Tagesmütter: Ein kompliziertes System geht an den Start

Von: Stefan Herrmann
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Strittig ist bis heute, unter welchen Bedingungen die Kommunen den Kita-Pool überhaupt verlassen dürfen. Symbolfoto: Jan-Philipp Strobel/dpa

Aachen. Kinderleicht kommt dieses Thema wahrlich nicht daher. Dabei geht es vor allem um die Betreuung der Jüngsten durch Tagesmütter und -väter. Im Sommer 2016 hat das Aachener Verwaltungsgericht nach jahrelangem Kampf der Tagesmütter und -väter in einem Musterurteil die bisherige Bezahlpraxis der Stadt „als nicht leistungsgerecht“ bezeichnet.

Am 1. März tritt die umstrittene neue Richtlinie über die Förderung der Kindertagespflege in Kraft. Als die Politik Ende vergangenen Jahres die neue Regelung verabschiedete, zeigten sich viele Frauen und Männer, die in der Tagespflege arbeiten, enttäuscht. Sie befürchten, dass die Neuerungen keine Verbesserungen für die Tagespflege bringen – im Gegenteil. Die Stadt versucht nun, mit einer Informationskampagne, den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Was ändert sich konkret in der Kindertagespflege?

Das Gericht hat vornehmlich die bisherige Praxis der Stadt beanstandet, die Leistung von Tagesmüttern nach sogenannten „Stundenkorridoren“ zu bezahlen. Nun muss stundengenau abgerechnet werden, wie lange ein Kind betreut wird, erklärt Heinrich Brötz, Leiter des Fachbereichs Kinder, Jugend und Schule. Zudem betonte das Gericht, dass Kindertagespflegepersonen generell wie Selbstständige zu behandeln sind.

Das bedeutet: Tagesmütter besitzen zum Beispiel kein Anrecht auf bezahlte Urlaubs- und Krankheitszeiten. Die Stadt hat daraufhin die äußerst komplexe Fördersystematik komplett überarbeitet. Bisher zahlte sie für die öffentlich geförderte Tagespflege einen Betrag von durchschnittlich 4,20 Euro (inklusive Beiträgen zur Sozialversicherung und Sachaufwand) pro Kind und Stunde. Ab 1. März werden es 5,26 Euro sein. 1,3 Millionen Euro zusätzlich sind dafür im Haushalt zur Verfügung gestellt worden.

Werden Tagesmütter bezahlt, wenn ein Kind erkrankt?

„Nicht jede Fehlzeit hat unmittelbare Auswirkungen auf die Geldleistung“, sagt André Kaldenbach, Abteilungsleiter Finanzmanagement, Planung und Service im Fachbereich Kinder, Jugend und Schule. Kinder können jeweils bis zu zwei Wochen am Stück ohne Attest fehlen, ohne dass den Tagespflegepersonen dadurch ein finanzieller Nachteil entsteht. Anschließend muss ein Attest eingereicht werden, so dass eine Fehlzeit von bis zu acht Wochen pro Erkrankung ohne finanzielle Folgen für die Tagesmutter bleibt. Zudem werden bis zu vier Wochen pro Jahr nicht berücksichtigt, die das Kind fehlt, da es zum Beispiel mit den Eltern in den Urlaub fährt.

Was müssen Eltern und Kindertagespflegepersonen mit Blick auf die Umstellung am 1. März tun?

Die Stadt hat sie schriftlich dazu aufgefordert, die konkreten Betreuungszeiten möglichst bis Mitte Februar anzugeben. Anhand dieser Angaben wird stundengenau berechnet, wieviel Geld die Tagesmutter pro Kind erhält. Diese Angaben müssen dann Monat für Monat abgeglichen bzw. Fehlzeiten angegeben werden. Diese ständig aktualisierten Angaben wirken sich dann gegebenenfalls auf die Bezahlung der Tagesmütter aus. Kindertagespflegepersonen dürfen maximal fünf Kinder jeweils 45 Stunden pro Woche betreuen.

Ändert sich etwas am Elternbeitrag?

Bleibt die Betreuungszeit in etwa so wie bisher, ändert sich für die Eltern nichts. Generell bemisst sich der Elternbeitrag anhand des Brutto-Jahreseinkommens und der vereinbarten Betreuungszeit. Tagesmütter dürfen darüber hinaus keine Zuzahlung verlangen. „Das ist gesetzlich nicht zulässig“, betont Kaldenbach. Lediglich ein „angemessenes Essensgeld“ dürfe verlangt werden.

Wie lautet die Kritik zahlreicher Kindertagespflegepersonen an der neuen Richtlinie?

Sie befürchten eine größere (finanzielle) Unsicherheit, da nichtsdestotrotz Ausfallzeiten der Kinder und Betreuer stärker berücksichtigt werden als zuvor. Das kann am Ende weniger Geld in der Tasche bedeuten. Der Verwaltungsaufwand bei der neuen, stundengenauen Abrechnung wird höher eingestuft.

Darüber hinaus haben sich viele Tagesmütter darüber geärgert, dass die Verwaltung in einer (theoretischen) Maximalrechnung angegeben hat, dass Kindertagespflegepersonen bis zu 61.500 Euro jährlich verdienen könnten. Dies sei absolut unrealistisch, lautete der Vorwurf. Denn dafür müssten Tagesmütter ein ganzes Jahr lang ohne Urlaub oder Krankheitsausfall alle fünf Kinder jeweils 45 Stunden pro Woche betreuen. Heinrich Brötz sagt dazu: „Uns ist bewusst, dass niemand diesen Betrag erreicht.“ Es handele sich lediglich um einen Referenzwert, der vom Gericht gefordert gewesen sei.

Wie geht es weiter?

Erst einmal tritt die neue Richtlinie am 1. März in Kraft. „Wir haben dabei nie behauptet, dass wir mit der neuen Richtlinie den Stein der Weisen gefunden haben“, gibt Heinrich Brötz zu. Daher werde die Praxistauglichkeit des Systems nach einem Jahr ausgewertet und der Politik präsentiert. Danach soll gegebenenfalls nachgebessert werden. Heinrich Brötz legt dabei viel Wert darauf, dass man von Seiten der Stadt sehr froh sei, über eine qualitativ hochwertige Tagespflege in Aachen zu verfügen. „Ohne die Tagesmütter und -väter sähe unsere U3-Quote deutlich schlechter aus“, sagt er.

Wie ist die Kindertagespflege in Aachen aufgestellt?

Aktuell sind 146 Kindertagespflegepersonen in Aachen tätig, die 540 Kinder betreuen. Es gibt laut Verwaltung derzeit etwa 50 freie Plätze. Ziel ist es, insgesamt 700 Plätze in der Kindertagespflege in Aachen anbieten zu können. Die Stadt wird voraussichtlich ab Sommer 2017 zwei Großtagespflegestationen für jeweils bis zu neun Kinder einrichten.

Sie sollen in den Sozialräumen Burtscheid und Forst liegen und können dann von Eltern in Anspruch genommen werden, wenn ihre Tagesmutter zum Beispiel wegen Krankheit oder Urlaub ausfällt. In anderen Sozialräumen möchte die Verwaltung für solche Fälle sogenannte Freihalteplätze bei einzelnen Tagesmüttern einrichten, die dafür eine Grundpauschale erhalten. Nehmen sie ein Kind kurzfristig auf, weil eine andere Tagesmutter ausfällt, gibt es für die Betreuungszeit einen Aufschlag. „Wir sind nun darauf angewiesen, dass sich Kindertagespflegepersonen bei uns melden, die solche Freihalteplätze anbieten wollen“, so Brötz.

Wo erhalte ich weitere Informationen zum Thema?

Betroffene Eltern und Kindertagespflegepersonen sind von der Verwaltung bereits angeschrieben worden und haben detaillierte Informationen erhalten. In Kürze sollen im Internet unter www.aachen.de/kindertagespflege für alle Interessierten Fragen beantwortet werden. Wer eine Tagespflegeperson für sein Kind sucht, dem kann der Verein für Familiäre Tagesbetreuung helfen, der mit der Stadt kooperiert. Weitere Infos findet man unter www.familiaere-tagesbetreuung-aachen.de.

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