Theaterstück „Wolken“: Die Absurdität von Angst und Unsicherheit

Von: Tim Habicht
Letzte Aktualisierung:
6675206.jpg
Die Laien-Theatergruppe der Theaterschule spielt am 6. und 7. Dezember das Stück "Wolken". Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Zwei sich völlig unbekannte Menschen stehen in einem Park, dessen grüner Boden mit braunem Laub überdeckt ist, nebeneinander. Sie starren nach oben, in den Himmel, und beobachten die vorbeiziehenden Wolken. Was es denn zu sehen gebe, fragt ein dritter Passant. Aber die Antwort bleibt unklar. „Etwas gefährliches. Etwas schnelles. Aber ganz sicher kein Flugzeug“, heißt es immer wieder.

Denn eigentlich gibt es gar nichts zu sehen. Dennoch warten die Männer und Frauen darauf, dass etwas passiert. Es kommen immer mehr Menschen hinzu. Aus dem gemeinsamen Beobachten entwickelt sich ein absurdes Spiel.

„Seit eineinhalb Jahren gibt es diese Gruppe. Mit ‚Wolken‘ führen wir unser drittes Stück auf. Aber es ist das erste Mal, dass wir uns an einem Text orientiert haben. Da merkt man schon, dass das schwieriger und anders ist“, beschreibt Rena Zieger, die die Leitung der Laien-Theatergruppe übernimmt und Regie führt. Dabei haben Zieger und ihre neun Darstellerinnen und Darsteller, der jüngste von ihnen ist erst 18 Jahre alt, Eindrucksvolles geleistet. Das Stück „Wolken“ besticht nämlich nicht nur durch eine eigene Interpretation und das Hinzufügen eines weiteres Charakters gegenüber der Vorlage von Ramon Pierson, sondern vor allem durch die Leistung der Laien-Schauspieler.

„Für viele ist es sicher einfach toll, einmal in eine andere, fremde Rolle zu tauchen und sich selbst auch neu auszuprobieren und zu entdecken“, sagt Zieger, die weiterhin auf der Suche nach interessierten Darstellerinnen und Darstellern jeglicher Altersklasse ist. Die Persönlichkeit einer anderen Rolle darzustellen, das schaffen die neun Laien-Schauspieler ausgesprochen gut. Dabei lebt das Stück zu Beginn von der Unterschiedlichkeit aller Charaktere. Es gibt etwa eine Punkerin, eine Mutter mit einem Sohn im jugendlichen Alter oder einen nervös und völlig auf Kontrolle bemühten Banker. Sie alle schauen in den Himmel. Erst jeder für sich und durch Neugierde getrieben. Dann alle gemeinsam – mit System! Und letzten Endes weiß keiner mehr, warum man überhaupt in den Himmel schaut.

Aus der lockeren Gruppe entwickelt sich eine Gemeinschaft, über die eine Person im Laufe der Zeit das Sagen errungen hat. Aus den individuellen Charakteren wird eine graue Einheit, die fremdbestimmt die Wolken betrachtet – mit System!

„Wir wollen die Absurdität darstellen, die durch Unsicherheit und Angst in einer Gruppe entstehen kann“, äußert sich Regisseurin Zieger. Das Theaterstück stellt eine Parabel zum Nationalsozialismus dar. „Deswegen auch das braune Laub und die braunen Klamotten der Darstellerinnen und Darsteller“, so Zieger mit einem Augenzwinkern. Auf die Spitze getrieben wird der Vergleich mit einer eigenen Interpretation von Frank Sinatras „Strangers in the night“. Es ist einer von drei selbst geschriebenen Songs beziehungsweise Texten, den die Theatergruppe hinzugefügt hat. Allein diese drei Lieder sind einen Besuch wert. Außerdem wurden auch alle Kostüme selbst gebastelt.

Aber weder die Kostüme noch die Songs stehen am Ende im Fokus des Stücks. Vielmehr verlässt man mit durchaus düsteren Gedanken die Theaterschule. Kann man in einer von oben bestimmten Gruppe seine eigene Identität, seinen eigenen Charakter, wahren oder lässt man sich vom System vereinheitlichen? Und wie reagiert die Obrigkeit, wenn ein Mitglied aussteigt? Schließlich wird dadurch das ganze System gefährdet und in Frage gestellt. Diese Fragen werden zwar nicht eindeutig im Theaterstück „Wolken“ beantwortet. Aber das sollen sie auch gar nicht. Denn das Stück der Laien-Theatergruppe regt zum denken an. Eine dieser einstündigen Vorstellungen sollte man sich nicht entgehen lassen.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert