„Störenfriede” bei Friedenspreisverleihung

Von: Mischa Wyboris
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Zur Demo zusammengetrommelt: Rund 150 Kriegsgegner marschierten am Dienstag mit den „Aixotic Sambistas” vom Elisenbrunnen zur Verleihung des Aachener Friedenspreises in der Aula Carolina. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. „Soorft ruas aus Aghfniasatn!” Es dauert eine Weile, bis sich aus dem Buchstabensalat die Botschaft geformt hat. Dann ist jeder Schildträger an seinem Platz: „Sofort raus aus Afghanistan!”, ist der stille Protest jener Teilnehmer des Antikriegsbündnisses Aachen (AKB), die sich bei der DGB-Kundgebung zum Antikriegstag am Elisenbrunnen versammelt haben.

Dort hören rund 150 Menschen den Worten von Hein Kolberg zu. Er ist Zeitzeuge des Zweiten Weltkriegs, der mit dem Überfall auf Polen vor 70 Jahren begann. „Ich habe den Krieg erlebt. Diese Jahre habe ich bis heute im Kopf”, sagt der 88-Jährige im Gespräch mit Dr. Klaus Brülls vom Bildungswerk NRW. Kolberg gibt unumwunden zu: „Ich habe in unsere heutige Politik kein Vertrauen, dass Frieden bleibt.”

Wie DGB-Gewerkschaftssekretär Karl Panitz auf und jene Schildträger vor der Bühne, fordert Kolberg den sofortigen Abzug der Soldaten aus Afghanistan und erinnert an die Todesopfer durch deutsche Waffen. „Es gibt keine Kriegsverbrechen, der Krieg selbst ist das größte Verbrechen, das es gibt”, sagt das Mitglied des Aachener Friedenspreises.

Demozug zur Aula Carolina

Die renommierte Auszeichnung wird kurze Zeit später in der Aula Carolina verliehen, zu der sich die knapp 150 Kriegsgegner mit einem Demonstrationszug auf den Weg machen - auch jene Schildträger. „Sofort raus asu Afghanistan!” Der kleine Fehler ist schnell behoben, und der Blick der rund 400 Gäste weicht vom bühnenflankierenden Imperativ in Richtung Zentrum des Geschehens, wo der 68-jährige serbische Friedensaktivist Zdravko Marjanovic und die Theatergruppe „Berliner Compagnie” mit dem 22. Aachener Friedenspreis geehrt werden.

„Ich schäme mich für das, was mein Land Ihrem Land angetan hat”, bekennt Otmar Steinbicker, scheidender Vorsitzender des Friedenspreises, in Richtung Marjanovic. Der „Berliner Compagnie” und ihrem im Theater aufgeführten Bühnenstück „Die Verteidigung Deutschlands am Hindukusch” attestiert er, es helfe mit zu verhindern, „dass Afghanistan Deutschlands Vietnam wird”.

Während ihrer scharfsinnigen Laudatio erinnert Journalistin Sonia Mikich uns „friedensverwöhnte Westeuropäer” an das unermüdliche Bemühen Marjanovics, „nach all dem Blutvergießen zum Reden zu bewegen, während die Barbarei in den Sälen des Krieges noch ihr Echo hat”.

Ein ähnliches Friedensverdienst, obgleich mit ganz anderen Mitteln, komme der „Berliner Compagnie” zu: „Gegen den Strom zieht sie über das Land” und vollbringe es mit ihrer „Kunst, die sich einmischen und verstören will, dass wir uns ständig fragen, ob es sich um 1000 Lügen, Halbwahrheiten oder Teilrealitäten handelt”. Bei all ihrem Engagement für den Frieden seien die Geehrten vor allem eines: „Sie sind Störenfriede - und das ist ein gutes Wort”, betont Mikich.

Während seiner Friedensarbeit hat Marjanovic keine 1000 Lügen, sondern nur eine Wahrheit kennengelernt: „Wir sind alle auf gleiche Weise verschieden.”
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