Sylvesterlauf: Dieser Lauf hat einen heimlichen Sieger

Von: Tim Habicht
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Er sitzt im Rollstuhl und wird der erste und bisher einzige Sven Nießen ist der erste und bisher einzige Rollstuhlfahrer, der am Aachener Sylvesterlauf teilgenommen hat. Foto: Kurt Bauer

Aachen. Sven Nießen bereitet sich auf den 4,8 Kilometer langen Volkslauf beim 35. Aachener Sylvesterlauf vor. Die Sportsachen hat er bereits angezogen, die Mütze ist bei eisigem Wind über die Ohren gezogen. Die Nervosität steigt von Minute zu Minute. Gemeinsam mit fünf weiteren Schulkollegen der Viktor-Frankl-Schule begibt sich der 18-Jährige auf die Rundstrecke. Doch Sven Nießen ist kein ganz normaler Läufer.

Er sitzt im Rollstuhl und wird der erste und bisher einzige Rollstuhlfahrer sein, der am Aachener Sylvesterlauf teilnimmt. Das ist gewiss keine leichte Aufgabe. Die Strecke ist hügelig und führt über weite Strecke über Kopfsteinpflaster. Doch Sven ist ein Kämpfer. „Das musste er schon immer sein“, weiß sein Vater Dietmar Nießen. Er beschreibt seinen Sohn als „Beißer“. „Sven ist einer großer Sportfan! Ich bin sehr stolz auf seinen Willen. Sein Schicksal ist nicht einfach. Aber ich bin sehr angetan davon, wie offensiv er damit umgeht“, sagt Dietmar Nießen über seinen Sohn.

Dass Sven voller Energie, Tatendrang und Freude am Sport steckt, beweist er täglich. Er nimmt an der Laufgruppe sowie der Basketballgruppe seiner Schule teil. Außerdem fährt er im Sommer oft auf einem behindertengerechten Fahrrad. „Das hat zwar einen Elektromotor, aber den verpönt er“, sagt sein Vater lachend.

Beim letztjährigen Köln Marathon nahm Sven bereits mit einer Staffel teil. Jetzt steht der Aachener Sylvesterlauf auf dem Programm. Insgesamt sechs Schülerinnen und Schüler der Viktor-Frankl-Schule, Förderschule mit dem Schwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung, nehmen am diesjährigen Lauf teil. „Mit jedem Schüler läuft ein Begleiter mit, aber jeder läuft ganz alleine für sich. Ich hoffe, dass alle Läufer gut ankommen. Für viele wird es nicht so leicht“, äußert sich Monika Sehring, eine Lehrerin der  Viktor-Frankl-Schule.

Sven Nießen ist für sie ein ganz normaler  Sportler, ob mit oder ohne Rollstuhl. „Er ist Teil der Lauf-AG und wird deswegen auch an diesem Lauf teilnehmen. Wir sollten keinen Unterschied zwischen Menschen mit und ohne Behinderung machen. Jeder ist Sportler und soll mit seinen Möglichkeiten Sport treiben. Sven geht hoffentlich als gutes Beispiel voran und zeigt vielen anderen Rollstuhlfahrern, was wirklich möglich ist“, hofft  Monika Sehring. Das sieht Sven selbst ganz ähnlich: „Die Laufgruppe in der Schule ist wirklich toll! Andere Rollstuhlfahrer sollen sich auch trauen Sport zu machen und hier am Sylvesterlauf teilnehmen. Die Strecke ist zwar richtig schwierig für mich, aber daran denke ich einfach gar nicht. Ich mach' mir keinen Zeitdruck.“

Ganz ohne Zeitdruck hat Sven Nießen allerdings eine sagenhafte Zeit erreicht. Nicht mal 35 Minuten hat der 18-Jährige für die drei Runden und 4,8 Kilometer gebraucht. Bei jeder Runde wurde seine Leistung von hunderten Zuschauern am Aachener Markt gefeiert. Unter tosendem Applaus werden die letzten Meter zurückgelegt – und dann ist es geschafft! Strahlend erreicht Sven das Ziel. „Es war ein tolles Gefühl von den ganzen Menschen hier angefeuert zu werden. Deswegen konnte ich in der letzten Runde nochmal alles geben“, sagt er selbst zu seiner Leistung.

Selbige wird nicht nur von den Zuschauern gewürdigt, sondern speziell auch von Peter Borsdorff. Der Mann mit der Sammelbüchse in Laufschuhform sammelt Spenden für Kinder in Notlagen und ist jedes Jahr mit dem Mikrofon mittendrin beim Aachener Sylvesterlauf. Zu Svens Leistung sagt er: „Das ist einfach großartig! Ich bin selber seit langer Zeit Läufer und weiß wie schwer diese Strecke ist. Großer Respekt dafür!“ Doch Sven wäre kein echter Sportler, wenn die nächsten Ziele nicht schon gesteckt wären. Im kommenden April will Sven Nießen mit einer Staffel am Bonn Marathon teilnehmen. Und danach natürlich am nächsten Silvestertag seine Zeit beim Aachener Sylvesterlauf verbessern. „Hoffentlich bin ich dann wieder so gut wie heute“, sagt der 18-Jährige bescheiden.

Ein schwerer Zwischenfall hat den 35. Aachener Sylvesterlauf überschattet. Auf der Großkölnstraße war ein Läufer kollabiert und musste reanimiert werden. Der Mann wurde in das Aachener Klinikum gebracht. Dem Vernehmen nach geht es dem Mann inzwischen deutlich besser und er befindet sich außer Lebensgefahr.

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