Terror: Polizei erhöht die Alarmstufe

Von: Stephan Mohne und Oliver Schmetz
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Streife am Synagogenplatz: Die Aachener Synagoge wird ohnehin schon rund um die Uhr von der Polizei geschützt. Nach den jüngsten Terrorakten in Paris und Verviers wurden die Sicherheitsmaßnahmen noch einmal verschärft. Foto: Michael Jaspers
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„Wir müssen wachsam sein, dürfen uns aber auch nicht verrückt machen lassen“: Dr. Robert Neugröschel, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Aachen.

Aachen. Der Terror rückt näher. Erst Paris, 350 Kilometer entfernt von Aachen. Dann Verviers, gerade einmal 30 Kilometer entfernt. Und das ist auch für die hiesigen Behörden Anlass, die Sicherheitsmaßnahmen ein gehöriges Stück hochzufahren.

Auf einige Institutionen hat die Polizei jetzt ein noch wachsameres Auge als sonst zu werfen. Nach Informationen unserer Zeitung ist vor allem die Bewachung der Synagoge am Synagogenplatz verschärft worden. Zudem hat die Polizei die Sicherheit der Yunus-Emre-Moschee im Ostviertel ebenso im Blick wie jene des Islamischen Zentrums Aachen Bilal-Moschee und der Zweigstellen des Verbands der Islamischen Kulturzentren in der Städteregion.

Und die Sicherheitskräfte achten nach den vereitelten Terroranschlägen in Verviers auch verstärkt auf die eigene Sicherheit – schließlich sollte sich die Gewalt dort gegen Polizisten richten. Am Freitag wurden deshalb die Schutzmaßnahmen für das Aachener Polizeipräsidium, für alle weiteren Dienststellen im Polizeibezirk und für Polizeibeamte auf Streife verschärft – wobei die Behörde Details verständlicherweise für sich behält. „Bei uns ist die Stimmung angespannt“, sagt Aachens Polizeisprecher Paul Kemen.

Eine Hochburg der Salafisten

Denn Fakt ist: Aachen gilt in den Augen des Landesverfassungsschutzes schon länger als eine Hochburg salafistischer Aktivitäten. Aktuell beziffern die Ermittler den harten Kern der potenziell gefährlichen gewaltbereiten Salafisten in der Städteregion auf knapp zehn Personen. Die Zahl liege noch „im einstelligen Bereich“, die Verdächtigen verteilten sich zu gleichen Teilen auf die Stadt Aachen und die umliegenden Kommunen, heißt es in einer ausführlichen schriftlichen Antwort der Aachener Polizei auf einen Fragenkatalog der AZ.

Diese Personen würden „fortlaufend intensiv beobachtet und analysiert“, die Erkenntnisse „fortlaufend neu bewertet“. Jeweils auf den Einzelfall bezogen wende man diverse Maßnahmen an, zum Beispiel Gefährderansprachen – was nichts anderes bedeutet, als dass die Ermittler der Zielperson deutlich mitteilen, dass man sie im Visier hat.

Genauso gehe man auch mit den Personen um, die als islamistische Kämpfer im Irak oder in Syrien waren, aber nun in ihre Heimat im Dreiländereck zurückgekehrt sind. Die Zahl dieser „Rückkehrer“ ist laut Polizei hierzulande aktuell gering und bewegt sich „im unteren einstelligen Bereich“ – allerdings werden diese Personen im Hinblick auf potenzielle Attentate von Sicherheitsexperten auch als besonders gefährlich eingestuft. Einige dieser gewaltbereiten Salafisten gehören auch zu den Koranverteilern, die in den Aachener Fußgängerzonen in der Vergangenheit bereits für Irritationen gesorgt haben.

Laut Polizei gibt es hier „in Einzelfällen personelle Überschneidungen“. Konkrete Hinweise auf Straftaten oder gar Attentate gibt es aber offenbar bislang nicht. Nach den Terrortaten in Paris habe es in der Städteregion keine Festnahmen von Terrorverdächtigen gegeben, erklärt die Polizei.

Im Mai vergangenen Jahres, bei der Vorstellung des aktuellen Verfassungsschutzberichtes NRW durch Innenminister Ralf Jäger und den Chef des Verfassungsschutzes, Burkhard Freier, war noch von 40 bis 50 gewaltbereiten Salafisten in der Städteregion und einer vermutlich noch deutlich höheren Dunkelziffer die Rede gewesen. Doch müssen die heutigen niedrigeren Zahlen nicht zwangsläufig einen Rückgang der Gefahr dokumentieren. „Es ist gut möglich, dass das bloß eine Frage der Definition ist“, sagt Aachens Polizeisprecher Paul Kemen zu der deutlichen Diskrepanz.

Dargestellt wurde seinerzeit auch, dass die Salafisten in Aachen eher im Hintergrund agierten, so etwa für eine extremistische Organisation in Düsseldorf. Diese gebe humanistische Vereinszwecke vor, rekrutiere aber Kämpfer und liefere Waffen nach Syrien. In diesem Zusammenhang liefen auch Ermittlungen gegen Aachener, hieß es. Zu diesem Verfahren liegen der hiesigen Polizei nach eigenem Bekunden keine Informationen vor – man verweist an den Generalbundesanwalt.

Außerdem wurde damals erklärt, dass zwei Männer aus Aachen nach Syrien gereist seien, um dort zu kämpfen – und dabei ums Leben gekommen sind. Aktuell gibt es einen ähnlichen Fall: Ende vergangenen Jahres sei ein Mann aus der Städteregion ebenfalls nach Syrien ausgereist, um sich an den Kämpfen zu beteiligen. Man stehe in diesem Fall in engem Kontakt mit anderen zuständigen Behörden, erklären die Ermittler. „Die Vernetzung ist hier recht eng“, sagt Kemen.

In der Aachener Synagoge betrachtet man derweil die aktuelle Entwicklung mit Sorge. „Selbstverständlich machen wir uns unsere Gedanken, wenn im benachbarten Belgien jüdische Schulen wegen Terrorgefahr geschlossen bleiben müssen“, sagt der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Aachen, Dr. Robert Neugröschel. Aber bisher habe man in Aachen keine ernsthaften Drohungen erhalten – und passiert sei auch noch nie etwas. „Doch die Gefahr ist da“, weiß Neugröschel, der durchaus damit rechnet, dass das eine oder andere Gemeindemitglied heute vorsichtshalber lieber nicht zum Gottesdienst in die Synagoge kommt. Der Vorsitzende akzeptiert das, auch wenn er für sich selber sagt: „Man muss in diesen Zeiten wachsam sein, aber man sollte sich auch nicht verrückt machen lassen.“

Mit der Zusammenarbeit mit der Polizei, die in diesen Tagen zusätzlich zur „normalen“ 24-Stunden-Überwachung rund um die Synagoge verstärkt Streife fährt, sei man ohnehin „sehr zufrieden“. Hinzu komme, dass das jüdische Gotteshaus mittlerweile auch durch spezielle Poller besser gesichert ist – um zum Beispiel Attentate unter Einsatz von Fahrzeugen zu verhindern. Doch Neugröschel macht sich nicht nur Gedanken um die Sicherheit der eigenen Gemeinde. „Wir wünschen uns auch, dass es keine Übergriffe gegen Moslems gibt“, sagt er, „damit sich Aktion und Reaktion nicht hochschaukeln.“ Und der Terror nicht noch näher rückt.

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