Aachen - Tenor Chris Lysack: Wenn ein Traum ganz plötzlich wahr wird

Tenor Chris Lysack: Wenn ein Traum ganz plötzlich wahr wird

Von: Katrin Fuhrmann
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Chris Lysack hat sich am Ort des Geschehens schon einmal umgeschaut: Für ihn ist es nur schwer vorstellbar, dass auf dem „kleinen Tümpel“ am kommenden Wochenende die Bühne der Kurpark Classix stehen wird. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Schon wenn man sich seine bisherige Biografie ansieht, kann einem leicht schwindelig werden. Chris Lysack freilich hat sie gelebt, ohne je aus dem Gleichgewicht zu geraten. Der Mann ist nicht nur ausgebildeter Operntenor, sondern auch klassischer Pianist – und hat noch dazu einen Doktortitel in Literaturgeschichte.

Als Sänger führte ihn sein Weg von Vancouver über New York und Hamburg bis ins Dreiländereck. Sein Aachener Debüt als festes Ensemblemitglied am Theater Aachen gab der gebürtige Kanadier mit ukrainischen Wurzeln im vergangenen Jahr bei der Kurpark Classix – zumindest in dieser Hinsicht ist er ein Wiederholungstäter. Am 19. Juni gastiert Chris Lysack bei der „Night at the opera“ im Kurpark. Im AZ-Samstagsinterview erzählt der 35-Jährige vorab, warum sich für ihn in Aachen jetzt sogar ein Traum erfüllt, welchen tiefen Sinn das Musizieren für ihn hat und warum das Kuscheln von Koalas in Australien, ihm stets im Gedächtnis bleibt.

Mit „Herr Doktor“ sollen wir Sie tunlichst nicht anreden. Ihre Bescheidenheit ehrt Sie. Fakt ist aber, dass sie auch promovierter Literaturwissenschaftler sind. Und ausgebildeter Pianist. Sind Sie etwa ein Workaholic?

Lysack: (lacht). Ach, nein. Das sind eigentlich alles meine Hobbys. Ich widme mich gerne stundenlang der Musik, genauso gerne beschäftige ich mich aber auch mit Literatur. Ich habe mit meinem Klavierstudium begonnen. Irgendwann hatte ich völlig unerwartet auch Interesse an Literatur. Ich habe dann angefangen, beide Komponenten miteinander zu verbinden. Meine Doktorarbeit in Literaturgeschichte ging zum Beispiel auch über die Oper.

Bei den Kurpark Classix haben Sie im vergangen Jahr Ihren Einstand als festes Ensemblemitglied am Theater Aachen gegeben. Wie haben Sie diesen ungewöhnlichen Einstieg damals erlebt? Ist es nicht viel schwieriger, open-air zu singen, schon weil man es nicht gewöhnt ist?

Lysack: Das war eine ganz neue Erfahrung für mich, denn die Akustik unter freiem Himmel ist eine ganz andere, als die in den klassischen Konzertsälen. Anfangs fühlte ich mich wie ein Fisch ohne Wasser (lacht). Aber an die spezielle und charmante Atmosphäre habe ich mich schnell gewöhnt. Ich freue mich, dass ich in diesem Jahr wieder an diesem schönen und ganz besonderen Ort zu Gast sein darf.

Lionel Richie und Ute Lemper treten ebenfalls kommendes Wochenende auf. Können Sie auch mit moderner Pop-Musik und Musical etwas anfangen?

Lysack: Als ich noch ganz jung war, war ich ein großer Fan von Musicals. Das war auch eher mein Karriere-Ziel. Aber dann hat sich alles anderes entwickelt und ich fühlte mich im Opern-Bereich eher zu Hause. Privat höre ich wenig Musik. Neulich habe ich Spotify entdeckt – da schau ich mich manchmal um und höre verschiedene Lieder. Generell mag ich klassische Musik und hin und wieder darf es auch mal ein Lied von Abba sein. Außerdem mag ich Jacques Brel. Er ist Musiker und Schauspieler zugleich. Seinen Ausdruck und seinen Gesang bewundere ich. Man kann viel von ihm lernen.

Wieso sprechen Sie eigentlich so gut Deutsch?

Lysack: Ich habe ein Semester an der Universität Deutsch gelernt und vor einiger Zeit noch einmal einen Sprachkurs absolviert. Da ich viel in Deutschland unterwegs gewesen bin, kam das mit der Zeit wie von selbst. So gut ist mein Deutsch aber gar nicht.

Dieses Jahr stehen bei der „Night at the opera“ vor allem osteuropäische und italienische Werke im Mittelpunkt. Der AZ haben Sie vor Jahresfrist bereits erzählt, dass die Partie des tragischen Helden Cavaradossi aus Puccinis „Tosca“ Sie besonders reizen würde. Erfüllt sich der Traum schon in der kommenden Saison?

Lysack: Ja, das war wirklich schon lange ein Traum und nun wird es die Eröffnungsproduktion der neuen Spielzeit. Ich bin wirklich begeistert und total gerührt, dass ich endlich die Möglichkeit bekomme, diese Partie singen zu können. Ich freue mich auf den Moment, wenn ich die Bühne betrete und zu singen beginne.

Haben Sie denn noch „Lampenfieber“ – wie es so schön heißt?

Lysack: Ja, manchmal schon. Aber das ist eher selten. Wenn man vor einem Auftritt zu nervös und aufgeregt ist, hat das negative Folgen auf den Gesang und die Darbietung. Ich versuche immer ruhig und entspannt zu bleiben, damit ich meine Aufgabe auf der Bühne gut meistern kann. Meine Kollegen können wahrscheinlich besser beurteilen, ob ich vor einem Auftritt wirklich so gelassen bin.

Wie brisant kann eine Oper wie „Tosca“, in der es um politisch Verfolgte und korrupte Staatsdiener geht, denn heute sein? Wenn für Sie alles einen tieferen Sinn hat, dann denken Sie sicherlich auch über die Hintergründe des Stücks nach. Oder geht es nur um die Musik?

Lysack: Natürlich steht die Musik im Vordergrund. Aber der tiefere Sinn und die Geschichte, die ein Stück erzählen will, sind genauso wichtig. Denn es geht immer um Menschen, die etwas zu erzählen haben und die mit ihrer Musik viel Platz lassen für individuelle Interpretationen. Jeder einzelne Gast im Publikum interpretiert das Stück gegebenfalls anders. Es ist also auch meine Aufgabe, das Publikum nicht nur in dem Moment des Auftritts zu erreichen, sondern weit darüber hinaus dafür zu sorgen, dass diese universellen Themen im Gedächtnis bleiben. Politische Themen sind immer auch menschliche Themen, die jeden Einzelnen etwas angehen. Jedes Stück, so traditionell es auch sein mag, hat aus diesem Grund auch etwas modernes, etwas ganz alltägliches.

Sie sind viel herumgekommen, als Ensemblemitglied der Hamburger Staatsoper haben Sie mit Wagners „Rheingold“ sogar ein Gastspiel in Australien gegeben. Welche Gefühle und Gedanken hat man, wenn man an solch besonderen Orten gastiert?

Lysack: Ich habe sehr viel Glück gehabt. In meiner bisherigen Karriere bin ich unerwartet viel herumgekommen und durfte einige schöne Ecken weltweit kennenlernen. Besonders beeindruckt hat mich Jordanien, aber auch Ägypten und der Libanon. Die Eindrücke, die ich dort sammeln konnte, haben mich inspiriert. Ich versuche all diese interessanten und einzigartigen Lebenserfahrungen im Gesang auszudrücken und zu verarbeiten.

Können Sie Beispiele für ganz besondere Momente und Erfahrungen nennen?

Lysack: In Australien haben wir am Tag nach dem Auftritt zum Beispiel mit Koalas gekuschelt. In Ägypten waren wir nur einige Meter von den Pyramiden entfernt. So unterschiedlich all diese Erfahrungen auch sind, ich möchte sie mit meinem Publikum teilen. Ich hoffe, sie spüren, dass ich mit meinem Gesang auch Eindrücke und Erfahrungen transportieren möchte. Bei mir gibt es nicht diese eine besondere Kulisse oder diesen einen besonderen Moment in meiner Karriere – es sind die vielen kleinen Ereignisse, die mich bislang geprägt und beeindruckt haben.

Zu guter Letzt: Sie wohnen mittlerweile in Aachen. Haben Sie sich hier gut eingelebt? Was gefällt Ihnen besonders gut?

Lysack: Wir haben eine schöne Wohnung gefunden und fühlen uns hier sehr wohl. Ich bin auch gerne im Dom, da ich mich für Karl den Großen und generell für die mittelalterliche Geschichte sehr interessiere. Die Aachener haben mich wirklich herzlich empfangen und dafür bin ich dankbar.

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