„Street View“ von gestern, und doch ganz aktuell

Von: Stefan Herrmann
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Herausforderung Super C: In den kommenden Monaten werden Sven Bollmann (links) und Thomas Greve nicht nur große städtebauliche Veränderungen wie das RWTH-Gebäude zeichnen. Jeden neuen Baum kartographieren sie für die ungewöhnlichen Stadtansichten. Foto: S. Herrmann
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Lange vor Google: Bereits seit 1958 macht der Verlag mit einer Cessna 170 B Fotos aus der Luft, ein umgebauter Käfer war damals als Kamerawagen unterwegs. In Aachen kommt das Flugzeug 2014 erneut zum Einsatz. Der Käfer existiert allerdings nicht mehr. Foto: Bollmann-Bildkarten-Verlag

Aachen. Sven Bollmann ist ein Geschichtenerzähler. Seine Arme wirbeln durch die Luft und die Augen sprühen vor Begeisterung, während er redet. Es sind Geschichten, die ebenso in den Straßenschluchten von Manhattan spielen wie entlang der Grachten von Amsterdam.

Bollmann berichtet von eher beschaulichen Flügen über das 50.000-Einwohner-Städchen Peine in der norddeutschen Tiefebene, bevor er den Zuhörer im nächsten Satz mit einem Krimi rund um Ex-Kanzler Gerhard Schröder überrascht. Am liebsten aber lässt Sven Bollmann „seine“ Karten sprechen. Diese zeigen Städte aus einer ungewöhnlichen Perspektive. „Wir zeichnen die Stadt von oben so, wie man sie von unten sieht“, erklärt der 40-Jährige das schlichte wie effektive Prinzip. Das kommt an bei den Menschen – und zwar seit Jahrzehnten. In wenigen Tagen kommen Bollmann und seine Mitarbeiter nach Aachen, um die alte Kaiserstadt in neuem Kartenglanz erstrahlen zu lassen. Die Geschichte erhält ein neues Kapitel.

1966 waren der Bollmann-Verlag das erste Mal vor Ort, 2003 entstand das letzte Zeugnis Aachens in der unverkennbaren Art. Lange Zeit bevor Google mit seinen Street-View-Kamerawagen und digitalen Stadtkarten für Proteste bei Datenschützern und Politikern sorgte, hatte Sven Bollmanns Großvater bereits die Idee, Pläne in der Form herzustellen, dass sie den unverwechselbaren Charakter einer jeden Stadt einfangen. Als Herbert Bollmann 1948 aus russischer Kriegsgefangenschaft nach Braunschweig zurückkehrte, war er erschüttert von seiner völlig in Trümmern liegenden Heimatstadt. Um das für die Nachwelt festzuhalten, entschloss er sich, dies zeichnerisch zu tun. Die erste Bollmann-Bildkarte war geboren.

Zaubertrick am Kaiserplatz

Das Wirtschaftswunder in den 50er Jahren verlieh auch dermBraunschweiger Verlag Flügel. Mit einer eigens erworbenen Cessna 170 B (Baujahr 1954) schossen Bollmann und seine Kollegen ab 1958 Luftaufnahmen von den Städten. Das 60 Jahre alte Flugzeug kommt anno 2014 in Aachen immer noch zum Einsatz. 4000 bis 6000 Fotos macht Sven Bollmann so von der Stadt, wenn er in 750 Metern Höhe über Aachen kreist. Kein Detail entgeht ihm. Weder aus der Luft, noch in der mosaikartigen Arbeit am Boden. Das, was später in einem Maßstab von 1:3500 dreidimensional abgebildet wird, zeigt im Kartenformat einen etwa 1,5 mal 1,8 Kilometer großen Ausschnitt der City.

Doch wie funktioniert das eigentlich genau mit den Bildkarten? Sven Bollmann, der das Familienunternehmen gemeinsam mit seinem Bruder Jan in dritter Generation führt, erklärt dies so: Von Aachen hat der kleine Verlag bereits umfangreiches Material der vorherigen sechs Auflagen in seinen Archiven lagern. In wenigen Tagen beginnt die aufwendige Recherche- und Zeichenarbeit vor Ort, um ein Bild von Aachen 2014 zu entwerfen. Haus für Haus, Baum für Baum und Garage für Garage gehen die Mitarbeiter, das Zeichenbrett unter den Arm geklemmt, jeden Straßenzug ab. Änderungen werden direkt auf Lichtpausen der alten Pläne eingezeichnet. Dazu machen Bollmann und seine Kollegen Fotos von sanierten Fassaden, ausgebauten Dachgauben und völlig neu errichtete Gebäuden. So entsteht Stück für Stück das Bild der Stadt, welches später am Firmensitz in Braunschweig zusammengefügt wird.

„Das wird eine ganz schöne Herausforderung“, sagt Thomas Greve, als er seinen Blick an der imposanten Glasfront des Super C entlanggleiten lässt. Greve ist dienstältester Mitarbeiter des Verlags, seit 1983 dabei. Bei seinem letzten Besuch in Aachen thronte das Super C noch nicht neben dem Hauptgebäude der RWTH. „Ich freue mich schon darauf, es in unsere Bildkarte einzufügen“, meint Greve. Nur auf den typischen Öcher Nieselregen, der ihn an diesem Tag begrüßt, könne er verzichten, sagt er.

Sein Chef Sven Bollmann hat für Aachen derweil einen ganz besonderen Zaubertrick im Sinn: Er möchte Aachens größte Baugrube verschwinden lassen. Denn am Kaiserplatz, wo derzeit unzählige Lkw eine Ladung Erdreich nach der anderen abtransportieren, plant Bollmann einen „Neubau“ in Rekordzeit – wenn auch nur auf dem Zeichenbrett. Denn der 290 Millionen Euro teure Konsumtempel „Aquis Plaza“ soll im aktualisierten Aachen-Plan, der Ende des Jahres auf den Markt kommt, bereits in shoppingfertigem Glanz erstrahlen. „Wir stellen in der Regel keine Baustellen dar. Wenn bereits klar ist, dass dort ein Gebäude entsteht, nehmen wir es entsprechend der Pläne, die wir bekommen können, in unsere Karte auf“, erklärt der studierte Elektroingenieur Bollmann.

Um den besonderen, dreidimensional anmutenden Effekt zu erreichen, arbeiten sie mit einem Trick. „Wir überhöhen die Häuser etwa um den Faktor 1,5, so dass man mehr von der Fassade sieht“, erklärt Bollmann. Würde man dies nicht tun, bestünde die Karte hauptsächlich aus Dach-Ansichten. Doch Betrachter freut es vor allem, in den Bildkarten auf Erkundungstour zu gehen. Selbst kleinste Anbauten in Hinterhöfen berücksichtigen die Zeichner. Dafür sind sie auch schon mal auf Hilfe der Bewohner vor Ort angewiesen. „Die allermeisten Menschen sind sehr hilfsbereit, wenn wir Sinn und Zweck unserer Arbeit erklären“, sagt Bollmann.

Krimi mit Kanzler Schröder

Rund hundert Städte gibt es inzwischen als Bildkarte – von A wie Aachen bis W wie Witten. Auch Düren wurde gezeichnet. International waren die ungewöhnlichen Kartographen unter anderem in Amsterdam, New York, Jerusalem und Zürich im Einsatz. „Wir zeigen die Städte von ihrer schönsten Seite“, sagt Bollmann. Deswegen wird Aachen übrigens auch nicht eingenordet präsentiert. „Sonst hätte der Dom bei unserer Darstellungsweise das Rathaus verdeckt“, erklärt er. Daher ist im Falle der Kaiserstadt-Karte Süden dort, wo sonst Norden ist – und umgekehrt.

Und was war nun mit dem Krimi rund um Kanzler Schröder? Sven Bollmann lacht, fühlt sich pudelwohl in seiner Haut. Kein Wunder: Er kann eine Geschichte erzählen. Den Fotoapparat im Anschlag, war ein Mitarbeiter 1999 in Hannover unterwegs. Klick, klick, klick. Alle neuen Häuser lichtete er in einer Straße ab – darunter auch das des damaligen Kanzlers. Das alarmierte Schröders Sicherheitsleute. Sie stellten den „Spion“ zur Rede. Doch die Erklärungsversuche des Bollmann-Mitarbeiters reichten nicht. Am Ende schlug der Vorfall Wellen bis hinauf zum Bundeskriminalamt. Des Kanzlers höchster Personenschützer rief extra aus New York, wo Schröder derzeit eine Rede vor den Vereinten Nationen hielt, beim kleinen Braunschweiger Verlag an. „Was die Foto-Aktion denn solle?“, fragte er. Der erneute Erklärungsversuch fruchtete schließlich. Eine Bollmann-Karte von New York und Schröders Heimatstadt Hannover gab‘s obendrauf. Wenige Wochen später flatterte ein persönliches Dankesschreiben des SPD-Kanzlers in den Briefkasten der Braunschweiger Firma. „Das war vielleicht eine Geschichte!“, lacht Bollmann heute drüber. Seine Arme wirbeln dabei durch die Luft. Der Erzählstoff scheint ihm nie auszugehen. Mit jeder Karte kommt ein neuen Kapitel hinzu. Das wird in Aachen nicht anders sein, da ist sich Bollmann sicher.

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