Tivoli: Die merkwürdige Rolle der Gutachter

Von: Stephan Mohne und Robert Esser
Letzte Aktualisierung:
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Dachschaden? Zur Standfestigkeit der transparenten Kunststoffkonstruktion, die das Dach abschließt, gibt es über die Jahre drei unterschiedliche Aussagen desselben Gutachters. Die jüngste besagt, dass nachgebessert werden muss, was enorm aufwendig wäre. Die Stadt steckt jetzt in der Zwickmühle. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Beispiel 1: Sie fahren mit dem Auto zum TÜV. Da wird bescheinigt: alles prima, Plakette erteilt. Spaßeshalber fahren Sie anschließend noch zur Dekra. Da stellt man hingegen fest: Schrottkarre, stillgelegt. Beispiel 2: Sie fahren wieder mit dem Auto zu einer Prüfanstalt, um das Auto abnehmen zu lassen. Bescheinigung: alles prima, Plakette erteilt.

Spaßeshalber fahren Sie diesmal noch zwei Mal genau bei dieser Institution vorbei. Beim zweiten Mal heißt es: leichte Mängel, aber kein Problem, Plakette erteilt. Beim dritten Mal sagt derselbe Prüfer über dasselbe Auto: Verkehrsgefährdung, Mängel müssen behoben werden, Plakette verweigert.

Genau das ist die fatale wie möglicherweise immens teure Situation, in der die Stadt zurzeit steckt – in Sachen Tivoli. Wobei die Rolle der Gutachter – ganz abgesehen von den offenkundigen Schlampereien bei der Wartung des Stadions und seiner technischen Anlagen – am Ende des Tages auch noch Juristen beschäftigen könnte.

Wie kann es dazu kommen?

Bleiben wir bei Beispiel 1 und übertragen es ins Stadion: 2009 gab es eine zwingend vorgeschriebene Abnahme der sicherheitsrelevanten Anlagen – also etwa der Brandschutztechnik. Wie OB Marcel Philipp im Stadtrat sagte, wurde diese von entsprechend geschulten Prüfern des TÜV vorgenommen. Das Stadion wurde in dieser Hinsicht als mängelfrei beurteilt.

Rund drei Jahre später gab es eine erneute Prüfung der Anlagen, nach AZ-Informationen ebenfalls durch den TÜV. Auch da soll alles ohne Beanstandung funktioniert haben. Vor kurzem gab es die dritte Prüfung – und die erste mit der städtischen „Aachener Beteiligungs-Gesellschaft“ (ASB) als Eigentümerin des Stadions. Diesmal bediente man sich eines anderen Dienstleisters, nämlich nach Informationen unserer Zeitung des Aachener Büros „BFT Cognos“.

Und nun sah das Ergebnis erstaunlicherweise völlig anders aus: Es wurden schwere Sicherheitsmängel moniert – wie etwa bei der Sprinkleranlage, der Notfallbeleuchtung und anderen Details. Übertragen aufs Auto hätte es diesmal also keine Plakette gegeben. Und wären diese Mängel schon 2009 vorhanden gewesen beziehungsweise aufgefallen, wäre das Stadion wohl nicht eröffnet worden.

Entsprechend groß ist die Aufregung, die seither herrscht. Die Stadt versucht nun nicht nur, das Stadion wieder auf Vordermann zu bringen, sondern auch zu ergründen, wie es zu solch unterschiedlichen Auffassungen von Experten gekommen ist beziehungsweise ob die Mängel zwischen zwei Prüfungen entstanden sind – in einem gerade sieben Jahre alten Stadion.

Beispiel 2: Hier geht es ums Stadiondach. Und da kann es ebenfalls mächtig teuer werden. Genau geht es um die Kunststoffkonstruktion, die das Dach nach vorne abschließt, und deren Befestigung. Das System war seinerzeit eine Tivoli-Sonderkonstruktion, die von einem Expertenbüro für Kunststoffprüfung empfohlen worden war. So wurde es gebaut und anschließend von dem Büro auch als einwandfrei abgenommen.

Bei einer Kontrolle Jahre später durch dasselbe Büro wurde festgestellt, dass man noch etwas bei der Befestigung der Platten nachlegen könnte. Im vergangenen Dezember kam die dritte Kontrolle. Und nun stellte der Prüfer – wiederum desselben Büros – fest, dass die Kunststoffteile unbedingt besser gesichert werden müssen. Zudem seien die Platten nachträglich mit Edelstahlstiften befestigt worden, was nicht ausreiche. Zeugen sagen jedoch, dass die Stifte schon bei der ersten Abnahme 2009 vorhanden waren.

Bald Teil des Hellmich-Verfahrens

Die Stadt steckt also in der Zwickmühle. Welche Gutachteraussage ist richtig? Was, wenn sich eine Platte löst und herunterkracht (obwohl das bisher selbst bei starken Stürmen nie geschehen ist)? Dann steht da erst einmal die letzte Gutachteraussage, dass man hätte nachbessern müssen. Doch das ist gar nicht so einfach, sondern wäre ein aufwendiges Prozedere. Die Platten müssten mit Kränen einzeln abgenommen und anders wieder befestigt werden.

Angesichts des Umfangs des Daches kann man sich denken, was das kosten würde. Noch ist nicht klar, wie es in dieser Hinsicht weitergeht. Wahrscheinlich wird diese Geschichte noch in das Verfahren gegen den Bauunternehmer Hellmich aufgenommen, das derzeit vor Gericht läuft und bei dem es um Baumängel im Wert von zwei Millionen Euro geht. Auch bei den technischen Anlagen ist das Rechtsamt mit im Boot.

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