Timothy Garton Ash stellt sich Dialog auf dem Katschhof

Von: gei
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Timothy Garton Ash (l.) stellte sich auf dem Katschhof vor hunderten Schaulustigen den Fragen von Bernd Mathieu, Chefredakteur von Aachener Nachrichten und Aachener Zeitung. Foto: Harald Krömer

Aachen. Während im Krönungssaal die letzten Vorbereitungen für den großen Festakt am Himmelfahrtstag getroffen werden, arbeitet der britische Historiker und Publizist Timothy Garton Ash am Vortag der Karlspreisverleihung seine ersten öffentlichen Auftritte ab. Der Diskussion vor Studenten der RWTH am Nachmittag folgte am Abend ein Interview auf der Katschhofbühne zwischen Dom und Rathaus.

Garton Ash stellte sich dort vor hunderten Schaulustigen den Fragen von Bernd Mathieu, Chefredakteur von Aachener Nachrichten und Aachener Zeitung.

Doch gleich die erste Frage bereitete dem 61-jährigen Professor, der an der Universität Oxford ein Zentrum für europäische Studien leitet, ein Problem. Wie konnte der Brexit passieren? Auf einfache Fragen gebe es oftmals nur komplizierte Antworten, meinte Garton Ash, der den Brexit als seine große persönliche Tragödie bezeichnet. Die Entscheidung sei in einer Zeit gefallen, in der sich Europa ohnehin in einer Krise befunden haben.

Es sei die hohe Zeit der Populisten, in der es in Großbritannien ein möglicherweise entscheidendes Manko gegeben habe: Der „magnetische Politiker“ Boris Johnson habe mit Jeremy Corbyn von der Labour Partei einen „sehr schwachen Gegenspieler“ gehabt. „Manchmal sind einzelne Politiker von Bedeutung“, sagte Garton Ash. Wären die Kräfte umgekehrt verteilt gewesen, wäre möglicherweise auch die Brexit-Abstimmung mit 52 Prozent zu 48 Prozent umgekehrt ausgefallen.

So aber würden sich nun vor allem viele junge Leute in Großbritannien ihrer Zukunft beraubt sehen, erklärte Garton Ash. Denn ausgerechnet sie seien der Abstimmung über den Brexit vielfach ferngeblieben, wohingegen die Älteren traditionell in großer Zahl wählen und damit wohl auch ausschlaggebend waren. „Die jungen Leute sind nicht nur traurig, da ist auch viel Wut dabei“, beschreibt Garton Ash die Stimmung in seinem Land.

Den proeuropäischen Berufspolitikern empfiehlt er: „Ihre Sprache muss sich ändern.“ Volksnäher und klarer müssen sie sich ausdrücken, sonst würden die Populisten die Lücke ausfüllen. Vor allem aber dürften sich Nationalpolitiker nicht ständig mit eigenen guten Taten brüsten und alles, was schlecht läuft, auf Brüssel schieben.

Auch den Deutschen gab er vor dem Hintergrund der jüngsten Wahlen in Frankreich etwas auf den Weg, „was sie nicht gerne hören“. Sie müssen bereit sein zu Reformen in der Eurozone und eine andere „Lastenteilung“ ermöglichen. Noch habe man die Chance, auf diese Weise dem neuen französischen Präsidenten Emmanuel Macron zum Erfolg zu verhelfen. „Wenn wir das nicht schaffen, haben wir in fünf Jahren eine Präsidentin Le Pen.“

Was der Brexit den Briten bringen wird, das vermag auch Garton Ash nicht vorherzusagen. „Die negativen Folgen wird man erst in etlichen Jahren sehen“, sagt er. Aber er betonte zugleich, dass Großbritannien weiter in Europa bleibt. „Als britischer Europäer werde ich nicht aufhören dafür zu werben, dass wir zusammen ein besseres Europa aufbauen“, erklärte er in dem immer wieder von Beifall begleiteten Gespräch zum Abschluss. Für ihn klingt der Abend derzeit mit einem Festessen in der Aula Carolina aus.

Am Donnerstag um 11 Uhr beginnt der Festakt zur Karlspreisverleihung im Aachener Rathaus, der vom WDR live übertragen wird und auch auf der Video-Großleinwand auf dem Markt mitverfolgt werden kann. Gegen 13 Uhr haben die Besucher des sogenannten Karlspreis-Live-Programms auf dem Katschhof erneut Gelegenheit einen Blick auf Timothy Garton Ash und weitere prominente Gäste zu werfen.

Der traditionell eher etwas steifen Verleihungszeremonie folgt dann unter freiem Himmel der lockere Teil auf der Katschhofbühne, wo Oberbürgermeister Marcel Philipp, Karlspreissprecher Jürgen Linden, Preisträger Garton Ash und weitere Ehrengäste noch ein  paar Worte an die Besucher richten. Anschließend kann dort bis in den Abend weitergefeiert werden.

Der städtische Kulturbetrieb hat dafür ein abwechslungsreiches Programm mit zahlreichen Musikern und Künstlern zusammengestellt. Als Topact werden Peter Sonntag und seine Band Final Virus ab 20.15 Uhr den Schlusspunkt setzen.

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