Tihange: Ein Abend voller Informationen, und doch bleiben Fragen

Von: Stefan Herrmann
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Tihange und die Folgen: OB Marcel Philipp, Städteregionsrat Helmut Etschenberg, Maastrichts Bürgermeisterin Annemarie Penn-te Strake, Moderator Jürgen Döschner, Jörg Schellenberg (Aktionsbündnis gegen Atomenergie), Reaktorexperte Prof. Hans-Josef Allelein, Mediziner Dr. Wilfried Duisberg und Feuerwehrchef Jürgen Wolff informierten gut 600 Besucher in der Aula Carolina. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Nach fast zwei Stunden Vorträgen und Diskussion ergreift eine sichtbar besorgte Bürgerin das Mikro und fragt in Richtung Aachens Feuerwehrchef Jürgen Wolff: „Welche genauen Ergebnisse hat die Ernstfallübung in Aachen im Falle eines Atomunfalls in Tihange denn nun ergeben? Dazu wünsche ich mir klare Worte!“

Es ist der Moment, in dem Wolff noch einmal bestätigen muss, dass im Falle eines so genannten unbeherrschbaren Ereignisses im belgischen AKW „unsere Kapazitäten erschöpft“ sind.

Tihange und die Folgen: Unter diesem Titel hatte die Stadt Aachen am Donnerstagabend zu einer Informationsveranstaltung in die Aula Carolina eingeladen. Und die Menschen kamen in Scharen. Gut 600 Besucher verfolgten mit Interesse die Vorträge von Politikern, Kernkraftgegnern, Medizinern und Atomenergie-Experten.

Ein Abend, verortet zwischen wissenschaftlicher Vorlesung, politischen Botschaften und geradezu apokalyptischen Szenarien. Was tun, wenn es im lediglich 60 Kilometer entfernten belgischen Tihange zum GAU kommt? Wie sicher ist die Anlage überhaupt noch? Was unternimmt die hiesige Politik, um ein Abschalten des Pannenreaktors zu erreichen? Die offensichtlich beste Botschaft brachte Städteregionsrat Helmut Etschenberg mit, der vom Plan der Städteregion berichtete, Tihange auf dem Klageweg stoppen zu wollen, und der dafür viel Applaus erhielt.

Der Zusammenhalt auf politischer Ebene – und das über Ländergrenzen hinweg – ist in den vergangen Monaten sichtbar gewachsen. Dies bewies auch der Besuch von Maastrichts Bürgermeisterin Annemarie Penn-te Strake, die die „unzureichende Kommunikation“ von Seiten des belgischen AKW-Betreibers und der dortigen Atomaufsichtsbehörde anprangerte.

Umso wichtiger sei es, durch ein „gemeinsames Vorgehen eine starke Position“ deutlich zu machen. Jene gemeinsame Botschaft betonte auch Oberbürgermeister Marcel Philipp. „Wir haben es hier mit einem Problem zu tun, das keine Grenzen kennt.“

Und doch blieben auch am Donnerstag Fragen unbeantwortet, besonders jene nach konkreten Vorkehrungen zur Gefahrenabwehr. Eine Ernstfallübung in Aachen lieferte vor einigen Wochen vor allem eine Erkenntnis: Die Verteilung von Jodtabletten gegen die Aufnahme von radioaktivem Jod aus der Luft würde niemals rechtzeitig gelingen.

Daher sollen in Aachen nach Gesprächen mit Bezirks- und Landesregierung die Jodtabletten künftig dezentral verteilt werden. Das bedeutet jedoch nicht, dass jeder Bürger seine eigene Tablette für den heimischen Medikamentenschrank ausgehändigt bekommt. Vielmehr soll in den kommenden Wochen ausgelotet werden, wo dezentrale Lagerstellen – möglicherweise in Bezirksämtern – eingerichtet werden können.

Auch sollen die Bestände an Jodtabletten, derzeit lagern 309.000 Stück zentral im Uniklinikum, aufgestockt werden. Wann dies passiert? Wie genau eine Verteilung an die Bevölkerung im Falle des Falles ablaufen würde? Solche Detailfragen wurden nicht erörtert.

Dafür gab es einen von vielen Zuhörern als deutlich zu lang empfundenen Vortrag des Kernenergie-Experten Prof. Hans-Josef Allelein vom Lehrstuhl für Reaktorsicherheit und -technik an der RWTH. Beim Fazit des Fachmanns „Aufmerksam beobachten: ja. Angst haben: nein“ schüttelten viele Besucher in der Aula Carolina mit dem Kopf.

Zustimmendes Kopfnicken dagegen erntete Jörg Schellenberg. Der Sprecher des „Aachener Aktionsbündnisses gegen Atomenergie“, machte deutlich, welche „Gefahrenabwehr“ er mit Blick auf die belgischen Atomkraftwerke befürwortet: „Der wirksamste Katastrophenschutz ist die sofortige Abschaltung der maroden Meiler vor allem in Tihange und Doel!“

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