Stimmung pur: Die Penn lässt es richtig krachen

Von: Robert Esser
Letzte Aktualisierung:
4826945.jpg
Imposante Gänsehautstimmung: Die verletzte Marketenderin Nadine Staerk wird von der Oecher Penn ins Eurogress getragen. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Gegen Mitternacht taucht Trompeter Lutz Kniep zum simplen Playback den Saal in grelles Laserlicht. Das Spektakel hat zwar wenig mit Karneval zu tun, kommt am Samstagabend bei den meisten der knapp 1300 Gäste im ausverkauften Eurogress aber trotzdem gut an. Zum Finale der großen Gala-Sitzung der Oecher Penn stimmt auch das Timing wieder. Nicht nur der Zeitplan war zuvor reichlich aus dem Takt geraten.

Doch die Penn-Familie – ein Großteil des putzmunteren Publikums ist der Stadtgarde seit Jahren treu verbunden – zeigt sich nachsichtig. Und bemerkenswert aufmerksam: Sogar dem Bauchredner Fred van Halen hören die Damen und Herren in edler Abendgarderobe (Kostüme sind bei der Gala-Sitzung verpönt) höflich bis zur letzten Pointe zu. Und dies, obwohl Fred erst mit seiner Verspätung eine rund 20-minütige Programmzwangspause verursacht und dann im Rampenlicht nicht gerade seinen stärksten Tag erwischt. Viele Gags sind uralt, manche noch älter. Schade für den eigentlich so wortgewandten Bühnen-Profi. Und für die Zuhörer. Deutlich mehr Geschmack hätte zeitgleich eine Portion Currywurst im Foyer versprochen. Die kassiert übrigens tatsächlich ungewöhnlich viele Lobeshymnen.

Dabei hatte der Abend schon großartig begonnen. Erst marschieren 144 stolze Penn-Soldaten auf. Dann schafft Kommandant Jürgen Brammertz einen echten Gänsehaut-Moment. Vor der imposanten Kulisse schildert der Penn-Chef, wie sich Marketenderin Nadine Staerk schon zu Beginn der Session den Mittelfußknochen brach und deswegen als Partnerin für Tanzoffizier Frank Radermacher in dieser Session ausfällt. „Es gab Gips, Schmerzen, Tränen und auch ein bisschen Trauer“, erklärt Brammertz. Das Publikum spendet lange heilenden Applaus. Radermacher führt deswegen ein amüsantes Tänzchen mit einigen Gardisten auf, bevor die traditionelle Penn-Show mit viel Gesang und Klamauk ins ferne Toledo entführt.

Der Saal geht begeistert mit. Solche Nummern aus den eigenen Reihen sind die wahre Stärke der Penn. Klasse! Apropos: Klasse beweisen auch „Josef, Jupp und Jüppchen“. Kess, schlagfertig und ungeheuer komisch zeigen sich Aachens karnevalistische Urgesteine. Grandios etwa, wie genüsslich Jüppchen alias Hubert Krott erläutert, warum er sich seine Hochzeitsfilme nach 40 Jahren Ehe so gerne in Zeitlupe rückwärts ansieht: „Der schönste Moment ist, wenn ich dr Marie so langsam den Hochzeitsring vom Finger ziehe…“

Die unbändige Liebe zur Kaiserstadt zelebriert niemand so genial wie die „4 Amigos“. Wenn Frauen im Abendkleid auf Tische und Stühle klettern, um beseelt mitzusingen, gilt jede Liedzeile aus hunderten Kehlen als Öcher Glaubensbekenntnis. „Keine Stadt ist wie diese“ singen Uwe und René Brandt sowie Stefan Beuel und Dietmar Ritterbecks auf die Melodie von „An Tagen wie diesen“ der Toten Hosen. Besser geht das nicht. Nur ein Wunsch bleibt offen: der nach noch mehr Zugaben.

Eine solide Vorstellung bieten die „Spetzbouve“ trotz bescheidenen Sounds. Ihr Aachen-Potpourri kommt bestens an, der Saal steht und schunkelt fleißig mit. Prinzengarde, Prinz Thomas II. und sein Hofstaat haben ebenso leichtes Spiel mit den Jecken. Der Sessionsschlager „Ein dicker Fisch kommt auf den Tisch“ scheint vielen bestens zu schmecken. Die Narren haben den Hit auf den Lippen – und den so sympathischen Prinzen längst ins Herz geschlossen.

Etwas fürs Herz präsentiert auch Horst Schlag. Sein Redebeitrag – halb poetisch-jeckes Gedicht, halb Plädoyer für mehr Menschlichkeit – ist von außergewöhnlicher Qualität. Und das funktioniert bei einer Karnevalssitzung nur, wenn der Saal auch wirklich zuhört. Was in diesen Tagen Seltenheitswert hat. In dieser Hinsicht, man kann das nicht oft genug betonen, zeigt kaum jemand mehr Respekt als die Penn-Familie. Chapeau! Horst Schlag erntet zu Recht tosenden Beifall.

Den erhalten auch die „Tanzenden Sterne“. Wobei einige Zuschauer wohl regelrecht erleichtert sind, als die akrobatische Tanzshow endlich vorbei ist. Da fliegen gold-blaue Pharaone und Nofreteten zwar sensationell durch die Lüfte. Sicher und solide einstudiert wirkt das aber nicht. Das hat mehr mit Amateur-Zirkus, Cheerleadern und dem entsprechenden Nervenkitzel als mit einem karnevalistischen Auftritt zu tun - ausbaufähig.

Letztlich dürfen Kommandant Brammertz, Programmmacher Georg Cosler und die Penn aber eine tolle Stimmung verbuchen. Und die hält dank der hervorragenden Foyerband „Night in Paris“ noch bis weit nach Mitternacht an. Auch ohne Laser. Dafür aber mit einem einfallsreichen Sponsor: Eine Anwaltskanzlei verteilt im Eurogress Schokoriegel mit der Aufschrift „Fremdgebützt? Kompetente Hilfe im Familienrecht“. Kein Scherz.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert