Studie: Aachener Forscher untersuchen aggressives Verhalten bei Jungen

Von: Patrick Nowicki
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Gereizt und schlecht drauf: Ein Aachener Forscherteam untersucht nun die Ursachen für aggressives Verhalten bei Jungen im Alter zwischen sieben und elf Jahren. Foto: Stock/CHROMORANGE, Patrick Nowicki (2)
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Spielerischer Test: Carmen Fehrmann erläutert Arthur das Programm am Laptop, bei dem eine schnelle Reaktion gefragt ist. Gemessen wird aber auch das Verhalten des Jungen.

Aachen. Arthur ist gefordert. Der sechsjährige Junge blickt gebannt auf den Bildschirm. Wenn dort wieder der Kreis erscheint, muss er schließlich schnell auf den Knopf drücken. Zumindest schneller als sein Gegner an einem anderen Rechner. Jeder Sieg gibt ihm die Möglichkeit, dem Kontrahenten Punkte abzuziehen. Bei einer Niederlage muss sich Arthur manchmal sogar beschimpfen lassen.

„Lahme Schnecke“ steht dann dort. Das ärgert ihn ein bisschen, manchmal antwortet er auch. Arthur nimmt an einer Studie im Universitätsklinikum Aachen unter Leitung von Professor Dr. Kerstin Konrad und Privat-Dozent Dr. Timo Vloet teil. Das Forscherteam will herausfinden, wie Erbanlagen, Erfahrungen und gereiztes Verhalten zusammenhängen.

Auch wenn es vielleicht viele überrascht: Eine große Zahl grundlegender Forschungen gibt es in diesem Bereich noch nicht. Das hat viele Gründe. Die Erbforschung hat sich erst in jüngster Vergangenheit entscheidend weiterentwickelt, zuvor fehlten schlichtweg die technischen Geräte und genetischen Erkenntnisse.

Zudem schaute man bisher vor allem auf Kinder und Jugendliche mit Verhaltensauffälligkeiten. Genau dies will die Aachener Forschergruppe nicht. „Es geht uns um das allgemeine Zusammenspiel von biologischen und Umweltfaktoren , wie zum Beispiel verschiedene Temperamente durch unterschiedliche Erziehungsstile beeinflusst werden“, sagt Dr. Nicola Großheinrich, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Projektes.

Das bedeutet, dass die Eltern während des Forschungsprojekts mit im Boot sitzen und bei Bedarf Hinweise für ihren Erziehungsalltag mitnehmen können. Dafür müssen sie auch einen Fragebogen beantworten.

Warum reagiert das Kind jüngst gereizt? Warum ist es häufiger traurig? Genau diesen Fragen will man in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie auf den Grund gehen.

Der genetische Aspekt ist leicht zu ergründen. Den Jungen wird eine Speichelprobe entnommen. Im Labor wird auch der sogenannten MAO-A-Genotyp analysiert. Forscher fanden heraus, dass er im Zusammenhang mit aggressivem Verhalten steht. Die Abkürzung MAO steht für Moaminooxidase, ein Enzym, dass den Stoffwechsel im Körper beeinflusst.

Die „Reizbarkeit“ eines Kindes lässt sich weniger leicht im Labor feststellen. Die Aachener Wissenschaftler bedienen sich eines Spiels. Für den Jungen geht es um Reaktionsgeschwindigkeit, die Forscher beobachten allerdings sein Verhalten. Um eine messbare Größe zu erhalten, entwickelten sie die Idee, dass Jungen den Gegner bestrafen können. Mit Punktabzug.

Diese Zahl und vor allem deren Veränderung geben Aufschluss über die Reizbarkeit. Zusätzliche Provokationen setzen Beschimpfungen des Gegners auf dem Computer, wie: „Da ist ja meine Oma schneller!“ Zurückschimpfen ist erlaubt. Und die nächste Gelegenheit, den Gegner zu bestrafen, kommt bestimmt...

Der Magnetresonanztomograph (MRT) gibt Wissenschaftlern die Möglichkeit, Reaktionen im Gehirn zu erfassen. Diese Technik ist nach heutigem Stand für den menschlichen Körper völlig ungefährlich, weil sie keine radioaktive Strahlung verwendet, sondern nur Ströme in einem magnetischen Feld misst. Für Kinder und Jugendliche ist der Apparat, den viele auch wegen seiner Enge „Röhre“ nennen, gewöhnungsbedürftig.

Dr. Nicola Großheinrich möchte Ängste nehmen, indem sie die jungen Teilnehmer der Studie an die Technik gewöhnt. Bevor es in den eigentlichen Tomographen geht, wird an einem Dummy geübt. Da jede Bewegung das Ergebnis des Apparates verschlechtern würde, müssen die Kinder möglichst still liegenbleiben. Auch dies wird trainiert. Eine Erfahrung hat sie schon gemacht: „Die Kinder gehen wesentlich unvoreingenommener mit dem Apparat um, als wir uns das als Erwachsene vorstellen.“

Im Tomographen verbringen die Jungen einige Minuten. Wieder werden die Forscher Reizpunkte setzen. Diesmal werden Bilder mit unterschiedlichen Gesichtern gezeigt. Manche blicken böse und verärgert, andere lachen und strahlen. Der MRT hält die Veränderungen der Gehirnströme während der Bilderpräsentation fest.

Auch dies gibt konkrete Aufschlüsse, denn das menschliche Gehirn ist gut erforscht. Die Wissenschaftler wissen, welche Bereiche welche Funktionen übernehmen. Auch Emotionen werden dort abgebildet, andere Areale des Gehirns sind hingegen für das Sehen oder die Sprachverarbeitung zuständig.

Die Ergebnisse aus Spiel und MRT fließen in die Auswertung der Gesamtstudie mit ein. Die Speichelprobe gibt Auskunft über bestimmte Gene. Jetzt kommen noch die Eltern ins Spiel. Ihr Fragebogen richtet sich nach ähnlichen Untersuchungen in den USA und erfasst verschiedene Umweltbedingungen wie unterschiedliche Erziehungswege. „Es ist schwierig, alle Einflüsse der Umwelt in unserer Untersuchung zu berücksichtigen“, schränkt Dr. Nicola Großheinrich ein. Daher sei es besonders wichtig, dass die Eltern die Fragen zu ihren Kindern offen und ehrlich beantworten.

Ist auch der Fragebogen ausgefüllt, so ergeben alle Untersuchungen ein umfangreiches Gesamtbild. Und es lassen sich eventuell mögliche Ursachen finden. Aber dies ist nur eine Momentaufnahme. „Manche Kinder entwickeln in höherem Alter Probleme, ihre Gefühle zu kontrollieren“, sagt Großheinrich. Ihr Wunsch und der ihres Forscherteams ist es darum, Kinder über einen langen Zeitraum zu begleiten. Eines stellt sie klar: „Uns geht es nicht darum, Erziehungsstile zu bewerten, sondern mögliche Mechanismen und Zusammenhänge aufzuzeigen.“

Ergebnis wird anonymisiert

Arthur beschäftigt sich damit natürlich nicht. Er genießt es, in dem MRT-Dummy zu liegen und den Gegner am Bildschirm beim Reaktionsspiel zu schlagen. Für ihn ist alles neu, alles interessant und spannend. Und er weiß: Am Ende winkt eine Belohnung. Er nimmt ein Spielzeugauto mit nach Hause. Von den Ergebnissen der genetischen Untersuchung erfahren die Eltern nichts. Diese Daten sind nur für die anonyme Gruppenauswertung mit sehr vielen Kindern interessant. Die Forscher versichern, alles nach den gesetzlichen Datenschutzbestimmungen zu behandeln.

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