Stößt der U3-Ausbau an seine Grenzen, Herr Brötz?

Von: Stefan Herrmann
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Jeden Tag läuft Heinrich Brötz im Verwaltungsgebäude an der Mozartstraße an den in großen Lettern an die Wand geschriebenen UN-Kinderrechten vorbei: „Wenn man den Begriff Inklusion weit denkt und nicht beschränkt auf Menschen mit Behinderung, ist das ein Menschheitsthema, bei dem sich die Stadt gut aufstellen muss.“ Foto: Michael Jaspers

Aachen. „Prädikat familienfreundlich“ steht auf einem großen Plakat, das an der Wand direkt neben Heinrich Brötz‘ Schreibtisch hängt. Es ist gewissermaßen das tägliche Arbeitsmotto für ihn. Seit Ende vergangenen Jahres leitet der 50-Jährige den Fachbereich Kinder, Jugend und Schule – mit 1200 Mitarbeitern der größte Fachbereich der Stadtverwaltung.

Über Langeweile kann er sich seit seinem Amtseintritt beileibe nicht beschweren. Der Ausbau der U3-Betreuung an den Kitas sowie der Ausbau des Offenen Ganztags an den Grundschulen gehören zu den Mammutaufgaben der Stadt, ebenso die schulische Inklusion. Und trotz aller positiver Entwicklungen gibt es immer wieder auch Kritik an der Umsetzung: Die Gebäude seien für die ausgeweiteten Betreuungsangebote oftmals nicht ausgerichtet, es fehle unter anderem an Platz und ausreichendem Personal. Aktuell herrscht Ausnahmezustand, da die Erzieherinnen und Erzieher zum zweiten Mal innerhalb einer Woche gestreikt haben und ein Großteil der städtischen Kitas geschlossen blieb. Grund genug, Heinrich Brötz im AZ-Wochenendinterview zu Wort kommen zu lassen.

Die ersten 100 Tage als Leiter des größten Fachbereichs der Verwaltung liegen seit kurzem hinter Ihnen. Wie fällt ihre Bilanz der ersten Monate aus?

Brötz: Es ist ein sehr vielfältiger Bereich, da alle biografischen Stationen eines Kindes bzw. Jugendlichen von der Geburt bis zum Erwachsenwerden in diesem Fachbereich abgebildet sind. Die Komplexität, die sich im Leben eines Kindes widerspiegelt, findet sich auch in diesem Fachbereich wieder. Es ist unglaublich, was man hier alles vorfindet. Für mich verbirgt sich hier hinter jeder Tür ein Mikrokosmos, sei es nun im Kita-Bereich, bei der Tagespflege, bei den Unterhaltsvorschüssen, bei den Schülerfahrtkosten. Hier gibt es, natürlich neben den großen Themen, so viele kleine Bereiche, die Aufmerksamkeit erfordern.

Was sind denn die großen Themen, die Hauptherausforderungen für Sie, seitdem sie Ihr Amt angetreten haben?

Brötz: Ich möchte keine Prioritätenliste aufstellen. Aber sicherlich ist die Inklusion ein großes Thema. Wenn man den Begriff Inklusion weit denkt und nicht beschränkt auf Menschen mit Behinderung, ist das ein Menschheitsthema, wo sich die Stadt gut aufstellen muss. Wie schafft es die Stadt, dass Vielfalt gelebt wird, dass die Potenziale erkannt, genutzt und gestaltet werden? Wie können wir Teilhabe fördern und organisieren? Das sind sehr große Aufgaben für uns alle.

Wie zeigt sich das konkret in Ihrem Fachbereich?

Brötz: Wir fragen uns: Wie müssen wir Kitas und Schulen umgestalten? Wie müssen wir das Personal fortbilden? Wie müssen wir uns zu solchen Querschnittsthemen intern aufstellen? Und das sind nur einige Beispiele. Es handelt sich hierbei um ein Thema, das die Stadt noch über Jahrzehnte beschäftigen wird.

Dabei ist es um die im Vorfeld hitzig diskutierte schulische Inklusion, also der Rechtsanspruch behinderter Schüler auf einen Platz an einer Regelschule, in den vergangenen Monaten still geworden. Oder täuscht der Eindruck?

Brötz: Das ist doch ein positives Zeichen! Ja, es gab im Vorfeld viel Unruhe und Nervosität. Aber wir haben in Aachen bei dem Thema im Sommer 2014 – seitdem gilt der Rechtsanspruch – ja nicht bei Null angefangen. Es gab an Grundschulen bereits davor das gemeinsame Lernen, es gab bereits integrative Kitas, wir besitzen in dieser Stadt viel Expertise zu diesem Gebiet, auf die wir nun aufbauen können. Wir konnten Grundstrukturen an Förderschulen erhalten. Grundsätzlich gilt: Schulische Inklusion bedeutet keinen abrupten Wechsel von einem aufs nächste Jahr. All das, so ist es mein Eindruck, sorgt für eine gewisse Ruhe.

Alles andere als Ruhe herrscht derzeit an den Kitas. Zu Wochenbeginn und am Freitag fanden Warnstreiks der Mitarbeiter statt. 49 von 57 städtischen Kitas waren am Montag komplett geschlossen. Weitere Streikrunden sind nicht ausgeschlossen. Wie können Sie als Stadt die Belastungen für die betroffenen Eltern minimieren?

Brötz: Es war am Montag ein außergewöhnlicher Tag, da die beiden Gewerkschaften Verdi und Komba zum Streik aufgerufen hatten und somit die Kitas beinahe flächendeckend geschlossen blieben. In der Warnstreikphase kann man leider noch keine Not-Gruppen einrichten, da zuvor nicht bekannt ist, welche Kitas betroffen sind. Wenn eine offizielle Streikphase kommen sollte, wird dies selbstverständlich geschehen. Das alles erfordert sehr viel organisatorischen Aufwand.

Bis 2017 soll die Betreuungsquote im U3-Bereich bei 50 Prozent liegen. Reicht das?

Brötz: Aktuell liegen wir bei einer Betreuungsquote von etwa 43 Prozent. Damit steht Aachen im NRW-weiten Vergleich sehr gut da. Aber es gibt den generellen Rechtsanspruch auf einen U3-Platz. Und ob da selbst die anvisierten 50 Prozent am Ende reichen, kann heute niemand seriös beantworten. Wir sind auf einem guten Weg. Aber die Nachfrage nach U3-Plätzen ist groß. So zeichnet sich im Land wie in Aachen ab, dass wir womöglich nicht bei 50 Prozent werden aufhören können.

Doch schon jetzt sind die Kapazitätsgrenzen so gut wie erreicht. Die Verwaltung sagt selbst, dass die Umwandlungs-, Umbau- und Ausbaupotenziale bei Kitas erschöpft seien.

Brötz: Das stimmt. Die einfachen und schnellen Möglichkeiten des U3-Ausbaus sind ausgeschöpft. Diese einfachen Möglichkeiten waren: Ü3-Plätze in U3-Plätze umwandeln, die Gruppen erweitern, an existierende Kitas U3-Gruppen anbauen. So können wir bis zum Kita-Jahr 2015/16 gut 1770 U3-Plätze anbieten. Ab jetzt werden die Maßnahmen wesentlich aufwendiger. Wir müssen neu bauen, Investoren gewinnen, Flächen erschließen, mit den freien Trägern die Zusammenarbeit hier und da neugestalten. Klar ist: All das hat ein längeres Verfahren und zum Teil auch politische Meinungsbildung zur Folge – und dauert deshalb auch länger.

Sie sprechen die Umwandlung von Ü3- in U3-Plätze an. Das sorgt in einigen Stadtgebieten dafür, dass Eltern darüber klagen, keinen Platz mehr für ihr überdreijähriges Kind zu finden.

Brötz: Die Ü3-Abdeckung in Aachen liegt bei etwa 98 Prozent und somit über dem NRW-weiten Schnitt. Es gibt also eigentlich für jedes Ü3-Kind einen Platz.

Trotzdem gibt es die Klagen.

Brötz: Das erkläre ich mir sozialräumlich. Ich nenne ein theoretisches Beispiel: Wenn jemand in Laurensberg einen Ü3-Platz haben möchte und möglicherweise in Schleckheim ein entsprechender Platz frei ist, dann sind in der gesamtstädtischen statistischen Abbildung genügend Plätze vorhanden. Das bringt leider den Eltern vor Ort in Laurensberg nichts. Hier die Bedarfe der Familien in den einzelnen Stadtteilen vorausschauend zu ermitteln, ist eine große Herausforderung für uns als Verwaltung. Außerdem höre ich von den Kita-Leitungen, dass sie einen nennenswerten unterjährigen Zuzug von Familien nach Aachen wahrnehmen; das sind Trends, die kaum planbar sind.

Ist das Elternwahlverhalten, sei es nun bei den Kita oder aber auch bei den Grundschulen, für die Verwaltung also eine Wundertüte?

Brötz: In NRW insgesamt ist der Trend so, dass die Bewegung hin zu einer Ganztagsbetreuung der Kinder wesentlich rasanter stattfindet als zunächst gedacht. Wenn wir auf den offenen Ganztagsbereich an den Grundschulen blicken: Dort sind wir bei 30 Prozent gestartet, also dass 30 Prozent der Kinder an einer Schule die OGS besuchen. Jetzt sind wir aber bei 70 Prozent. In ein, zwei Jahren werden wir wahrscheinlich bei 80 Prozent liegen.

Schon jetzt gibt es Klagen von Grundschulen, der Platz würde hinten und vorne nicht mehr reichen.

Brötz: Ich persönlich finde es schade, dass die Diskussion um die OGS sehr stark auf die Raumfrage reduziert wird. Letztlich liegt eine große Chance darin, Räume multifunktional zu nutzen. Es ist eine Möglichkeit, pädagogische Konzepte zu hinterfragen. Was heißt denn inklusive Ganztagsschule? Ganztagsschule ist ein Mix aus Unterricht, Freizeit, Spiel, Erziehung, Pädagogik, sozialem Lernen. So muss man auch die Räume herrichten.

Sind eigene Räume für Unterricht, OGS, selbstständiges Lernen, Freizeit also eine Luxusforderung?

Brötz: Ich halte die Forderung vor allem aus pädagogischen Gründen nicht für sinnvoll, dass man für jede Tätigkeit einen eigenen Raum hat. Ich glaube, es liegt eine riesige Chance darin, das Konzept von Schule zu überdenken, wenn man Räume multifunktional nutzt. So kann inklusive Schule entstehen. Ich halte es daher sogar für kontraproduktiv, wenn sich die Frage nur darum dreht ‚Wo können wir noch einen Raum bauen?‘. Natürlich gibt es auch eine Ressourcenfrage, aber es ist nicht die einzige.

Aber es hilft doch nicht überall eine multifunktionale Lösung?

Brötz: Nein. Wo wir bauen müssen, ist im Mensabereich. Die Mensen sind definitiv zu klein geworden. Wir haben zur Zeit Schulmensen, in denen im Drei-Schicht-Betrieb gegessen werden muss, weil sie auf besagte 30-Prozent-Beteiligung an der OGS konzipiert worden sind. Das ist auf Dauer nicht tragbar.

Blicken wir aus der Vogelperspektive auf Aachens Schullandschaft. Schwarz-Rot möchte diese neu ordnen. Vorschläge sollen nun von der Verwaltung kommen. Wie ist es aus Ihrer Sicht um Aachens Schullandschaft bestellt?

Brötz: Die Nachfrage nach den Gesamtschulen und Gymnasien wächst, die Schülerzahlen an den Real- und Hauptschulen sinken. Es ist daher vernünftig, sich intensiv und perspektivisch damit zu beschäftigen.

Die Schülerzahl ist schulformübergreifend innerhalb von 15 Jahren um etwa 4000 gesunken. Sie sprechen die sinkende Nachfrage nach Haupt- und Realschule an. Wann wird in Aachen über die nächste Schulschließung diskutiert?

Brötz: Veränderungen der Schullandschaft hat es in Aachen in den letzten Jahrzehnten immer gegeben. Unsere Aufgabe ist es, wenn der Antrag von Schwarz-Rot zur „Neuordnung der Aachener Schullandschaft“ durch den Rat geht, sich dem Thema sehr vorausschauend zu widmen. Um das klar zu sagen: Es geht hier nicht um kurzfristige Entscheidungen und somit auch nicht um absehbare Schließungen von Schulstandorten.

Trotzdem ist der Trend klar. Graut es Ihnen vor der nächsten Diskussion, wenn zum Beispiel die Schließung einer Hauptschule droht?

Brötz: Überhaupt nicht. Die Devise der Politik in Aachen, so ist es mein Eindruck, lautet: Wir müssen uns an den Bedarfen der Eltern orientieren. Und die Bedarfe der Eltern geben derzeit ein relativ klares Bild. Wir müssen davon ausgehen, dass die Eltern ein Gefühl dafür haben, wo ihr Kind sein Potenzial in besonderer Weise entwickeln kann. Daran wird die Politik sich orientieren. Außerdem hat es sich in der Vergangenheit bewährt, zu diesen Fragen Beteiligungsprozesse mit den verschiedenen betroffenen Akteuren zu initiieren.

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