„Tanzen ist mehr als nur technische Fähigkeiten“

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eibigmja1 27.04.2017 Yvonne Eibig / Wochenendinterview / WE

Aachen. Wenn Yvonne Eibig von ihrer Arbeit erzählt, dann strahlt sie übers ganze Gesicht, die Hände fliegen und der Mund kommt nur selten zum Stillstand. Die quirlige Frau mit den blauen Augen ist personifiziertes Multitasking: Sie jongliert gleich mehrere Projekte und Ideen gleichzeitig im Kopf, hat den Verein „Artbewegt“ gegründet, lehrt Jugendlichen in „Jutac“ das Tanzen und ist Projektleiterin von „Generation2“, dem jungen Part des Aachener Schrittmacher-Festivals.

Damit hat sich die Tänzerin, Choreographin, Kulturschaffende und Pädagogin in den vergangenen Jahren einen Namen in Aachen gemacht – vor allem weil sie Jugendliche zum Tanzen bringt. Nun ist das Jugend-Tanzprojekt „Face2Face“ für das renommierte Berliner Tanztreffen der Jugend nominiert. Unser Redaktionsmitglied Ines Kubat hat sich mit Yvonne Eibig getroffen, und mit ihr über die Aachener Tanzszene, die Arbeit mit Jugendlichen und natürlich über das Tanzen selbst unterhalten.

Im wahrsten Sinne des Wortes tanzen Sie auf vielen Hochzeiten: Sie machen HipHop, Jazz, Ballett und ModernDance. Gibt es eine Sparte des Tanzens, mit der Sie so gar nichts anfangen können?

Eibig: Der Paartanz, daran bin ich kläglich gescheitert und habe noch vor dem A-Kurs aufgehört.

Warum?

Eibig: Naja, das Dilemma ist: Als Bühnentänzer lernt man, seinen eigenen Körper in den Vordergrund zu stellen. Da hat man beim Paartanz das Problem, dass da auch ein Mann ist und der auch noch plötzlich führt. (lacht)

Worin sind Sie denn ausgebildet?

Eibig: Nun, ich tanze zwar schon seit meinem dritten Lebensjahr, aber offiziell habe ich kein Bühnendiplom – weder in Bühnentanz noch in der Choreographie. Ich habe aber früh angefangen, als Tanzpädagogin zu arbeiten.

Sie sind also Autodidaktin?

Eibig: Das stimmt wiederum auch nicht so ganz. Ich komme ursprünglich aus der ehemaligen DDR, aus dem Erzgebirge. Dort gab es nur zwei Schulen, an denen man das Bühnentanzdiplom hätte machen können. Ich habe dort zwar einen Teil der Ausbildung im klassischen Ballett durchlaufen, aber eben nicht die komplette Ausbildung. Als es soweit gewesen wäre und ich mich beworben hatte, sind wir im Jahr 1986 aus der DDR ausgereist. Als wir in Aachen ankamen, war dann mein erster Gedanke nicht die künstlerische Ausbildung.

Dennoch sind Sie in der Aachener Tanzszene sehr umtriebig. Hat der fehlende Abschluss also nicht geschadet?

Eibig: Ehrlich gesagt sind mit Abschlüsse gar nicht so wichtig – auch nicht, wenn es darum geht, neue Teammitglieder einzustellen. Ich glaube daran, dass man mit einem gesunden Menschenverstand, mit Instinkt und viel Freiheit sehr weit kommt. Ich hatte sehr früh das Glück, mit vielen tollen Leuten zusammenzuarbeiten und sehr schnell auch verantwortliche Positionen wie die choreographische Leitung bekommen – auch ohne Bühnentanzdiplom. Zum Beispiel habe ich mit Manfred Langner, dem Vorgänger von Uwe Brandt am Grenzlandtheater, zusammengearbeitet und dabei sehr viel gelernt. Häufig hatte ich auch einfach das Glück, im richtigen Moment auf die richtigen Leute zu treffen.

Glück allein reicht in der Branche aber sicher nicht aus. Warum brennen Sie so für den Tanz?

Eibig: Das kommt aus einem sehr persönlichen Antrieb heraus. Als ich damals mit meiner Familie gerade in Aachen angekommen waren, hat mir das Tanzen meine seelische Gesundheit gerettet hat. Es ist ein Ausdrucksmittel, wie man heute so schön sagt. Etwas, das man fühlt. Tanzen ist für mich „Sein“ im absoluten Moment. Im Jetzt sein. Wenn man diese Erfahrung im Jugendalter macht, kann man davon in vielen anderen Lebensbereichen zehren.

Das klingt sehr philosophisch. Was meinen Sie genau?

Eibig: Ich war gezwungen, meine Heimat, Menschen und meine ganze Lebenssituation zu verlassen. Als wir aus dem Osten hier rüber gezogen sind, haben wir de facto nichts mitnehmen können. Aber den Tanz, und die Erfahrung, die ich darin hatte, die waren mir geblieben.

Sie sind dann von der Tänzerin zur Lehrerin geworden, warum?

Eibig: Ich habe eine unheimliche Freude an der Vermittlung. Man sieht junge Leute von klein an aufwachsen und darf Sachen an ihnen fördern, die im schulischen Kontext vielleicht eher hinderlich sind.

Inwiefern?

Eibig: Naja, in unseren Proben herrscht zum Teil Anarchie. Da muss nicht jeder alles mitmachen, da ist es auch mal laut. Die Kunst ist, diese Freiheit zu geben und gleichzeitig zu vertrauen, dass sich da niemand ungebührlich verhält oder verletzt. Für uns ist es wichtig, den Kindern und Jugendlichen viel Raum zu lassen, da ist auch mal etwas zugelassen, was in der Schule verboten ist. Zum Beispiel, jemanden spielerisch in den Schwitzkasten zu nehmen.

Warum diese Freiheit?

EIbig: Weil wir die Persönlichkeiten der Jugendlichen spannend finden und eben nicht nur darauf schauen, ob jemand gute Gelenke und einen geraden Rücken hat. Denn Tanzen ist mehr als der Körper und die technischen Fähigkeiten.

Sie sagten, das Tanzen hätte sie selbst als junge Frau „gerettet“. Haben Sie sich deshalb auf Jugendliche spezialisiert?

Eibig: Ich bin da nicht drauf festgelegt, aber ich finde Jugendliche einfach spannend, und zwar aus zwei Gründen: Erstens finde ich, dass man Jugendlichen heute zu wenig zutraut und zu wenig abverlangt. Sie sind nämlich sehr leistungsfähig. Zweitens finde ich es fatal, wenn Jugendliche und Kinder zwei Drittel des Tages im gleichen sozialen Umfeld und den gleichen Tagesstrukturen verbringen. Es ist keine schöne Entwicklung, wenn sämtliche kulturellen Freizeitangebote in die Schulen gezogen werden.

Warum nicht?

Eibig: Freizeitangebote heißen so, weil sie außerhalb der Schule stattfinden. Ich finde es absolut richtig, dass es kulturelle Bildung auch in den Schulen und Kindergärten gibt, damit die Kinder und Jugendlichen einen ersten Kontakt haben. Aber es ist fatal, dass die Freiheit, die diese kulturellen Angebote bieten, direkt im Keim stecken bleiben. Denn um sich richtig auszuprobieren, dafür braucht es einfach einen anderen Ort – auch um seine Peergroup-Rolle zu finden. Ich finde, es muss einen Erfahrungsraum geben neben Schule und Familie – dazwischen fehlt ein Stück Anarchie.

Ist das der Grund dafür, dass Ihre Angebote/Projekte sehr offen sind?

Eibig: Die Proben sind eine Laborsituation, da muss jeder alles probieren, sich ausprobieren. Was wir am Ende öffentlich zeigen, das entscheiden wir als letztes – auch mit den Jugendlichen zusammen.

Warum ist Tanzen für Jugendliche wichtig?

Eibig: Aus irgendwelchen Gründen haben Kinder eine ganze andere Raumwahrnehmung und ein Empfinden für den eigenen Körper als früher. Das ist nicht mehr so fein, wie es noch vor einigen Jahren war.

Und Tanzen hilft dagegen?

Eibig: Auf jeden Fall. Wir arbeiten zum Beispiel seit einigen Jahren in einer Grundschule mit den dritten und vierten Klassen. Da bekommen wir die Rückmeldung der Lehrer, dass die Kinder aus unseren Projekten beispielsweise eine schnellere und feinere Auffassung von sozialen Stimmungen haben. Außerdem seien sie ausgeglichener und das strahlt wohl auch in die Klassen aus. Wir vermitteln den Kindern eine gewisse Haltung, indem wir ihnen Freiheiten lassen und gleichzeitig etwas zutrauen. Und sie nehmen davon tatsächlich ein anderes körperliches Selbstvertrauen mit. Das zeigt sich später in der Körperhaltung und –sprache.

Bei Ihrem derzeitigen Projekt „Face2Face“ tanzen Flüchtlinge mit. Ist es ein Integrationsprojekt?

Eibig: Nein. Es interessiert mich ehrlich gesagt nicht, wo die herkommen. Das Tanzen ist natürlich in dem Fall schon sehr spannend, weil es den Vorteil hat, dass man ganz ohne Worte klar kommen muss. Aber wir sind einfach für alle offen und sprechen nicht speziell über die Fluchtgeschichten oder Probleme der Jugendlichen wegen ihrer Herkunft. Und das wollen die Jugendlichen auch gar nicht: Da gab es zum Beispiel eine ganz großartige Situation in diesem Projekt, da sagte ein Flüchtlingsjunge: „Wenn Ihr die Flucht zu sehr thematisiert hättet, wäre ich nicht geblieben. Denn ich bin mehr als meine Flucht“.

Nun ist „Face2Face“ nominiert für das Tanztreffen der Jugend in Berlin. Was bedeutet das?

Eibig: Allein die Nominierung ist schon ein riesen Ding. Da stehen wir neben großen Namen wie dem Nationaltheater Mannheim, Staatstheater Mainz und dem Tanzhaus NRW. Das ist schon ein großes Kompliment.

In den Projekten, die sie betreuen, sind Sie ja mehr als eine reine Tanzlehrerin, oder?

Eibig: Ja, ich bin auch Choreographin, Vernetzerin und Projektkoordinatorin. Mir war irgendwann klar, dass ich mehr machen will als unterrichten. Deshalb habe vor ein paar Jahren noch ein Mastermodul studiert und bin dadurch mit vielen Tanzschaffenden in Kontakt gekommen. So habe ich mit der zeitgenössische Tanzvermittlung angefangen – das, was ich jetzt hauptsächlich mache. Das war 2013. In den vergangenen vier Jahren ist dann extrem viel passiert bei mir. Denn vorher gab es in Aachen noch keine freie Tanzszene, kein „Generation2“, ganz wenige Schulprojekte und kein „Artbewegt“. Das haben wir gegründet, um die Expertise zu Förderprogrammen und dem Netzwerk zu bündeln.

Wie ist denn die Tanzszene in Aachen aufgestellt?

Eibig: Es gibt eine große private Tanzschulszene und auch Tanzsport, aber wenig freie Initiativen oder Gruppen – die wollen wir bündeln mit „Artbewegt“.

Für das Schrittmacher-Festival haben Sie zusammen mit Rick Takvorian die „Generation2“, also Workshops und Produktionen für junge Leute, etabliert. Wie kam es dazu?

Eibig: Ich wollte mich da gar nicht aufdrängen, das war eher Zufall. Mein Plan war es, als mein Uni-Abschlussprojekt, eine kleine Tanz-Veranstaltung mit jungen Nachwuchskünstlern zu organisieren. Gleichzeitig wollten die Veranstalter des Schrittmacher-Festivals etwas für jüngere Leute anbieten. Ich kam ins Spiel, weil ich einfach das passende Konzept hatte, und die Kooperationspartner das NRW Landesbüro Tanz schon im Boot war. Und dann ging es rund.

Welches Renommee hat denn das Schrittmacher-Festival in der Tanzszene eigentlich?

Eibig: Es ist international bekannt und hat eine große Strahlkraft. Die Kompanien fragen hier an.

Und „Generation2“?

Eibig: Das ist noch nicht so bekannt, aber mittlerweile etabliert. Wir fördern dabei vor allem auch Nachwuchsensembles, die hier ihre Eigenproduktionen im zeitgenössischen Tanz auf die Bühne bringen. Es geht also nicht unbedingt um die perfekte Produktion sondern auch darum, dass sich die jungen Tanzgruppen begegnen und professionelle Rahmenbedingungen haben, um sich auszuprobieren und kennenzulernen. Es gibt Jugendliche, die hier auf der Bühne standen und jetzt in festen Ensembles tanzen.

Was braucht Aachen, um die freie Tanzszene weiterzuentwickeln?

Eibig: Wenn wir von „Generation2“ oder dem Schrittmacher -Festival sprechen, ist es immer so, dass Aachen als Spielort interessant ist. Die Leuten kommen aus ganz Deutschland, die Zuschauer von überall her. Die Wertschätzung von außen ist also total da. Aber viele von außen fragen sich auch, wann mal richtig gute Tänzer oder auch Produktionen aus Aachen selbst kommen. Wir haben hier ja viele vielversprechende Talente, sowohl Tänzer als auch Choreographen. Deshalb bräuchte die freie Tanzszene auch einen Ort, wo wir unsere Arbeit verstetigen können – mit einem Büro, Besprechungs- und Übungsräumen. Und vor allem bezahlbar muss er sein. Das Tanzprojekt „Jutac“ beispielsweise kommt mittlerweile in einem Kindergarten unter, weil wir uns andere Räume nicht leisten können. Aber das ist eben nicht mehr nur kulturelle Bildung, das ist Nachwuchsförderung im künstlerischen Bereich. Und dafür braucht es mehr als eine Schulturnhalle oder einen einfachen Raum.

Auf was können sich die Aachener bei Ihnen in nächster Zeit gefasst machen?

Eibig: Ich habe viele ungelegte Eier, über die ich noch nicht sprechen möchte. Aber ich werde mich definitiv weiter für den Tanz und dessen Akteure in der Region einsetzen, und hoffe, dass ich weiter mit den tollen Partnern aus der Kommune und den Freischaffenden viel auf die Beine stellen kann. Ich werde mich auch dafür einsetzen, die Sachen zu verstetigen, die wir angegangen haben. Dazu gehört es zum Beispiel, „Generation2“ weiterzuentwickeln und auch mehr Tanzprojekte wie „Face2Face“ zu entwickeln. Vor allem geht es mir darum, den Nachwuchs zu unterstützen.

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