Aachen - Studium mit Kind: Eltern sind die besten Experten

Studium mit Kind: Eltern sind die besten Experten

Von: Thorsten Karbach
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Es ist höchste Zeit, einmal über junge Familien wie die Moshiransaris zu sprechen. Über die 34-jährige Julia, den 32-jährigen Pedram und ihren vierjährigen Sohn Kian. Und vor allem darüber, wie die beiden Studenten den Alltag zeitlich geregelt bekommen. „Wenn wir überlegen, wie viel wir da organisieren müssen, wundern wir uns manchmal selber“, sagt Julia Moshiransari.

Ihren eigenen Alltag bekamen sie schwarz auf weiß vor Augen geführt, als sie Teilnehmer des Pilotprojekts „Kommunale Zeitpolitik“ wurden. Aachen ist einer von nur fünf Standorten, die an dem vom Bundesfamilienministerium geförderten Projekt teilnimmt – neben Herzogenrath, Neu Wulmstorf, dem Landkreis Donau-Ries und dem Saalekreis. 250 Aachener Familien wurden dabei eingebunden – in erster Linie Studenten, Pendler und Eltern im Schichtbetrieb –, in dem sie einen Online-Fragebogen ausfüllten. 20 führten wie die Moshiransaris ein dreiwöchiges Zeittagebuch, 18 nehmen zudem an Gesprächsrunden, den sogenannten Fokusgruppen-Interviews, teil – auch hier sind Kians Eltern dabei.

In den drei Wochen Zeittagebuch wurde ihnen erstmals so richtig klar, welche tägliche Herausforderung es doch ist, Studium und Familie unter den viel zitierten einen Hut zu bringen. Buchstäblich minutiös haben sie alle Aktivitäten und Termine eingetragen. Etwa für so einen ganz normalen Dienstag: Kurz vor 8 muss Pedram Moshiransari aus dem Haus, er studiert an der Fachhochschule Karosserietechnik. Um halb 9 bringt seine Frau den kleinen Kian in die benachbarte Kindertagesstätte. Morgens ist das schon eine Herausforderung, alle pünktlich auf den Weg zu bringen. „Da muss man seinen Rhythmus finden“, sagt die junge Mutter.

Es ist das große Glück der Familie, dass die Kita „Pusteblume“ des Studentenwerks nur wenige Meter von ihrer Wohnung im Studentendorf am Mattschö-Moll-Weg entfernt liegt. Der Weg von der Kita führt die Mutter weiter zur Bushaltestelle Richtung Melaten. Sie studiert Psychologie an der Fern-Uni, Lernräume findet sie im Klinikum. Der Bus fährt allerdings nur stündlich. Verpasst sie ihn, läuft ihr die Zeit davon, schließlich will sie Kian um 15 Uhr wieder abholen. Während ihr Mann nach seinen Vorlesungen noch arbeitet, kümmert sie sich um Einkaufen und Behördengänge, dienstags ist zudem Kinderturnen. Abends müssen beide noch den Haushalt führen und meistens – auf dem Weg zum Studienabschluss – noch lernen. Nach drei Wochen erkannten sie: „Das ist schon eine ganze Menge, aber es muss ja gehen.“ Auch, wenn in diesen Tagen auch noch Klausuren hinzukommen...

Wenn heute in Berlin Kanzlerin Angela Merkel und Familienministerin Kristina Schröder zum Familiengipfel laden, dann wird diese Vereinbarkeit von Familie und Beruf beziehungsweise Studium ganz oben auf der Tagesordnung stehen. Und als einziger Oberbürgermeister wird Aachens Marcel Philipp über die Bedeutung und Chancen kommunaler Familienzeitpolitik sprechen – und in einer Expertenrunde das Aachener Pilotprojekt vorstellen. „Dass ich eingeladen wurde, zeigt mir, dass wir in Aachen bei diesem Thema auf einem guten Weg sind“, sagt er.

Die große Not

Dieses Gefühl teilt Julia Moshiransari. „Ich habe den Eindruck, dass uns ernsthaft zugehört wird. Wir Studenten haben doch alle ähnliche Probleme“, sagt sie. Bessere Experten für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder Studium als die Betroffenen gebe es nun mal nicht. Und so haben die Moshiransaris und anderen im Fokusgruppen-Interview markante Hürden des Alltags angesprochen: Die Öffnungszeiten von Behörden etwa. Die finanzielle Belastung, wenn kein Bafög mehr gezahlt wird. „Warum gibt es für junge Eltern dann keine vernünftigen Studienkredite?“, fragt sie. Und dann spricht sie ein großes Problem der meisten Eltern an: Die Not, wenn das Kind wiederholt krank ist, der Arbeitgeber aber nicht immer kurzfristig freigeben kann oder an der Hochschule wichtige Prüfungen anstehen. Die Moshiransaris können sich auf die Oma verlassen, aber andere Familien sind nicht in dieser Lage. „In der Fokusgruppe wurde deswegen ein Notfallprogramm angestoßen – mit Leih-Omas oder Notfallbabysittern, die den Kinder natürlich vertraut sein müssen“, erklärt Julia Moshiransari. „Die Notfallbetreuung ist ein ganz großes Problem.“ Und Kitas könnten schließlich nicht von 6.30 bis 20.30 Uhr öffnen.

Überhaupt wissen sie und ihr Mann, welch großes Glück es war, überhaupt einen Kitaplatz bekommen zu haben, als Kian acht Monate alt war. Der Ausbau der Betreuungsplätze geht voran, das Studentenwerk zählt mittlerweile fünf Einrichtungen mit 150 Plätzen. Doch Wartelisten sind Alltag. „Es gibt nun einmal immer mehr Studenten mit Kindern, dafür sollten wir nicht bestraft werden“, sagt sie. Und die Experten nehmen dies auf. „Es wird weitere vertiefende Gespräche geben“, erklärt Björn Gürtler vom städtischen Presseamt.

In Berlin wird OB Philipp erklären, dass Aachen die Wegzeiten für Pendler optimieren und Zeitkonflikte von studierenden Eltern verringern will. „Die gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf wird im wirtschaftlichen Wettbewerb um geeignete Fachkräfte ein wichtigerer Standortfaktor. Als Stadt können wir bei uns selbst die Rahmenbedingungen anpassen, aber auch bei anderen Akteuren – etwa aus der Wirtschaft oder den Hochschulen – Veränderungen anstoßen und begleiten“, sagt Philipp. Familien wie die Julia, Pedram und Kian Moshiransari werden dies gerne hören.

Leserkommentare

Leserkommentare (8)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert