„Stimme des Tivoli“ spürt heute das große Kribbeln

Von: Oliver Schmetz und Stephan Mohne
Letzte Aktualisierung:
9412314.jpg
Danke, danke: Robert Moonen ist seit 41 Jahren die „Stimme des Tivoli“ – so natürlich auch heute beim 4.-Liga-Rekordspiel vor ausverkauftem Stadion. Für Moonen ist es „ein ganz besonderes Spiel“. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Er ist seit sage und schreibe 41 Jahren die „Stimme des Tivoli“. Natürlich wird Robert Moonen auch heute als Stadionsprecher das Mikro in der Hand halten, wenn Alemannia gegen Essen vor 30 000 Zuschauern angepfiffen wird – eine verantwortungsvolle Aufgabe in einem ganz besonderen Spiel.

Warum das so ist und wie es aktuell bei Alemannia hinter den Kulissen zugeht, erzählt der 69-Jährige im Interview. Aber auch, warum er als Einzelhändler das Aquis Plaza als Bereicherung für die Stadt ansieht.

Steigt Alemannia auf?

Moonen: Bin ich Jesus? Dann wüsste ich auch die Lottozahlen von heute. Sagen wir es so: Die Hoffnung ist da, die Grundvoraussetzungen sind gegeben. Was am Ende herauskommt, ist leider Gottes aber auch ein bisschen Lotterie.

Klar, ist ja auch ein bisschen ärgerlich mit den Regeln in der 4. Liga, wo man nicht einmal als Meister zwangsläufig aufsteigt.

Moonen: Ja, das ist richtig. Aber das haben sich die Vereine der 4. Liga vor ein paar Jahren selber auferlegt, weil sie nicht mehr so weit reisen wollten. Damit muss man jetzt leben. Ich habe gehört, dass es Überlegungen gibt, das wieder zu ändern. Aber wenn dem so ist, wird das dauern.

Ein Blick auf heute Nachmittag: Kribbelt es schon?

Moonen: Ja, es kribbelt schon. Das Spiel ist etwas Besonderes.

Freuen Sie sich schon darauf, vor 30 000 Zuschauern das Mikro in die Hand zu nehmen?

Moonen: Ja, darauf freue ich mich besonders – 4.-Liga-Rekord, das sagt doch alles!

Haben Sie sich in der Zeit des großen Absturzes und angesichts der dubiosen Vorgänge hinter den Kulissen überlegt aufzuhören?

Moonen: Nein, keine Sekunde. Ich habe auch in dieser Zeit immer geglaubt, dass es irgendwann wieder aufwärts gehen wird. Ich habe in der Vergangenheit ja schon einiges erlebt, auch wenn es nie so extrem schlimm war wie diesmal. Aber ich habe immer auf die Fans gesetzt. Große Fans sind auch die Personen, die gesagt haben: Wir dürfen den Verein nicht kaputtgehen lassen. Daran waren drei, vier Personen maßgeblich beteiligt. Für sie und für alle, die zur Rettung beigetragen haben, ist der heutige Tag eine großartige Bestätigung.

Sie sind offenbar ein großer Optimist.

Moonen: Ich war immer Optimist. Die Rederei, dass der oder jener die Schuld trägt, ist sinnlos. Natürlich war das mit der Insolvenz letztlich dennoch ein Schock.

Hätten Sie sich erträumt, dass die Alemannia so schnell wieder vor ausverkauftem Haus spielen würde?

Moonen: Nein. Ich erkläre mir das damit, dass es unglaublich viel Fanpotenzial in Aachen gibt. Dazu gehören auch viele, die das Vertrauen in den Verein verloren hatten. Dann hatte sich der Verein entschlossen, den Essenern 5000 statt 3000 Karten zu geben. Und plötzlich sprang der Ticketzähler im Internet, der psychologisch gesehen eine geniale Idee war, über 14 000. Da haben die Unentschlossenen sich überlegt: Wir müssen da hin! Ein Beispiel: Ich gehe schon Mal in Burtscheid in die Bäckerei. Da sitzen immer einige alte Alemannia-Fans, die teilweise noch hingehen, teils aber auch nicht mehr. Einer fragte mich: Wie viele Karten sind verkauft? Dann habe ich im Internet nachgeschaut und gesagt: 23 700. Da ist einer aufgestanden, hat sich in ein Taxi gesetzt, ist zum Tivoli gefahren und hat sechs Karten gekauft.

Noch einmal kurz zur großen Krise: Ungemach hatte sich ja damals schon länger angekündigt – mit Bürgschaften, Umschuldung und, und, und. Hätte man nicht früher gegensteuern können?

Moonen: Wenn alles so transparent gewesen wäre, wie es jetzt ist, dann ja. Aber da war es eben nicht so. Jeder wusste nur einen Teil der Wahrheit. Da hat dann der eine oder andere bewusst oder unbewusst Fehler gemacht. Ich will dabei nicht einmal jemandem Böses unterstellen. Ich glaube, dass der Wille dahinterstand, den Verein zu retten. Allerdings hat das alles dann noch schlimmer gemacht.

Das Umfeld war bei Alemannia ja schon immer schwierig. Wie ist denn aktuell hinter den Kulissen die Stimmungslage?

Moonen: Man sagt, dass ein guter Schiedsrichter jener ist, den man möglichst wenig wahrnimmt. Das kann man auf die jetzigen Gremien der Alemannia übertragen. Sowohl der Verwaltungs- wie auch der Aufsichtsrat arbeiten ruhig und an der Sache orientiert. Früher standen jede Woche mindestens einmal Interna in der Zeitung. Das ist nicht mehr der Fall. Das spricht für die Qualität der jetzigen Arbeit.

Weht also ein neuer Wind am Tivoli, gibt es einen neuen Spirit?

Moonen: Ja, definitiv. Was auch wichtig ist: Die Alemannia muss sich jetzt weiterentwickeln – täglich daran arbeiten, sich für die Zukunft gezielter aufzustellen.

Also alles gut bei der Alemannia. Das kennt man als Fan ja gar nicht.

Moonen: Ich sage: Wenn fast alles gut ist, sollte das der Normalfall sein. Man darf sich aber nicht ausruhen, sondern muss weiterarbeiten. Es ist vieles besser geworden, aber noch nicht alles gut. Es gibt sicher noch Dinge, wo es haken wird. Sicher wird es wieder Beschwerden geben, dass Alemannia es nicht geschafft hat, vernünftig Bratwürste zu verkaufen. Aber bei dem Andrang heute ist das doch völlig normal.

Ist auch die Kommunikation mit den Fans – zumal mit den „Problemfans“ – besser geworden?

Moonen: Mit Sicherheit. Da wird alles versucht. Dass das eine oder andere auch schiefgegangen ist, wissen wir. Aber der richtige Weg wird gesucht. Ich rede ja auch selber mit Fans. Neulich tauchte mal ein verbotenes Plakat auf. Da bringt es nichts, rumzubrüllen und Hektik zu machen. Ich bin dann in den Block gegangen und habe mit den Jungs gesprochen. Sie haben das Plakat heruntergenommen und alles war okay.

Da könnte Ihnen ja gerade heute bei hochkochenden Emotionen eine wichtige Rolle zukommen.

Moonen: Ja, man darf nie zu sicher sein, dass nichts passieren wird. Man muss gewappnet sein. Man muss für sich den richtigen Weg finden. Ich bin nicht der, der herumblökt. So machen das einige Stadionsprecher, aber ich find‘s halt unfair. Teils ist das auch ein unfaires Aufhetzen der Gästefans. Ich glaube, dass die Leute an den Mikros eine Verantwortung haben und dies auch zeigen müssen.

Gab es in den 41 Jahren Höhepunkte – negative wie positive?

Moonen: Ein negativer war sicher damals der erste Abstieg. Da haben wir gedacht, die Leute klettern jetzt auf unsere Autos und trampeln darauf herum. Stattdessen haben sie dann gesungen „Aber eins, aber eins...“ Ansonsten gab es viele tolle Spiele – das Pokalendspiel in Berlin, die sensationellen Spiele gegen Bayern...

Ist die Sehnsucht nach dem alten Tivoli geblieben?

Moonen: Die bleibt immer. Wer die nicht hat, ist kein richtiger Alemannia-Fan.

Sie sind jetzt 69. Wie lange wollen Sie noch die Stimme des Tivoli sein?

Moonen: Bis mich jemand erschießt (lacht). Scherz beiseite: Wenn ich merken würde, dass die Fans mich nicht mehr akzeptieren, würde ich aufhören. Wenn der Verein jemanden haben wollte, der den Kasper macht, würde ich dafür auch nicht zur Verfügung stehen. Fußball ist keine Showveranstaltung. Wenn es nur noch darum geht, bleibt die Liebe zu diesem tollen Sport auf der Strecke.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert