Tochter mit Methadon vergiftet: Fünfeinhalb Jahre für Mutter

Von: Wolfgang Schumacher
Letzte Aktualisierung:
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Fünfeinhalb Jahre Haft wegen Körperverletzung mit Todesfolge: So lautete das Urteil im Prozess gegen Cindy C. vor dem Landgericht Aachen. Foto: Ralf Roeger
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Fünfeinhalb Jahre Haft wegen Körperverletzung mit Todesfolge: So lautete das Urteil im Prozess gegen Cindy C. vor dem Landgericht Aachen. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Mit harten und eindeutigen Worten gegen die herrschende - nach Meinung des Richters leichtfertige - Verabreichungspaxis von Methadon an Ex-Drogenabhängige begann der Vorsitzende Richter des Aachener Schwurgerichts seine Urteilsbegründung im Fall Cindy C. (29).

Die Aachener Mutter hatte ihrer zweijährigen und jüngsten Tochter im Verlaufe des 11. August 2013, eines Sonntags, in ihrer Wohnung aus der „Take-Home"-Gabe des Rauschgiftersatzes Methadon eine Überdosis eingeflößt. Das sah das Gericht unter Vorsitz von Richter Arno Bormann als erwiesen an. Dies habe sie getan, um das kränkelnde Kleinkind an diesem Tage ruhig zu stellen, stellte der Richter fest.

Das Mädchen verstarb im Laufe des Nachmittags trotz intensiver Bemühungen der Notärzte. Die Kammer verurteilte die damals noch unter Bewährung stehende, aber als „zuverlässige und liebevolle Mutter“ (Bormann) geltende C. zu fünf Jahren und sechs Monaten Haft wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Rechtlich kommt eine Verurteilung wegen der Verabreichung von Betäubungsmitteln hinzu, die zum Tod des Kindes führten.

Bei der im Laufe des emotionalen Verfahrens immer wieder gestellten Frage „wie kommt das Gift in das Kind?“ entschied sich das Gericht für die Option, dass die Mutter das Gift verabreichte. Die Richter glaubten nicht, dass das Medikament unbeobachtet in der Wohnung stand oder die Kleine gar selber das vermeintlich kindersichere Döschen geöffnet habe. Dies war eine Version der Verteidigung.

Denn dass „dieses Zeugs, und das sage ich bewusst so“, ereiferte sich Bormann, „sehr gefährlich ist für Kleinkinder, das wusste die Mutter genau“. Sie habe schließlich bereits ein erstes Kind unter Methadoneinfluss zur Welt gebracht. Sie habe im Fall der kleinen S. mit der Methadon-Gabe letztlich „fahrlässig den tödlichen Verlauf verursacht“.

Die Angeklagte hatte am Nachmittag das Kind zum Schlafen hingelegt und es später gegen 16 Uhr am Sonntag regungslos im Bettchen vorgefunden. Die Ärzte kämpften noch bis 18 Uhr um das Leben der Kleinen, doch ohne Erfolg.

Die Kammer ging dabei nicht von einem Tötungsvorsatz der Mutter aus. Cintdy C. habe zweifellos aus einer „Überforderungssituation heraus“ gehandelt und sich hinterher verzweifelt um die Rettung des Kindes bemüht.

Es gehe jedoch überhaupt nicht an, so hatte der als langjähriger Vorsitzende einer Drogenstrafkammer tätige Bormann die Urteilsverkündung begonnen, dass wie im vorliegenden Fall eine jahrelange, quasi staatlich lizensierte Abhängigkeit von einer Ersatzdroge geduldet werde. Bereits seit 2007 seien bei der 29-Jährigen Drogen wie Heroin und Kokain - sie hatte eine lange Drogenkarriere hinter sich - abgesetzt gewesen. Es sei dann Methadon gegeben worden.

„Es ist nicht zu erkennen, dass hier ein Bemühen um ein drogenfreies Leben im Zentrum stand“, zog der Richter ein bitteres Fazit. Dies gelte gleichermaßen für die Abhängige selber wie für die, die sie behandelten. Es sei dort „normal“ gewesen, dass die Patientin selber bestimmte, wann und wieviel sie von dem Ersatzstoff bekam. Und weil sie als zuverlässig galt, konnte sie das Methadon auch mit nach Hause nehmen. „Das alles gibt reichlich Anlass dazu, das Methadonprogramm generell in Frage zu stellen“, prangerte der Richter an.

Die Staatsanwaltschaft hatte in ihrem Plädoyer sieben Jahre Haft wegen Totschlags gefordert. Verteidiger Elmar Kirst dagegen blieb nach dem Urteil bei seiner Einschätzung, die Kleine habe ohne weiteres selber zu den Methadonresten greifen können. Er hatte eine Bewährungsstrafe gefordert und kündigte Revision gegen das Urteil an.

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