Tausende stehen fluchend im Mega-Stau

Von: Stephan Mohne
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Stau
Haarsträubend: Auf der Horbacher Straße in Alt-Richterich zwängten sich die Schwerlaster durch ein Nadelöhr. Weil dort keine zwei Laster aneinander vorbei passen, staute sich der Verkehr dahinter kilometerlang. Das galt auch für viele andere Stellen in der Stadt. Foto: Jaspers

Aachen. Wie viele wilde Flüche am Donnerstag von Autofahrern in ihren Karossen losgelassen wurden, ist nicht überliefert. Es dürften nicht wenige gewesen sein. Denn ein solch umfassendes Verkehrschaos wie das im Berufsverkehr hat es lange nicht mehr gegeben.

Das Blech staute sich sogar Kilometer von der eigentlichen Ursache entfernt. Teils ging es kaum vor oder zurück. Tausende Aachener und Pendler kamen zu spät zur Arbeit, tausende Schüler kamen zu spät zum Unterricht.

24 Stunden Dauerblockade

Besagte Ursache war ein Unfall, der sich bereits am Mittwochnachmittag ereignet hatte und in dessen Folge nicht nur am Mittwoch, sondern auch noch mehr als 24 Stunden später etliche Straßen blockiert waren. Kurz hinter dem Grenzübergang Vetschau auf der Autobahn war ein Tanklastzug aus unbekanntem Grund von der Fahrbahn abgekommen und in die Leitplanke gekracht.

Danach hatte sich der Lkw überschlagen. Der Fahrer konnte von den Rettungskräften nicht mehr lebend geborgen werden, er starb noch am Unfallort. Die Leiche konnte bis Donnerstagnachmittag nicht aus dem völlig zerstörten Fahrerhaus geborgen werden Der Tank hatte zudem bei dem heftigen Unfall ein Leck abbekommen.

Was nicht ohne Brisanz war, denn der Laster hatte Methylmethacrylat geladen. Die Flüssigkeit, die besonders bei der Herstellung von Acrylglas und Zahnprothesen aus Kunststoff zum Einsatz kommt, ist leicht entflammbar. Bis zum gestrigen Nachmittag dauerte es, bis die Chemikalie in einen anderen Tankwagen umgepumpt und der Unfall-Lkw geborgen werden konnte.

Als Folge des Unfalls wurde die „Hollandlinie“ A4 auf deutscher Seite – sie wird jenseits der Grenze zur niederländischen A76 – gesperrt. Und das blieb sie bis Donnerstag – komplett und in beide Richtungen zwischen Kreuz Aachen und Grenze. „Die Maßnahmen wurden in enger Absprache mit der für den Unfall zuständigen Polizei in Maastricht getroffen“, hieß es Donnerstagmorgen bei der Autobahnpolizei in Köln.

Die A4 in Richtung Niederlande führe genau auf die Unfallstelle zu. Den Verkehr bis Laurensberg fließen zu lassen und dann dort ins „Sekundärnetz“ abzuleiten, hätte nicht funktioniert, hieß es weiter: „Das hätte die Stadt nicht geschafft.“ Warum die A4 auch in die andere Richtung bis zum Autobahnkreuz gesperrt war, konnte man ad hoc nicht erklären.

Die Stadt verkraftete die Folgen des Unfalls indes verkehrstechnisch auch so nicht. Die Auswirkungen waren unglaublich heftig. „Fast alle Ein- und Ausfallstraßen waren dicht“, sagt Aachens Polizeisprecherin Sandra Schmitz, die selber auch kaum zur Arbeit kam. In der AZ-Redaktion meldeten sich Leser, die monierten, die Polizei habe nicht der Lage entsprechend eingegriffen. So etwa auf der Vaalser Straße. Unter anderem dort versuchten tausende Autofahrer, eine Alternativroute zur Autobahn zu fahren

Insbesondere die beiden Ampeln im Bereich Kullen und Steppenberg hätten jedoch den Verkehrsfluss erst recht zum Erliegen gebracht, so die Kritik. Zudem hatte mancher Lkw-Fahrer wegen der Autobahnsperrung die Zeit „genutzt“ und die vorgeschriebene Ruhepause eingelegt – auf dem Grünstreifen an der Vaalser Straße. „Es war für uns völlig unmöglich, überall regelnd einzugreifen, wo es Auswirkungen der Sperrung gab“, entgegnet Schmitz. Dennoch habe man an manchen Stellen sehr wohl gehandelt.

So sei etwa der Verkehr auf der Horbacher Straße in Richterich und auf der Kohlscheider Straße zeitweise um- oder abgeleitet worden. Gerade auf der Horbacher Straße in Alt-Richterich kam es zu chaotischen Szenen. Dort passen keine zwei Lkw aneinander vorbei – aber die Laster kamen dennoch aus beiden Richtungen. Es gab teils kein Durchkommen mehr.

Die Staus schlängelten sich kreuz und quer durch die Stadt. Hatte man gerade ortskundig einen „Schleichweg“ ersonnen, kam schon wenige Meter weiter die Ernüchterung. Weil man auf den nächsten Stau traf. Die Alleen waren zu, die Jülicher Straße war dies ebenso, die ohnehin derzeit wegen einer Baustelle streckenweise nur einspurige Krefelder Straße obendrein. Und auch auf der ohnehin morgens arg staugeplagten Trierer Straße war es noch heftiger als sonst. Das auch deswegen, weil wegen der gesperrten A4 nun viel versuchten, auf die Autobahn 44 – die „Belgienlinie“ – auszuweichen.

Bereits am Kreuz Kerpen hatte die Autobahnpolizei auf die Sperrung aufmerksam gemacht. Die Folge auf der A44: Zwischen Alsdorf und belgischer Grenze ging nichts mehr. Bis zu zehn Kilometer staute sich das Blech. Kaum genutzt hätte es den Betroffenen, auf Busse umzusteigen. Die standen nämlich selbstredend auch im Stau: „Wir sind genauso betroffen wie alle Autofahrer“, sagte Aseag-Sprecherin Anne Körfer. Wie viele Linien von den enormen Verspätungen betroffen waren, konnte sie gar nicht aufzählen: „Es staut sich ja fast überall.“ Ebenso waren natürlich die Schulbusse viel zu spät an ihren Bestimmungsorten.

Erst um 16 Uhr wieder frei

Als der Berufsverkehr ein wenig abebbte – was allerdings nicht zur Auflösung aller Staus führte –, ließ die Autobahnpolizei den Verkehr auf der A4 zumindest wieder bis nach Laurensberg rollen und leitete von dort aus ab. Bis alles wieder im Fluss war, dauerte es jedoch noch bis 16 Uhr. Denn erst zu dieser Zeit war der Unfall-Laster geborgen und die Autobahn wieder frei. Da hatte der nächste Berufsverkehr längst eingesetzt.

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