Stuhlgang auf Napoleons Spuren führt zur Kaiserplatz-Galerie

Von: Robert Esser
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Au Backe: In der Villa Heusch
Au Backe: In der Villa Heusch befindet sich das älteste Holzklo mit Wasserspülung. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Dieses stille Örtchen müsste eigentlich weltberühmt sein. Hinter hohen Mauern, im ersten Stockwerk des herrschaftlichen „Wylreschen Hofes” an der Jakobstraße 35 - bekannt als „Villa Heusch” - befindet sich nämlich Deutschlands älteste Holztoilette mit Wasserspülung.

Das hat der Wiener Adelsexperte Eduard von Habsburg-Lothringen herausgefunden. Womöglich erledigte hier schon Kaiser Napoleon seine weniger staatstragenden Geschäfte, als er 1804 in der Aachener Villa einen rauschenden Ball feierte - und nach den Aufzeichnungen des Geschichtsvereins mit der 17-jährigen Tochter des Hauses anbandelte.

Rund 200 Jahre später besitzt das Klo irgendwie immer noch eine spezielle kaiserliche Note. Hier könnte nämlich die erste Dringlichkeitssitzung des Erfinders der Kaiserplatz-Galerie, Professor Hans Kahlen, stattgefunden haben. Vielleicht wurde das Großprojekt hier in einigen ruhigen Minuten und buchstäblicher Abgeschiedenheit sogar ersonnen.

Das Büro des Projektentwicklers liegt Wand an Wand zum historischen Klosett. Dieses ist allerdings in weitaus besserem Zustand als die Brache am Kaiserplatz. Und es funktioniert. Wer sich in dem kaum sechs Quadratmeter großen Räumchen auf den polierten Holzplanken niederlässt, blickt zudem auf blühende Landschaften.

Wandmalereien zeigen einen Fluss, der sich hochromantisch durch hügeliges Panorama windet. Unmittelbar hinter der Toilette ist eine fiktive Bibliothek auf ein Glasregal gemalt. Die Bücher tragen Titel wie „Buch zum Notieren des merkwürdigen Stuhlgangs”. „Es wurde zuweilen ein ganz eigener Humor gepflegt”, merkt Eduard von Habsburg-Lothringen an.

Folgt man den Recherchen des früheren Oberbürgermeisters Hermann Heusch, der lange in dem barocken Familiensitz wohnte, ist der Patrizierhof „aus der Asche der Feuersbrunst von 1656 erstanden”. Die Frage ist nun, wann das Wasserklosett eingebaut wurde. Genau beantworten kann das heute niemand.

Den Wasseranschluss ermöglichte jedenfalls der nahe Paubach. Der Wiener Adelsexperte geht davon aus, dass die Aachener Toilette älter als alle anderen ist. Unstrittig ist, dass 1860 für das Schloss Ehrenburg in Coburg eine Toilette mit Wasserspülung für Queen Victoria importiert wurde. Die Briten halten sich sowieso für die Erfinder des „water closet” - deswegen WC. Angeblich war es Sir John Harington, der 1596 die erste Latrine mit Wasserspülung baute.

Die Franzosen entwickelten das WC weiter. Vom französischen „toile” (Tuch), mit dem man sich „notdürftig” abschirmte, leitete man das Wort Toi-lette ab. Eine solche soll 1820 im Schloss Bad Homburg installiert worden sein - ist aber längst nicht mehr existent.

Im Gegensatz zum Öcher Modell: An der Holztür zum ältesten Wasserklo Deutschlands in der Villa Heusch, die übrigens bis heute im Familienbesitz ist, steht weder „WC” noch „Toilette”.

Das Zimmer wird als Kopierraum genutzt. Was ebenfalls passt.Denn wahrscheinlich sind all die WCs und Toiletten Kopien. Kein Witz. Kaiser Karl soll nach neuen bauhistorischen Erkenntnissen schon vor 1200 Jahren im Untergeschoss des Granusturms auf einem Wasserklo gesessen haben. Der stille Rekord bleibt also im Örtchen. Und Aachen ist ja schon weltberühmt.
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