Tradition stirbt aus: Kürschner Grevenstein schließt Pelzgeschäft

Von: Robert Esser
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Nach 35 Jahren in den Ruhestand: Mit Kürschnermeister Franz Grevenstein und seiner Ehefrau Hildegard endet eine Ära der Pelzbranche an der Theaterstraße 15. Foto: Michael Jaspers

Aachen. 24 Pelzgeschäfte gab es in den 80er Jahren in Aachen. Im März 2016 bleibt nur noch ein einziges übrig. Denn nach 35 Jahren beenden Kürschnermeister Franz Grevenstein und seine Ehefrau Hildegard eine Ära.

Das traditionsreichste Pelzgeschäft der Stadt – erst zehn Jahre am Kaiserplatz, dann 25 Jahre an der Theaterstraße 15 – schließt Ende Februar. Mit 65 Jahren will das Ehepaar bald sein Rentenalter genießen – und vor allem ausgiebige Fahrradtouren quer durch Deutschland unternehmen. „Der Kontakt zu so vielen interessanten Kunden wird mir sehr fehlen“, sagt Grevenstein, „auch wenn wir noch bis Ende März Kundenaufträge in unserer Atelier-Werkstatt abarbeiten.“

Der Ausverkauf läuft, ein Nachfolger ist nicht in Sicht. Zu sehr hat sich das Geschäft mit den Pelzen in den vergangenen Jahrzehnten verändert. „Es reicht auch für einen jungen Kürschner längst nicht, handwerklich Top-Qualität abzuliefern und die modernsten Maschinen im Atelier zur Verfügung zu haben“, erklärt Grevenstein.

„Man müsste heutzutage einen irren Geldbetrag investieren, um erstmal eine Kollektion in einem neuen Geschäft präsentieren zu können“, erläutert er. „Und das ist in unserer mittlerweile so schnelllebigen Modebranche nichts, was ich jemandem empfehlen könnte.“ Das Risiko wäre riesig.

Weil immer mehr Pelzgeschäfte in der Kaiserstadt ihre Pforten schlossen, löste sich die Innung schon vor Jahren auf. Zurück blieben einzelne Meister ihres Fachs – die es verstanden, mit der Zeit zu gehen. Schon nach dem Washingtoner Artenschutzabkommen gab es die erste radikale Trendwende für Kürschner und die Verarbeitung von Tierfellen. Plötzlich waren Ozelot und andere edle Wildkatzen absolut tabu – genauso wie Robben.

Nerz und Wiesel vorne

In der Gegenwart gelten Nerz und Wiesel als die beliebtesten Felle, gefolgt von verschiedenen Lammsorten. Preiswert war das alles nie. „Auch wir Kürschner waren kürzlich baff, als wir miterlebten, wie auf einer Messe in Mailand ein Bund Zobelstreifen für 120.000 Euro den Besitzer wechselte“, erinnert sich Grevenstein. Der reicht – nach entsprechend aufwendiger Verarbeitung – gerade mal für einen Mantel.

Naturgemäß ist Grevenstein kein Verfechter von Kunstpelzen – „die können niemals die natürliche Wärme eines echten Pelzes entfalten“, stellt der Fachmann fest. Er glaubt, dass echter Pelz auch in Zukunft seine Rolle in der Modewelt spielen wird – „wenn auch sicher nie mehr als Massenprodukt“.

Mehr Kundinnen und Kunden als früher ließen ihre schönen und durchaus wertvollen Pelzmäntel nun gerne umarbeiten – „nicht mehr für den großen Auftritt in exklusiver Abendgarderobe, sondern für den alltäglichen, den ganz praktischen Gebrauch“. So würden reihenweise Felle geschoren und als Innenfutter für Parkas und Anoraks verwendet. Da genieße man innen kuschelig-wärmenden Tragekomfort, während nach außen hin kaum etwas auf die luxuriöse Bekleidung hindeute.

Umarbeiten bleibt buchstäblich in Mode – gerade wegen der schnellen Trendwechsel im Fashion-Business. Und dank moderner Gerbtechnik und damit dünnerer Fellschichten wiege auch ein moderner Pelzmantel deutlich weniger Kilogramm als Exemplare früherer Zeiten. Übrigens: Sogar ein sündhaft teurer Pelzmantel besitzt ein Verfallsdatum – auch wenn es einzelne Exemplare gibt, die nach 80 Jahren noch gut in Schuss sind.

Bis dahin haben Franz und Hildegard Grevenstein noch viel Zeit. Das kreative Paar ist längst nicht aus der Mode – auch wenn sie mit ihrem Geschäft nach 35 Jahren ausziehen.

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