Theodor-Wolff-Preis setzt Ausrufezeichen

Von: Marco Rose
Letzte Aktualisierung:
8508314.jpg
Hochamt des Qualitätsjournalismus: EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (rechts) ehrt Korrespondenten-Legende Rudolph Chimelli für sein Lebenswerk mit dem Theodor-Wolff-Preis, dem Journalistenpreis der deutschen Zeitungen. Foto: Harald Krömer

Aachen. Der Theodor-Wolff-Preis in Aachen: Das sind große Geschichten, große Emotionen; das ist das Hochamt des Qualitätsjournalismus. Hier geht es um die Kunst, selbst komplexe Sachverhalte auf unterhaltsame und packende Weise zu erzählen, einen Blick auf die Abgründe des Lebens zu riskieren, Mitgefühl zu wecken, aufzuklären, den Leser zu fordern.

Der Theodor-Wolff-Preis in Aachen: Das sind auch Ausrufezeichen – gegen die Angst einer Branche im Umbruch, gegen die Unsicherheit im Umgang mit der Ware „Nachricht“. Es sind Ausrufezeichen gegen Häppchenjournalismus und Banalisierung.

Martin Schulz, Präsident des Europaparlaments, formulierte es am Mittwoch in seiner Laudatio auf Rudolph Chimelli so: „Wer die komplexen Themen, die interdependenten Prozesse unserer globalisierten Welt verstehen will, braucht Journalisten von der Art des Rudolph Chimelli.“

Der vermeintliche Luxus

Der heute 86-jährige Münchener, langjähriger Nahost-Berichterstatter der „Süddeutschen Zeitung“, gilt als Nestor der deutschen Auslandskorrespondenten. Während des Sechstagekrieges in Israel, der intensiven Phase des Kalten Kriegs in Moskau, der Massaker in Ruanda: „Rudolph Chimelli war dort“, stellt Schulz nüchtern fest. Und führt aus: „Qualitätsjournalismus ist das Gegenteil von Propaganda. Er ist das Ins­trument, dem Leser ein ungefiltertes Bild zu zeichnen. Wie oft fehlt uns das heute?“

Qualitätsjournalismus, das wurde Mittwochabend im Theater Aachen deutlich, kostet zugleich viel Geld und persönlichen Einsatz. Kai Strittmatter, auch er Auslandskorrespondent der „Süddeutschen Zeitung“, sieht das ganz abgeklärt: „Neben den Chefredakteuren sind wir Korrespondenten die teuersten Journalisten. Würde man meinen Posten in China streichen, könnte der Verlag drei Stellen in Deutschland schaffen.“ Die „Süddeutsche“ leistet sich diesen vermeintlichen Luxus, und auch Regionalzeitungen wie die „Aachener Zeitung“ und die „Aachener Nachrichten“ finanzieren – oft im Verbund mit anderen Verlagen – eigene Berichterstatter vor Ort.

Warum das so wichtig ist, erklärt der Laudator Martin Schulz: „Ein YouTube-Video lässt sich schnell hochladen und kann eine Momentaufnahme an einem bestimmten Ort für jeden Betrachter real wirken lassen. Ein umfassendes Bild einer Situation zu beschreiben, Hintergründe für die Handlungen zu erfassen, dies lässt sich nur durch intensive und leidenschaftliche Arbeit erzielen.“

„Wir glauben an Journalismus“

„Wir glauben an das, was wir täglich machen. Wir glauben an die Wirkung des Journalismus“, sagte Andreas Müller. Der Geschäftsführer des Zeitungsverlags Aachen zeigte sich am Mittwoch überzeugt, dass der Journalismus auch in Zukunft einen „respektablen Wirtschaftszweig in Deutschland“ tragen könne. Das „jüngste Baby des Zeitungsverlags“, die digitale Abendzeitung „Am Abend“, zeige zum Beispiel, wohin die Reise gehen müsse. Hermann Neusser, Vorsitzender des Preis-Kuratoriums und Verleger des „General-Anzeiger“ aus Bonn, ergänzte: „Egal, ob auf Papier oder dem Display: Ein Gradmesser für den publizistischen Anspruch ist schlicht die Qualität der Geschichten, die wir erzählen.“

Diese Geschichten und ihre Autoren standen folglich im Mittelpunkt der Feier, die zum ersten Mal in Aachen ausgetragen wurde. Geschichten wie die aus der Feder von Benjamin Piel, der den Lesern der kleinen Elbe-Jeetzel-Zeitung aus Lüchow große Gefühle nahebrachte: Diese Geschichte handelt von Sexualbegleitern für Behinderte und rührt damit an einem Tabu. Nicht zu vergessen die umwerfend humorvoll verfasste Abrechnung von „taz“-Reporter Peter Unfried mit dem deutschen Bildungsbürgertum und allen seinen Vorbehalten gegen den Philosophen und TV-Star Richard David Precht, den Unfried charmant porträtiert. Oder die unglaubliche Geschichte eines chinesischen Rotgardisten, der im Alter von 15 Jahren seine eigene Mutter denunziert und ihre Hinrichtung erwirkt – nachgezeichnet von Kai Strittmatter. Oder das Ergebnis von Kerstin Kohlenbergs langer Recherche, eine Reportage über die ganz praktischen Auswirkungen von Raubkopien. Oder, oder, oder!

„Nur solche Geschichten werden am Ende die Zeitung retten, die die Leser wirklich bewegen“, meint Annette Ramelsberger, Jurymitglied und Gerichtsreporterin der „Süddeutschen Zeitung“. „Das, was wir heute Abend hier gehört haben, ist echter Qualitätsjournalismus. Das sind wahnsinnig nahe Geschichten, es sind Geschichten, die anhand von Menschen politische und gesellschaftliche Umbrüche erklären. Das sind Geschichten, in die man tief eintauchen muss, für die man Zeit braucht. Das ist richtig große Kunst.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert