Tivoli: Neue Konsequenz gegen Gewalt und Randale

Von: Oliver Schmetz und Stephan Mohne
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„Familien sollen zum Tivoli kommen und dort Fußballfeste erleben, keine Gewalt“: Polizeidirektor Willi Sauer – hier gestern Abend beim Spiel gegen Rödinghausen – ist jetzt ständiger Einsatzleiter am Tivoli. Er will im Schulterschluss mit der Alemannia konsequent und mit einem neuen Konzept gegen Gewalttäter im und am Stadion vorgehen. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Der Start in seine neue Aufgabe kommt zu einem brisanten Zeitpunkt. Polizeidirektor Willi Sauer ist der neue ständige Einsatzleiter der Polizei am Tivoli. Außerdem leitet er die Polizeiinspektion 1, die für das Stadtgebiet zuständig ist. Just jetzt gibt es – mal wieder – massiven Ärger mit gewaltbereiten „Fans“ der Alemannia.

Und das nicht nur wie bisher zumeist bei Auswärtsspielen, sondern auch am Tivoli – was für den Klub angesichts drohender Strafen existenzielle Folgen haben kann. Sauer plädiert für eine „äußerst konsequente Haltung“ und sieht sich da auf einer Wellenlänge mit Alemannias neuem Geschäftsführer Timo Skrzypski. Wie sich für den Einsatzleiter die Situation darstellt und wie das Konzept gegen die Randalierer aussehen soll, erzählt der 51-Jährige im Interview.

 

Sind Sie eigentlich Alemannia-Fan?

Sauer: (lacht) Das ist eine gute Frage. Ich mag die Atmosphäre, die Alemannia und das Fußballspielen in dieser Stadt erzeugen. Alemannia hat für mich definitiv einen Kultfaktor. Aber es gab so einige Vorkommnisse rund um den Verein, bei denen ich den Eindruck hatte – und da war ich noch nicht in meiner heutigen Position –, es geht in Richtung Chaos-Verein. 2013 ist noch nicht so lange her und da wurde meine Sympathie schon strapaziert.

Also besitzen Sie die nötige Distanz für Ihren neuen Job als Einsatzleiter am Tivoli.

Sauer: Ich habe früher selber leidenschaftlich Fußball gespielt und in Vaalserquartier mehr als zehn Jahre Mädchenmannschaften trainiert; ich bin also „sozialisierter Fußballer“, aber die professionelle Distanz ist eindeutig da. Schon weil ich jetzt nicht das Fußballspielen als solches auf dem Tivoli im Blick habe und dieser Blick gerade im Moment mit sehr viel Spannung versehen ist.

Einige Alemannia-„Fans“ machen wieder einmal Probleme...

Sauer: Im Moment führen wir Gott sei Dank sehr viele und gute Gespräche, und ich muss sagen: Der neue Alemannia-Geschäftsführer Timo Skrzypski ist ein sehr angenehmer Gesprächspartner. Wir scheinen in Punkto Sicherheit auf der gleichen Linie zu liegen. Ich drücke ihm wirklich die Daumen, als Polizist wie auch als Aachener. Denn der Weg, den er eingeschlagen hat, ist ein sehr guter, weil er transparent und konsequent und damit verlässlich für alle Seiten ist.

Er hat ja viele Baustellen, an denen sich seine Arbeit mit Ihrer überschneidet. Zum Beispiel, wenn es um die Fan-Randale geht.

Sauer: Ich bin da für eine äußerst konsequente Haltung. Und ich wehre mich ganz klar dagegen, wenn uns vorgeworfen wird, wir gingen gegen Alemannia-Fans vor. Wir gehen gegen Gewalt- und Straftäter vor, nicht gegen Alemannia-Fans! Auf den Tivoli geht man, um Fußball zu feiern, nicht um Gewalt zu erleben. Und ich kann das Verhalten mancher Ultras nicht nachvollziehen, die für sich reklamieren, für die Jungs, für das Team zu sein, und mit ihren Gewalttaten der Mannschaft schaden. Im Moment spielen die mit der Existenz des Vereins. Ihr Verhalten ist keine Unterstützung, sondern reiner Selbstzweck. Das will mir einfach nicht in den Kopf.

Es ist immer die Rede davon, dass einige wenige Gewalttäter den Verein in Misskredit bringen. Um wie viele „Wenige“ geht es denn?

Sauer: Es gibt gewaltbereite und gewaltsuchende Personen, die sich immer wieder in bestimmten Gruppierungen zusammenfinden. Offensichtlich suchen sie größere Gemeinschaften und gehen nicht unabhängig davon ins Stadion. In den Gruppierungen herrscht eine Struktur, eine Hierarchie. Es gibt Anführer – in der Ultra-Szene „Capos“ genannt – die selber das offen straffällige Verhalten vermeiden, aber die Richtung vorgeben. Und es gibt die Gewaltbereiten, die denen folgen. Da gehen wir jetzt gemeinsam mit der Alemannia ganz konsequent gegen vor. Da gibt es beim Verein auch keine Wankelmütigkeit mehr...

...die gab es einmal?

Sauer: Die haben wir feststellen müssen. Aber das ist nun anders. Wir haben da jetzt einen Partner, der sehr verlässlich ist und sich offensichtlich selbst einer großen Konsequenz verschrieben hat. Ein Beispiel: Bundesweite Stadionverbote hängen immer mit einem Strafverfahren zusammen. Wenn das Strafverfahren aus Beweisnot den Bach heruntergeht, ist das bundesweite Stadionverbot vom Tisch.

Es gibt aber die Möglichkeit örtlicher Stadionverbote, unabhängig vom Strafverfahren. Wir sind da mittlerweile einig und der Verein sagt: Wir machen das. Das heißt, der Verein sanktioniert stärker als bisher selber das Fehlverhalten von Fans und bekennt sich so klar dazu, dass man diese Art von Fans nicht haben möchte. So werden wir wahrscheinlich um die 30 Personen für die Randale in Siegen, Dortmund und beim Schalke-Spiel belangen.

Gerade erst wurden wieder 14 Stadionverbote bekanntgegeben.

Sauer: Das sind Personen, die wir gemeinsam identifiziert haben. Ich bin froh, dass in Gesprächen mit der Alemannia jetzt jemand da sitzt, der sagt: Das akzeptieren wir nicht. Und nicht jemand, der fragt: Ist es denn wirklich so schlimm? Zur Frage nach den Zahlen: Wir gehen davon aus, dass es derzeit etwa 40, 50, 60 gewaltbereite und gewaltsuchende Personen gibt, die sich selber als Alemannia-Fans bezeichnen. Wir hoffen, dass wir durch die örtlichen Stadionverbote da eine Wirkung erzielen. Denn ich bin mir leider nicht sicher, dass wir ihnen sonst verständlich machen können, dass sie durch ihr Verhalten den Verein schädigen.

Wenn Sie von Gewalttätern reden und von Gruppierungen, liegt die Frage auf der Hand: Ist immer noch die Karlsbande treibende Kraft?

Sauer: Ja. Nun ist die Karlsbande kein offiziell akzeptierter Fanclub des Vereins, weswegen der Alemannia keine Mitgliederlisten vorliegen. Wir gehen davon aus, dass die Karlsbande aktuell etwa 100 Mitglieder zählt, und sie ist immer wieder Anlass für polizeiliches Einschreiten. Wenn Sie andere mittlerweile etablierte Ultra-Gruppierungen wie zum Beispiel die „Yellow Connection“ sehen, haben wir dort keine derartigen Gewalt- und Straftaten zu verzeichnen. Da ist schon ein deutlicher Unterschied festzustellen.

In der Regel fallen schwarz-gelbe Gewalttäter bei Auswärtsspielen auf. Aber zuletzt flogen auch am Tivoli gegen Schalke Bierbecher aufs Feld, wurde ein Fahrzeug mit Gästefans brutal attackiert. Das muss Ihnen Sorgen machen, dass es jetzt auch wieder am Tivoli losgeht.

Sauer: Das macht uns insofern Sorgen, als dass wir in unserer Einsatztaktik den Fokus noch stärker auf die Zeit vor und nach dem Spiel bzw. auf die An- und Abreise der Gästefans legen. Selbst bei Heimspielen wie gegen Erndtebrück, wo beim Gast vielleicht 10 bis 20 Familienangehörige mitkommen und man aus polizeilicher Sicht sagen würde: Da gibt es weder Ultras noch Gewaltpotenzial.

Jetzt scheint es aber eine Tendenz zu geben, dass einzelne Figuren, die aber einer Gruppe angehören, sich berufen fühlen, auch hier den Held zu spielen und bei harmlosen Opfern den Schal zu ziehen. Die meinen wohl, dass sei wie in anderen Fällen bei den Ultras auch bei reinen Familienvätern eine Heldentat. Damit ist im Moment leider zu rechnen. Dabei ist unser Ziel, von Vereinsseite und von uns, klar formuliert: Familien sollen zum Tivoli kommen und dort Fußballfeste erleben, keine Gewalt.

In Aachen bekriegen sich Hells Angels und Bandidos. Bei letzteren gibt es Überschneidungen zur Hooliganszene und zu rechtextremen Kreisen. Haben Sie Angst, dass die Rockergeschichte auf den Tivoli übergreift?

Sauer: Im Moment gar keine. Es gibt einzelne, die rechtes Gedankengut haben und die wir dem Umfeld der Karlsbande zurechnen. Die Karlsbande als Ganzes ist keine rechte Gruppierung. Wir sehen da auch keine Aufbautendenzen. Die Rocker sind davon nochmals zu trennen. Es gab Versuche der Westfront-Hooligans, dort Eingang zu finden. Aber die bekommen die Rocker wohl nicht für ihre Zwecke vereinnahmt. Der Ultra-Fan ist auf den Fußball fixiert, der Rocker will eher über kriminelle Geschäfte z.B. in den Bereichen Prostitution, Drogen und Menschenhandel sprechen. Hier hoffe ich wirklich, dass die Ultras sich auf ihre Faneigenschaft besinnen und sich nicht vor einen anderen Karren spannen lassen.

Umso besser, das Problem mit gewaltbereiten Fans ist ja an sich schon groß genug. Wenn es in der Karlsbande aber nun etwa 50 gewaltbereite Personen gibt, dann gibt es ja genauso viele, die das nicht sind, aber schweigend zusehen. Müssten die nicht mehr Einfluss auf die Gewalttäter nehmen?

Sauer: Gute Frage. Darüber haben wir auch intensiv mit Alemannia gesprochen. Da ging es auch um eine Kollektivstrafe, also ein Verbot von allen Fahnen, Symbolen und so weiter. Das kann nach außen ein Zeichen von Stärke, Konsequenz, Härte sein. Genauer hingeschaut ist es aber so, dass die Leute ja nicht weg sind. Die finden dann andere Mittel und Wege. Und es gibt die Gefahr der Solidarisierung anderer Ultra-Gruppen mit der Karlsbande, die bisher unauffällig sind. Das muss man abwägen. Wir sagen: Das erste Mittel muss sein, konsequent persönliche Verfehlungen zu ahnden.

Offensichtlich treffen wir damit Leute aus der Karlsbande oder dem Umfeld. Ein zweiter Schritt ist sehr wichtig, da sind wir uns mit Alemannia einig: Wenn es weiter zu Gewalt kommt, dann geht der Verein an die führenden Köpfe heran, denen man Verantwortung für das vereinsschädigende Handeln der Gruppenmitglieder geben muss. Auch für die muss es dann Stadionverbote geben. Das ist gut und konsequent. Zeigt das auch keine Wirkung, kommt Stufe drei: die Kollektivstrafe. Das ist auch für die Fan-Szene berechenbar. Ebenso wie unser Angebot der szenekundigen Beamten. Diese sind ein Gesprächsangebot an die Gruppen.

Wie viele szenekundige Beamte gibt es?

Sauer: Zwei, und wir sind froh, dass wir dieses Angebot haben. Über die beiden Kollegen haben wir auch Kontakte in die Ultraszene, was es in vielen Städten nicht gibt. Das müssten wir nicht machen. Unsere Aufgabe ist es, Straftaten zu verfolgen. Uns ist es aber hier wichtig, Gesprächsbereitschaft zu zeigen. Die Beamten sind keine „verdeckten Agenten“, sondern arbeiten offen an einer Schnittstelle zu den Fans, sollen dem Austausch dienen. Die szenekundigen Beamten sind extra geschult, über Sie können viele Dinge bereits präventiv abgehandelt werden.

Die Alemannia hat den Ordnungsdienst ausgetauscht. Ein weiteres Zeichen der neuen Konsequenz?

Sauer: Ja, das sehe ich so. Ohne natürlich dem alten Ordnungsdienst Vorwürfe zu machen, wir nehmen das lediglich zur Kenntnis. Es geht dem Verein um einen Neuanfang, einen Umbruch im Verein. Mit altem Personal ist das immer etwas gewagt, das ist überall so. Herr Skrzypski hat gesagt, dass er neue Kräfte will. Das ist auch ein Zeichen von Konsequenz.

Klingt alles positiv. Hoffen wir, dass durch den neuen Weg so etwas wie Nachdenken einsetzt.

Sauer: Der Aufbruch ist hoffnungsvoll. Und wir werden alle, hoffentlich auch die Fan-Szene, konsequent daran arbeiten, dass die wenigen gewaltbereiten und gewaltsuchenden Personen die Alemannia nicht kaputtmachen. Der Verein kann sich auf die äußerst gute Zusammenarbeit zum Beispiel von Polizei, Stadt mit Ordnungsamt und Feuerwehr und weiteren Partnern verlassen. Das Spiel gegen Rot-Weiß Essen, bei dem wieder mit einem enormen Zuschauerzuspruch – auch aus Essen – gerechnet wird, wird da für uns alle ein erster Gradmesser sein.

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