Aachen - Todesängste, Frontschlamassel und Hoffnung

Todesängste, Frontschlamassel und Hoffnung

Von: Katrin Fuhrmann
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Im Müsch-Pavillon: Herausgeber Hans-Karl Rouette (stehend links) stellt zusammen mit Zeitzeugen und Unterstützern das gemeinsame Buch „Noch einmal davongekommen“ vor. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Friedrich Fehrmann befindet sich 1942 an der Ostfront. Er gehört der 126. Infanteriedivision als Funker an. Am Morgen des 27. September 1942 erhalten er und seine Kameraden den Befehl, die Truppen im Kessel von Demjansk zu verstärken.

An jenem Tag sind die deutschen Soldaten nicht motorisiert. Sie müssen also auf die „Panje-Pferdchen“ steigen und zum besagtem Ort reiten – und geraten unter Beschuss. Fehrmann und die anderen Männer werden durch Granatsplitter schwer verletzt.

„Das Blut sprudelte aus meinem linken Bein, und der Schmerz brannte wie Feuer“, erinnert sich der Aachener, für den die Zeit an der Ostfront damit vorbei ist. Für seine Division ist dieser 27. September ein blutiger Tag: Sie beklagt 70 Gefallene und 465 Verwundete.

Dies ist nur eins von vielen verschiedenen Schicksalen, die Menschen während des Zweiten Weltkriegs erfahren mussten. In seinem am Freitag erscheinenden Buch „Noch einmal davon gekommen! – Kriegstraumata und Befreiung von Aachenern 1933-1945, Geschichte(n) von unten über Frontschlamassel, Todesängste und Neubeginn“, beschreibt Herausgeber Hans-Karl Rouette solche Schicksale. Geschildert werden die Kriegserlebnisse von 13 Aachenern, dokumentiert mit Fotos, Tagebucheinträgen und Briefen. Und fast alle berichten sie von Todesangst und traumatischen Erfahrungen.

So auch Walter Leo Schwarz. Er wird 1932 als Sohn einer „privilegierten Mischehe“ geboren. Sein Vater ist Jude, seine Mutter katholisch. Seine jüdischen Verwandten werden verfolgt und später im Konzentrationslager ermordet – auch sein Vater. Diese Taten, diesen Verlust kann der 83-Jährige bis heute weder verstehen noch verarbeiten. Und so wie Schwarz geht es vielen Menschen, die den Krieg erlebt haben. Ihr ganzes Leben versuchen sie zu verstehen, was in den Jahren von Hitlers Machtergreifung bis Kriegsende passiert ist. Die Frage nach dem „Warum“ bleibt in den meisten Fällen unbeantwortet.

Als am 8. Mai 1945 der Krieg in Europa mit der Kapitulation der deutschen Wehrmacht endete, bedeutete das für viele Befreiung und Neuanfang. Doch die Bilder von ermordeten Verwandten und gefallenen Kameraden machen es schwer zu vergessen. Ebenso verzweifeln etliche Zeitzeugen an der erschütternden Erkenntnis, dass während der nationalsozialistischen Herrschaft 60 Millionen Menschen starben – ermordet in Konzentrationslagern, gefallen an der Front, gestorben an Kälte, Gewalt, Hunger und auf der Flucht.

Alle diese Erfahrungen, Gefühle und Ängste werden in dem Buch beschrieben. „Die Geschichten der 13 Protagonisten sind authentisch, emotional und dramatisch“, sagt Rouette, der das Erinnerungsstück mit vielen Co-Autoren zusammen herausgibt. „Von den 13 Protagonisten sind elf noch einmal davongekommen. Sie haben den Krieg überlebt. Die Geschichte der zwei Protagonisten, die den Krieg nicht überlebten, habe ich von Verwandten in Form von Memoiren, Notizen und Tagebucheinträgen erhalten“, erzählt der Herausgeber. Einige der Überlebenden sind mittlerweile verstorben.

Das Buch diene als Dokumentation eines dunklen Kapitels der deutschen Geschichte, sagt Rouette. Auch Generationen, die den Krieg nicht unmittelbar miterlebt haben, könnten so an die Vergangenheit ihrer Vorfahren erinnert werden. Diese Erfahrungen und Erinnerungen zu konservieren und zu archivieren leiste einen wichtigen Beitrag, Geschichte wachzuhalten und erfahrbar zu machen, ist er überzeugt.

Am Freitag, 8. Mai 2015, um 15 Uhr stellt Hans-Karl Rouette sein neues Buch um 15 Uhr in der Mayerschen Buchhandlung vor.

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