Talkrunde: Von der Normalität, einfach verschieden zu sein

Von: Katharina Menne
Letzte Aktualisierung:
10909424.jpg
Talkrunde im Centre Charlemagne: Über Menschen mit Behinderung als Chance und Gewinn für die Gesellschaft diskutierten unter der Moderation von Bernd Büttgens (4. von rechts) Experten und Betroffene. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Was ist eigentlich „normal“ in einer vielfältigen Gesellschaft? Und warum werden Menschen mit Behinderung in vielen Situationen noch immer ausgegrenzt? Mit solchen und vielen anderen Fragen hat sich die Gesprächsrunde „Menschen mit Behinderung – Eine Chance und ein Gewinn für die Gesellschaft“ im Centre Charlemagne auseinandergesetzt.

Ausgehend von der aktuellen Ausstellung „erfasst, verfolgt, vernichtet“, die sich mit der systematischen Vernichtung kranker und behinderter Menschen zur NS-Zeit auseinandersetzt, wurde ein Bogen in das Hier und Jetzt geschlagen.

In drei unterschiedlich besetzten Gesprächsrunden kamen Menschen mit und ohne Behinderung zu Wort. Offen und weitgehend unbefangen berichteten Eltern, Betreuer, Einrichtungsleiter, Ärzte und Engagierte über Chancen und Hürden im Leben von und mit Behinderten. Dass Vorurteile und Benachteiligungen noch längst nicht überwunden sind, darin waren sich alle einig. „Bis zu einer völligen Gleichberechtigung und einem gleichwertigen Miteinander muss noch einiges in den Köpfen der Menschen passieren. Die Frage, welches Leben lebenswert ist, ist im Zuge von Diskussionen über Pränataldiagnostik und Abtreibung aktuell wie eh und je“, sagte Ulla Schmidt, Vizepräsidentin des Bundestags und Vorsitzende der Bundesvereinigung der Lebenshilfe.

„In einer Zeit des Leistungs- und Perfektionswahns vergessen viele, dass die Schönheit eines Menschen viel weiter gefasst werden muss“, sagte auch Dr. Karl Allgaier, Direktor der Bischöflichen Akademie Aachen. „Wir brauchen ein erweitertes Menschenbild, sonst kommen wir nicht weiter.“ Wie viel Schönheit in unverfälschter Ehrlichkeit und Authentizität steckt, bewiesen insbesondere die beiden Gesprächsteilnehmer mit Behinderung: Julian Ascheid und Arne Sommer. Mit ihrer ansteckenden Fröhlichkeit und Leichtigkeit brachten sie das voll besetzte Auditorium zum Lachen und waren eine Bereicherung für die gesamte Veranstaltung.

Julian Ascheid gehört darüber hinaus zu einer Gruppe von speziell geschulten Ausstellungsführerinnen und -führern, die in sogenannten Tandems die Besucher durch die Ausstellung begleiten. Zusammen mit einem Erwachsenen ohne Behinderung erklären sie den Führungsteilnehmern die Ausstellungstafeln und erzählen die Geschichten von Opfern und Tätern.

Dass Abscheulichkeiten wie etwa ein „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, das 1934 in Kraft trat, überhaupt jemals denkbar waren, macht betroffen. Das Gesetz war Grundlage für rund 400 000 Zwangssterilisationen und über 200 000 Morde an Menschen mit Behinderungen. „Meine Ärztegeneration ist zwar nicht direkt schuldig, aber jeder einzelne von uns trägt heute die Verantwortung, dafür zu sorgen, dass so etwas nie wieder geschieht. Es hat viel zu lange gedauert, bis die Ärzteschaft ihre Täterrolle aufgearbeitet hat. Deshalb soll diese Ausstellung die Auseinandersetzung mit der Thematik anstoßen und zum Nachdenken anregen“, so Prof. Frank Schneider, Mitorganisator der Ausstellung und Direktor der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik am Uniklinikum der RWTH Aachen.

Von einer tiefen Betroffenheit beim Besuch der Ausstellung berichtet auch Michaela Pohlmann, Vorstandsmitglied der Lebenshilfe Aachen und Mutter einer Tochter mit Mehrfachbehinderung. „Die Vorstellung, dass meine Tochter damals umgebracht worden wäre, macht mich traurig und wütend zugleich. Natürlich ist das Alltagsleben mit ihr eine Herausforderung, aber man bekommt so viel zurück“, sagt sie. In Situationen, in denen ihre Tochter Teil einer Gruppe sein darf, blühe sie regelrecht auf.

Damit Menschen mit Behinderung an der Gesellschaft teilnehmen können, müssen sie mittendrin sein. Das ist auch der Gedanke von Integration und Inklusion. Mit inklusiven Wohngruppen, Kindergärten und Schulen sollen Berührungsängste überwunden und die Normalität eines gleichberechtigten Miteinanders geschaffen werden, denn: eigentlich ist es normal, verschieden zu sein.

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert