Tihange: Kleinste Vorfälle werden gemeldet

Von: Michael Grobusch
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Die Städteregion sieht sich nach eigener Aussage gut vorbereitet für den Fall, dass es im belgischen Atomkraftwerk Tihange bei Huy (Foto) zu einem schwerwiegenden Vorfall mit Auswirkungen auf die hiesige Bevölkerung kommen sollte.

Städteregion. Bei der Information über mögliche Störungen im belgischen Atomkraftwerk Tihange setzt die Städteregion auf eine noch engere Kooperation mit den zuständigen Behörden des Nachbarlandes.

In diesen Tagen greift erstmals ein mit dem belgischen Innenminister Jan Jambon vereinbartes Abkommen, nach dem die Städteregion zukünftig auch über solche Vorfälle umgehend in Kenntnis gesetzt werden soll, die in der internationalen Bewertungsskala für Ereignisse in nuklearen Anlagen in der untersten Kategorie eingeordnet werden.

Die sogenannten NO-Meldungen – sie umfassen Vorgänge ohne oder mit nur sehr geringer sicherheitstechnischer Bedeutung – gehen somit nicht mehr nur vom Betreiber Electrabel an die staatlichen Stellen in Belgien, sondern von dort nun auch an die Städteregion.

Erprobte Wege

„Die Kommunikationswege sind Anfang September erprobt worden. Einer Umsetzung steht nichts mehr im Weg“, erklärt Marlies Cremer. Die Leiterin des städteregionalen Amtes für Ordnungsangelegenheiten, Rettungswesen und Bevölkerungsschutz legt aber Wert auf die Feststellung, dass es schon seit Jahren einen regen Austausch zwischen den Behörden in der Euregio gibt.

„Die Leitstellen von Lüttich, Maastricht, Düren, Heinsberg, Euskirchen und der Städteregion arbeiten bei der Weitergabe einsatzkritischer Informationen eng zusammen. Und die Akteure auf allen Seiten der Grenzen sind persönlich miteinander bekannt“, betont Cremer.

Eine enge Abstimmung sei aber nicht nur im Fall einer Störung in einer kerntechnischen Anlage gewährleistet, stellt die Amtsleiterin fest. „Zusätzlich sind noch viele andere Szenarien denkbar, die die Schwelle einer Großeinsatzlage oder Katastrophe überschreiten und den Einsatz besonderer Strukturen zur Krisenbewältigung erforderlich machen.“ Unfälle mit der Freisetzung gefährlicher Chemikalien, Umwetter und Hochwasser zählten beispielsweise dazu.

Das Szenario aber, das seit vielen Monaten die Menschen in der Städteregion besonders beschäftigt und beunruhigt, ist ein möglicher Unfall im Atomkraftwerk Tihange. Auf diesen bezieht sich auch eine Anfrage der SPD-Fraktion, die gerne über das Vorgehen der Verwaltung im Falle eines nuklearen Großereignisses aufgeklärt werden will. „Die Abläufe sind klar geregelt“, erläutert Marlies Cremer.

Schnittstelle sei stets die städteregionale Leitstelle von Feuerwehr und Rettungsdienst an der Stolberger Straße in Aachen. Sie sei zuständig für das Absetzen von Meldungen, die Vorfälle in der Städteregion betreffen, sowie für den Empfang von Meldungen aus anderen Gebieten.

Sollte es zu einem Katastrophenfall kommen, bilden nicht nur das Land und die Bezirksregierung einen Krisenstab, sondern auch die Städteregion – unter der Leitung des Städteregionsrates. Er trägt letztlich die politische Gesamtverantwortung sowohl für die Entscheidungen der Verwaltung als auch für das Vorgehen der Einsatzkräfte von Feuerwehr und Rettungsdienst.

„Der Krisenstab der Städteregion ist das administrativ-organisatorische Pendant zur Einsatzleitung“, erläutert Marlies Cremer. „Hier werden Entscheidungen getroffen über die Pressearbeit, die Information der Bevölkerung, verkehrslenkende Maßnahmen, die Schließung von Kindergärten und Schulen oder die Bereitstellung von Notunterkünften.“ Die Städteregion bzw. der ehemalige Kreis Aachen seien auch in diesem Punkt schon seit längerem gut vorbereitet: „2004 hat es hierzu erstmals eine zweitägige Übung gegeben.“

Vielzahl von Faktoren

Auf konkrete Maßnahmen, die im Falle der Freisetzung radioaktiver Stoffe getroffen werden müssten, will sich Marlies Cremer allerdings nicht festlegen. „Das ist von einer Vielzahl von Faktoren abhängig.“ Dazu zählten neben der Art und Menge der freigesetzten Stoffe vor allem auch die Witterungsverhältnisse.

„Es ist erforderlich, sich über den Austrag und den Niedergang von Schadstoffen und somit die Ausbreitung ein umfassendes Bild zu verschaffen“, betont Cremer. Hierfür halte die Städteregion – ebenso wie Bund und Land – Messstellen und speziell geschultes Personal vor. „Erst aus der Ausbreitungsberechnung lassen sich dann die weiteren Schritte ableiten“, unterstreicht die Amtsleiterin.

Gespannt sein darf man in diesem Zusammenhang auf die Ergebnisse eines Gutachtens über den Einfluss des Wetters im Schadensfall, das die Städteregion im Zuge ihres Klageverfahrens gegen den Betrieb des Reaktors Tihange 2 beim Institut für Sicherheits- und Risikowissenschaften an der Universität für Bodenkultur in Wien in Auftrag gegeben hat. Dessen Leiter Professor Wolfgang Renneberg, der auch Berater der Städteregion ist, will den Mitgliedern des Städteregionstages die wesentlichen Punkte der Expertise am 27. Oktober präsentieren.

Konkrete Ergebnisse könnten dann auch zur prophylaktischen Ausgabe von Kaliumjodidtabletten zum Schutz vor Schilddrüsenkrebs vorliegen. Derzeit erarbeitet die Städteregion gemeinsam mit der Stadt Aachen sowie den Kreisen Heinsberg, Düren und Euskirchen ein Konzept zur Vorabverteilung der Tabletten.

Entsprechend der Auflagen des Landes muss dieses Konzept sowohl Auskunft über die Organisation der Vorabausgabe sowie die Verteilung im Bedarfsfall geben als auch über die Maßnahmen, die zur Warnung und Information der Bevölkerung im Falle eines nuklearen Unfalls vorgesehen sind.

Neues Warnsystem

Zu diesen zählt auch die Nutzung eines flächendeckenden Sirenenwarnsystems, wie es die Städteregion (wieder) aufbauen will. „Wir sind in der Vorbereitung“, möchte sich der zuständige Dezernent Gregor Jansen allerdings derzeit noch nicht darauf festlegen, wann das Warnsystem betriebsbereit sein wird.

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