Aachen - Therapeuten: Gesamtes System steht zur Diskussion

Therapeuten: Gesamtes System steht zur Diskussion

Von: Stefan Herrmann
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Bereits im vergangenen Sommer demonstrierten rund 250 Menschen vor den politischen Beratungen über die Finanzierung der Therapeuten an städtischen Kitas. Nun sorgt das Thema erneut für Aufregung, da die Stadt den Rotstift ansetzen möchte. Foto: Heike Lachmann

Aachen. Es liegt gerade einmal ein dreiviertel Jahr zurück, dass die Politik Pläne der Verwaltung, bei den Therapeuten in städtischen Kitas Kürzungen vorzunehmen, gekippt hat. Nun, im März 2017, versucht die Stadt erneut, den Rotstift bei dem Personal anzusetzen, das sich um die integrative therapeutische Betreuung von Kindern mit (drohenden) Behinderungen kümmert.

Zugleich würde damit gewissermaßen das komplette Inklusionskonzept in den Kindertagesstätten in Frage gestellt. So empfinden es zumindest die Kritiker, die – wie schon im Vorjahr – mobil machen. Als einen „Rückschritt in die 70er Jahre“ bezeichnet Hilde Scheidt, jugendpolitische Sprecherin der Grünen, die Pläne, die nun auf dem Tisch liegen.

Bei einer Gesprächsrunde, zu der jüngst die Gewerkschaft Verdi eingeladen hatte, hagelte es gleichfalls von vielen Seiten Kritik für den Verwaltungsvorstoß, der am 14. März im Kinder- und Jugendausschuss zur Beratung steht.

Kostenfrage steht im Fokus

Schon jetzt deutet sich an: Den radikalen Schnitt, den die Stadt präferiert, wird die Politik in der Form nicht mittragen. CDU und SPD möchten in den kommenden Tagen das heikle Thema anpacken und eine gemeinsame Position erarbeiten. Dem Vernehmen nach soll dabei eine Entscheidungsgrundlage herauskommen, die so weit wie möglich das bisherige System sichert – und nicht der Verwaltung folgt.

Normalerweise wird in einem Fachgremium wie dem Kinder- und Jugendausschuss über eben das beraten und entschieden: das Fachliche. Umso überraschter zeigen sich viele Akteure nun, dass die städtische Vorlage den fachlichen Wert der Therapeutenarbeit völlig außen vor lässt und nur eine Frage in den Fokus nimmt: die nach den Kosten. Und da kommt die Verwaltung zu dem Schluss: Das System ist zu teuer.

Sie rechnet bei „Erhalt der bisherigen Personalausstattung“ mit einem Defizit von 500.000 Euro pro Jahr für die Finanzierung der Therapeuten an den Kitas. Tendenz steigend. Das würde den Haushalt zusätzlich belasten. Bis zum Sommer 2016 hatte der Landschaftsverband Rheinland die Finanzierung dieses Bereichs übernommen.

Bereits 2013 kündigte er jedoch an, sich aus dieser (Komplett-)Finanzierung zurückzuziehen und stattdessen nur noch Pauschalen pro Kind zu zahlen. Diese, das wurde von Experten früh angemahnt, reichen aber hinten und vorne nicht aus, um die entstehenden Kosten zu decken.

Daher sollte die Stadt, so entschied es die Politik im Sommer 2016, mit den Krankenkassen verhandeln, damit diese die Therapieleistungen, die in den insgesamt 20 integrativen Kita-Gruppen anfallen, erstatten. Doch dieses Ziel könne, stellt die Stadt bereits nach den ersten sechs Monaten fest, „nicht annähernd erreicht werden“. Anders gesagt: Es klafft ein Loch im städtischen Etat. Daher empfiehlt die Stadt nicht nur, dass die sechs befristeten der aktuell insgesamt 24 Therapeutenstellen zum Sommer gekündigt werden sollen.

Auch schlägt sie ab dem Kitajahr 2017/18 einen kompletten Ausstieg aus dem bisherigen System vor und spricht des Weiteren davon, sich bemühen zu wollen, „ein Konzept/Übergangsszenario hinsichtlich des weiteren Einsatzes der therapeutischen Kräfte zu erstellen“. Konkretes? Fehlanzeige. Was sich genau dahinter verbergen kann, bleibt vage.

Ein Unding, findet Verdi-Gewerkschaftssekretär Mathias Dopatka. „Gerade Kinder mit besonderem Integrationsbedarf sind viel mehr als eine rote Zahl im Finanzbericht“, übt er harsche Kritik. Dem von der Verwaltung kalkulierten möglichen Einsparungspotenzial in 2017 in Höhe von 100 000 Euro widerspricht er. Vielmehr würde man aus rein finanziellen Gründen ein etabliertes inklusives System opfern, dessen Wert von allen Fachleuten als unbestritten hoch eingestuft werde.

Am kommenden Dienstag, 14. März, steht das Thema auf der Tagesordnung der gemeinsamen Sitzung des Kinder- und Jugendausschusses und des Schulausschusses (17 Uhr, Ratssaal). Vor neun Monaten demonstrierten gut 250 Therapeuten, Betreuer, Eltern und Kinder lautstark vor dem Gremium. Ein Bild, das sich womöglich schneller als gedacht wiederholen könnte.

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