Aachen - Tivoli wird für die Stadt immer mehr zum Desaster

Tivoli wird für die Stadt immer mehr zum Desaster

Von: Stephan Mohne
Letzte Aktualisierung:
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Ein „Bermudaviereck“, in dem Millionen versickern: Der Tivoli wird für die Stadt immer mehr zum finanziellen Fiasko. Jetzt sind erneut erhebliche Mängel entdeckt worden – insbesondere in Sachen Sicherheitstechnik. Auch bei der Statik der Tribünen und des Dachs soll es Fragezeichen geben. Die Stadt selber schweigt zu Details erst einmal. Foto: Michael Jaspers
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Menschlicher Brandschutz: Wegen der Sicherheitsmängel im Tivoli muss – wie hier gegen Fortuna Düsseldorf II – nun stets die freiwillige Feuerwehr in Mannschaftsstärke anrücken. Foto: Ralf Roeger
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Updates verschludert, Anlage defekt: Das Videosystem rund um den Tivoli muss für 130 000 Euro erneuert werden. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Den Tivoli abreißen, Bauland schaffen, Millionen einnehmen statt draufzahlen. Klingt witzig, ist es aber nicht. Genau diese Stimmen, die es bereits vor dem Kauf der „Sonderimmobilie“ durch die Stadt gab, werden derzeit auch in Verwaltungskreisen wieder lauter.

Natürlich wird es so nicht kommen, weil das politisch keinesfalls durchsetzbar ist. Aber der Gedanke kommt nicht von ungefähr. Denn das gerade einmal sieben Jahre alte Stadion wird für die Stadt immer mehr zum finanziellen Fiasko und offenbar zu einem Fass ohne Boden.

Die Beträge, welche die selbst klamme Stadt in den 45-Millionen-Euro-Bau pumpen muss, drohen ins Kraut zu schießen. Zu einer Liste mit rund 50 Mängeln in einer Gesamtschadenshöhe von rund zwei Millionen Euro, über die man gerade vor Gericht mit dem Generalunternehmer Walter Hellmich streitet, könnten jetzt noch ganz andere Summen hinzukommen.

Denn es gibt offenbar gravierende Sicherheitsmängel am und im Stadion. Die sind jetzt „plötzlich“ auf die Agenda gekommen – und es könnte um etliche Millionen Euro gehen.

Kopfzerbrechen vor Heimspiel

Nach AZ-Informationen geht es gleich um mehrere Punkte. Das Ganze soll so weit gehen, dass vor dem jüngsten Heimspiel gegen Fortuna Düsseldorf II erwogen wurde, Teile der Tribünen zu sperren, weil es den Verdacht auf Probleme mit der Statik der Tribünen und des Daches gegeben habe. Offenbar wurden diese aber zunächst nicht als so gravierend angesehen, denn beim Spiel selber waren keine Tribünen gesperrt.

Nächster Punkt: die Notbeleuchtung, die sich im Katastrophenfall ohne Verzögerung einschalten muss, damit das Stadioninnere, aber auch die Nebengebäude nicht im Dunkeln evakuiert werden müssen. Was natürlich vordringlich bei Heimspielen oder Veranstaltungen wie dem Weihnachtssingen in der „dunklen Jahreszeit“ vonnöten ist.

Zu diesem Zweck steht am Tivoli ein Diesel-Notstromaggregat, das die Stromversorgung – unter anderem der Flutlichtanlagen – sicherstellen soll. Doch auch da scheint einiges nicht so zu funktionieren oder erst gar nicht so gebaut worden zu sein, wie es den Vorschriften nach eigentlich sein müsste. Befürchtungen sollen dahin gehen, dass alleine die notwendige Sanierung der Elektrotechnik im Stadion einen Millionenbetrag zusätzlich verschlingen könnte.

So soll es im Stadion beispielsweise Steckdosen geben, hinter denen gar keine Stromleitungen laufen. Des Weiteren soll die Sprinkleranlage, die im Brandfall anzuspringen hat, zumindest in Teilen nicht funktionieren. Auch Rauchklappen sollen fehlen oder nicht funktionieren. Beim Düsseldorf-Spiel fuhr sicherheitshalber der Löschzug Laurensberg der freiwilligen Feuerwehr am Tivoli auf, ein weiterer soll in Bereitschaft versetzt worden sein.

„Gründliche Analyse“

Bereits im Wirtschaftsplan der städtischen Tochtergesellschaft „Aachener Stadion-Beteiligungsgesellschaft GmbH“ (ASB), die den Tivoli verwaltet und betreibt, waren Sicherheitsmängel aufgelistet. Dieser Plan wurde im Februar dem Aufsichtsrat vorgestellt. Darin heißt es unter anderem, dass die zwingend vorgeschriebene Videoüberwachungsanlage hinüber ist. Das deswegen, weil offenkundig noch zu Zeiten, als das Stadion der Alemannia gehörte, nötige Updates verschludert wurden.

Es kam zu Defekten, und nun könne die Anlage nicht mehr repariert werden. Die Erneuerung inklusive 31 Kameras kostet 130.000 Euro. Aufgelistet wurden zudem nicht näher benannte Mängel in Sachen Gebäudetechnik, Brandmeldeanlage, akustischen Anlagen und Feuerlöschtechnik, deren Reparatur mit 330.000 Euro beziffert wurde. Ferner fallen Ersatzteile und Wartungsarbeiten bei Sanitär, Klima, Wasser und Heizung in Höhe von 247.000 Euro an.

Bereits erwähnt werden auch mögliche umfangreiche Dacharbeiten, die notwendig werden könnten, deren Kosten aber derzeit noch nicht zu beziffern seien. Die AZ hat am Mittwoch die Verwaltung – zuständig ist seit dem Weggang von Lothar Barth Dezernent Manfred Sicking – mit einem Fragenkatalog zu den heiklen Sicherheitsmängeln konfrontiert. Auf keine einzige Frage gab es eine Antwort. Dementis gab es auch nicht.

Rita Klösges vom Presseamt teilte mit: „Die technische Komplexität des Stadions und seiner Systeme bedürfen einer gründlichen Analyse und technischen sowie juristischen Bewertung. Daher bitte ich um Verständnis, dass zum jetzigen Zeitpunkt eine Beantwortung der Fragen nicht erfolgen kann.“ Am Dienstag hatte die Stadt bekundet, die „neuen“ Schäden seien bei einer turnusmäßigen gutachterlichen Überprüfung aufgefallen. Nach AZ-Informationen war das ebenfalls vor dem Düsseldorf-Spiel.

Kein Grund zur Absage

Die Stadt sah trotz der Sicherheitsmängel keinen Grund für eine Spielabsage. Ordnungsdezernentin Annekathrin Grehling betont: „Wert legen ASB und Stadt darauf, dass zu keinem Zeitpunkt im Stadion eine Gefahr für Zuschauer und Akteure bestanden hat. Unsere Auflagen und der daraus resultierende Personaleinsatz von Sicherheitskräften sind immer auf die gegebene Situation ausgerichtet.“

Am Montag war erstmals ein Arbeitskreis zu diesem Thema zusammengekommen, wobei verschiedene Fachbereiche der Verwaltung und die ASB mit am Tisch saßen. „Der Arbeitskreis wird die fortlaufende Aufarbeitung fortan begleiten“, hieß es. Beschlossen worden sei, „die Mängel, die sich aus der aktuellen Prüfung ergeben, zunächst aufzulisten und zu analysieren. Die Mängel werden dabei zeitlich wie fachlich bewertet.“

Laut Manfred Sicking ist auffällig, „dass Probleme aufgelistet werden, die auch schon in vergangenen Überprüfungen hätten auffallen müssen. Es sei denn, diese Mängel sind tatsächlich erst nach der letzten Prüfung entstanden. Oder sie wurden schlichtweg übersehen“. Am Ende wird es auch angesichts der finanziellen Tragweite möglicherweise erneut zu Regressforderungen – gegenüber wem auch immer – kommen.

Möglich ist aber auch, dass die Stadt auf den immensen Kosten sitzenbleibt. Der Wirtschaftsplan 2016 hatte noch einen städtischen Zuschuss von 1,8 Millionen Euro für den Tivolibetrieb vorgesehen. Aber selbst der gedeckelte Höchstzuschuss zu den Stadionkosten von zwei Millionen Euro könnte nun pulverisiert werden. Und so werden auch jene nicht verstummen, die den Abriss des Tivoli für die bessere Alternative halten. Nach dem Motto: Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

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