Theater Aachen feiert mit „Kaspar Häuser Meer“ Premiere

Von: Luisa Thomè
Letzte Aktualisierung:
8546374.jpg
Hat die Textvorlage für die neue Inszenierung im Mörgens geliefert: die preisgekrönte Autorin Felicia Zeller. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. „Immer schön Psychohygiene betreiben. Dann passiert uns so etwas nicht“. So etwas? Na so etwas, was Björn passiert ist, als er mit „Björn-Out“ das Handtuch wirft und 104 ungeklärte Fälle auf seinem Schreibtisch beim Jugendamt hinterlässt.

Wen er noch hinterlässt, sind seine drei Kolleginnen, die schon vor Björns Zusammenbruch mehr als ausgelastet waren. „Kann warten, sollte aber eigentlich nicht“. Der ganz normale Alltag im Jugendamt. Und der findet jetzt statt auf der Bühne im Mörgenstheater in der Inszenierung „Kaspar Häuser Meer“.

Björn ist also weg. Und die drei übrig gebliebenen Frauen bekommen auch keinen neuen Björn. Unübersichtliches Gekritzel auf Notizzetteln kreuz und quer in Akten geklebt. Die Frauen können nur noch kategorisieren: „dringend“, „brennt“, weniger dringend“, „kann warten, sollte aber eigentlich nicht“. Völlige Überforderung und Hilflosigkeit wandeln sich nach nur kurzer Zeit in Wut um. Die Situation unter den Frauen spitzt sich zu.

Das „Kaspar-Hauser-Syndrom“ beschreibt Entwicklungsstörungen, die infolge unpersönlicher Betreuung und mangelhafter Zuwendung auftreten. Durch die lieblose Betreuung kommt es oft zu einer Reizarmut der Kinder oder gar ihrer Verwahrlosung. Mit genau solchen Fällen kämpft auch der Sozialarbeiter – pardon, der „Case-Manager“, wie er im heutigen Fachjargon genannt wird. Der Titel „Kaspar Häuser Meer“ beschreibt nun ein Meer von Häusern, in denen Kaspar Hauser wohnt.

Die Autorin Felicia Zeller schreibt Theater- und Prosatexte, produziert Kurzfilme und wurde dafür, nicht zuletzt 2013, unzählige Male ausgezeichnet. Die Umwandlung von blankem Ernst in grandiose Komik macht ihr Stück „Kaspar Häuser Meer“ zu mehr als nur einer Gesellschaftskritik. Marion Schneider-Bast nahm sich am Mörgens der Inszenierung an. Es ist nach „Wohnen unter Glas“ bereits ihr zweites Stück am Aachener Theater. Die in Reutlingen lebende Regisseurin fühlt sich in Aachen besonders wohl. „Wir hatten eine super Zeit“, erzählt sie. Sie war sich der Herausforderung bewusst, die darin bestand, dieses nahezu unerträgliche Thema unterhaltsam auf die Bühne zu bringen. „Aber wir waren jetzt nicht die ganze Zeit nur betroffen“, erzählt Dramaturgin Caroline Schlockwerder. „Und genau das ist auch die Kunst des Stücks.“

Bekannt für ihre chorische Arbeit hat sich Schneider-Bast besonders auf die stimmliche Harmonie konzentriert. „Wenn man dieses Stück ausschließlich liest, wird man wahnsinnig“, erklärt sie und lacht. Mit der richtigen Dramaturgie und drei renommierten Schauspielerinnen entstand in den letzten Monaten die gelungene Kombination aus Ernst und Komik.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert