätzung, dass sich die Lärmschutzmaßnahme gelohnt hat. Er zitiert das Gutachten: „Es zeigte sich, dass besonders in den bauakustisch relevanten Frequenzen die Pegel beim lärmoptimierten Asphalt geringer sind als auf herkömmlichem Asphalt: nämlich 3,9 Dezibel.

Im Tonfrequenzbereich zwischen 100 und 3150 Herz ist das Hörvermögen der Menschen nämlich besonders ausgeprägt, da dieser Bereich für die zwischenmenschliche Kommunikation gebraucht wird.”

Die zwischenmenschliche Kommunikation mit den Bürger entlang der Trierer Straße lässt allerdings auch einen anderen Schluss zu: Viel Lärm um nichts.
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