Aachen - Straffälligenhilfe sucht weitere Ehrenamtler

Straffälligenhilfe sucht weitere Ehrenamtler

Von: Sandra Beyß
Letzte Aktualisierung:

Aachen. Die Vorstellung, mit einem Inhaftierten in persönlichen Kontakt zu treten, wirkt wohl auf viele Bürger zunächst abschreckend. Zu groß sind meist die Bedenken hinsichtlich eigener Sicherheit und Moral. Vorurteile und individuelle Wertvorstellungen tun ihr Übriges.

Demgegenüber steht jedoch der hohe Bedarf an genau solchen „ganz normalen“ Bürgern, die bereit sind, sich freiwillig in der Präventionsarbeit zur Vermeidung weiterer Straftaten zu engagieren. Ein Bedarf, den seit vielen Jahren auch die Landesregierung sieht und daher Hilfseinrichtungen in diesem Bereich finanziell fördert.

Einer der Empfänger solcher Förderungen ist die Straffälligenhilfe Aachen (SHA), deren Initiativen zur Ausbildung ehrenamtlicher Mitarbeiter seit nunmehr 20 Jahren durch das Justizministerium Nordrhein-Westfalen getragen werden. „Es ist eine schwierige und vielschichtige, aber auch schöne und gewinnbringende Arbeit“ beschreibt Martin Czarnojan in aller Ehrlichkeit die täglichen Herausforderungen, die ihn mit seinem Team verbinden. Während sich das von der SHA verfolgte Ziel des sichereren Miteinanders mit dem eines Großteils der Bevölkerung decken dürfte, sind jedoch die Ansätze zur Problemlösung oft sehr verschieden.

Denn gerade jetzt, nach den Kölner Vorfällen der Silvesternacht und vermehrten kriminellen Übergriffen in den Aachener „Angsträumen“ wie Bushof und Ostviertel, werde der Ruf nach härteren Strafen und schnellerem Wegsperren laut, wie Czarnojan weiß. Eine verständliche, aber aus seiner Sicht kontraproduktive Forderung: „Es geht nicht darum, etwas verharmlosen zu wollen. Aber das Gefängnis hat aus Straftätern eigentlich noch nie bessere Menschen gemacht“. Es sei zwar richtig, dass sich eine Zunahme an Straftaten insgesamt in den letzten Jahren beobachten ließe.

Hier spiele aber auch die Klein- und Internetkriminalität eine große Rolle, während andere Straftaten leicht rückläufig seien, so Czarnojan. Sperrte man nun also auch all diejenigen hinter Gitter, die vergleichsweise kleinerer Delikte schuldig seien, läge hier die latente Gefahr des negativen Umgangs mit Schwerkriminellen in den Vollzugsanstalten. Tatsächlich anzustreben sei daher vielmehr die Haftvermeidung und Haftverkürzung.

So hält Catrin Brust, Ehrenamtskoordinatorin bei der SHA, Jahr für Jahr Ausschau nach neuen Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtlern, die nach intensiver Schulung eine der vielfältigen Aufgabenbereiche übernehmen können. Hier bieten sich zum Beispiel Tätigkeiten in der Gruppen- und Einzelbetreuung von Häftlingen, Alphabetisierungs- und Sprachunterricht, Entlassungsvorbereitung, Suchtberatung oder ferner auch die Öffentlichkeitsarbeit an. „Niemand arbeitet bei uns unvorbereitet“, erklärt Brust.

Die Schulung, die völlig kostenlos und unverbindlich stattfindet, ist für alle Bürger offen und umfasst acht Einheiten. Schwerpunkte sind Informationen über die verschiedenen Einsatzgebiete, ein Dokumentarfilm über das Leben in Haft, das Thema Nähe, Distanz und Haftalltag, Rechte und Pflichten der Ehrenamtler, Umgang mit besonders schweren Straftaten sowie die Formen der Begleitung durch die SHA. Obligatorisch stehen am Ende der Schulung die Sicherheitsüberprüfung und der gemeinsame Besuch in der Haftanstalt. Gerade diese erste Besichtigung sei eine entscheidende Erfahrung für neue Ehrenamtler, die oft Faktoren wie Geräuschkulisse und Atmosphäre besonders wahrnähmen. Wünsche und Sorgen fänden jederzeit, auch nach der Schulungsphase, in Gesprächen Anklang, versichert Brust.

Eine Ehrenamtlerin, die den Umgang mit Straftätern bereits gut kennt, ist die 60-jährige Jutta Bicker. Sie arbeitet seit dem Jahr 2012 ehrenamtlich im Einzelkontaktbereich und weiß, wie wichtig gerade der für viele Insassen ist. Da der Ehrenamtler für viele von ihnen der einzige Kontakt nach „draußen“ sei, und es auch sonst oft an Personen fehle, die einfach mal zuhörten und verstünden, entwickele sich hier leicht eine besonders vertrauensvolle und wichtige Beziehung, erzählt sie. Mit Informationen über sich selbst sei sie im Umgang mit Häftlingen aber sehr sparsam: „Ich gebe kaum persönliche Dinge über mich preis. Auch sollte man darauf Acht geben, nichts mit nach Hause zu nehmen“, rät Bicker.

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