Stickstoffdioxid-Belastung: Wichtige Abgas-Marke geknackt

Von: Matthias Hinrichs
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Knackpunkt Kaiserplatz-Umfeld: Der „magische“ 50-Mikrogramm-Grenzwert in Sachen Stickstoffdioxid ist laut Verwaltung an der Messstelle Wilhelmstraße 2013 erstmals unterschritten worden. Die aktuell erheblich erhöhten Feinstaub-Werte seien vor allem auf die benachbarten Großbaustellen zurückzuführen. Die Umweltverbände plädieren dennoch weiter für eine generelle Tempo-30-Zone. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Man sieht und hört sie nicht – dennoch hat die Stadt in Sachen Emissionen jetzt eine politische Schallmauer vernehmbar durchbrochen: Erstmals seit Beginn der Messungen ist die durchschnittliche Belastung durch Stickstoffdioxid (NO2) in der City unter die 50-Mikrogramm-Marke gesunken, wie die Verwaltung am Dienstag mitteilte.

Exakt 49,5 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft wurden im vergangenen Jahr nach den vorläufigen Auswertungen des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz an der Wilhelmstraße gemessen. So weit die gute Nachricht. Die schlechte: Die Feinstaub-Belastung ist ebendort 2013 drastisch gestiegen – aus in jedem Sinne naheliegenden Gründen, nämlich insbesondere aufgrund der riesigen „Aquis Plaza“-Baustelle am Kaiserplatz.

Dennoch: „Der Trend der zurückliegenden Jahre zeigt, dass Aachen mit den Großstädten, die das Thema ‚Umweltzone‘ in den Fokus gestellt haben, mehr als gut mithalten kann“, bilanziert Gerhard Peschel vom städtischen Fachbereich Umwelt. Denn die NO2-Werte resultierten zu rund zwei Dritteln aus Kfz-Abgasen. Die Feinstaub-Belastung sei dagegen zu etwa 70 Prozent auf andere Faktoren wie Brände, mehr oder minder normalen Straßenstaub und eben Baustellen zurückzuführen.

2013 wurde der zulässige Feinstaub-Grenzwert an der Wilhelmstraße laut Pressebüro im Ganzen 46 Mal überschritten – eigentlich dürfen nicht mehr als 35 Überschreitungen pro Jahr registriert werden. Die Fachleute des Landesamtes gingen davon aus, dass die Werte wieder deutlich zurückgehen, sobald die Bauarbeiten am Kaiserplatz beendet sind, betont Harald Beckers vom Pressebüro. Zudem werde momentan auch an der Augustastraße und an der Brabantstraße in erheblichem Umfang gebuddelt und gebaut, was ebenfalls mit zusätzlichem Lkw-Verkehr verbunden sei. Mittelfristig aber sei zu erwarten, dass man auch in punkto Feinstaub wieder an die positive Entwicklung der Vorjahre anknüpfen könne. Zumal besagte „Schmerzgrenze“ zwischen 2007 und 2012 im Jahresschnitt von 33 auf „nur“ noch 27 Mikrogramm pro Kubikmeter reduziert wurde. Zulässig sei ein Mittelwert von immerhin 40 Mikrogramm Feinstaub. Die genauen Zahlen für 2013 liegen noch nicht vor, es sei aber damit zu rechnen, dass zumindest zahlreiche Tageswerte aus den genannten Gründen über die 50-Mikrogramm-Marke geschnellt sind, sagt Beckers. Die endgültige Auswertung der NO2- und Feinstaub-Messwerte wird nicht vor April erwartet.

Gleichwohl sieht Umweltdezernentin Gisela Nacken den jüngsten Trend als wichtige Motivation, den bisherigen Weg fortzusetzen. Dies soll in den im März anstehenden Gesprächen mit den Vertretern der Bezirksregierung Köln und den örtlichen Verbänden deutlich betont werden. Nacken unterstreicht, dass sich der Luftreinhalteplan als Maßnahmenpaket mit zahlreichen Beteiligten aus Industrie, Wirtschaft und Hochschulen als bestmögliches Instrument erwiesen habe: „Die Aachener Strategie ist voll aufgegangen. Gemeinsam mit unseren Partnern haben wir die Akzente an den richtigen Stellen gesetzt.“ Immer mehr Berufspendler nutzten Busse und Bahnen, immer mehr Kurzstrecken würden mit dem Fahrrad oder zu Fuß bewältigt, in Aachen werde immer umweltfreundlicher und effizienter geheizt. „Und den Bundestrend, dass die Kraftfahrzeuge immer bessere Abgasstandards einhalten, nehmen wir auch noch mit.“

Noch freilich sind die Zielwerte der Europäischen Union nicht für alle Straßenabschnitte erreicht. Die Verwaltung sei aber davon überzeugt, auch dies in wenigen Jahren mit vereinten Kräften stemmen zu können. Bei Gesprächen im NRW-Umweltministerium am Dienstag sei das Aachener Beispiel als wegweisend begrüßt worden, betont Harald Beckers. Nach wie vor steht indessen eine EU-Frist im politischen Raum, nach der die Belastungswerte bis Ende 2015 unter die vorgegebenen Zielmarken gedrückt werden müssen. Andernfalls müsste eben doch eine Umweltzone eingerichtet werden – zumindest theoretisch. „Fakt ist, dass im Augenblick keine einzige Stadt in NRW die Richtwerte erreicht – ob mit oder ohne Umweltzone“, unterstreicht Beckers.

Umso entschiedener plädieren die Umweltverbände seit Jahr und Tag für weitere Maßnahmen, insbesondere die Einführung einer generellen Tempo-30-Zone in der Innenstadt. „Von einem eindeutig positiven Trend ist nach unserer Auffassung nach wie vor nichts zu spüren“, meint Ralf Oswald, Vorsitzender des Verkehrsclubs Deutschland im Kreisverband Aachen-Düren. Und: „Man muss schließlich auch bedenken, dass das Verkehrsaufkommen im Umfeld des Kaiserplatzes noch einmal massiv ansteigt, wenn das ,Aquis Plaza‘ inklusive Tiefgarage mit 650 Parkplätzen fertiggestellt ist. Wir gehen davon aus, dass damit pro Tag etwa 4000 bis 5000 zusätzliche Kraftfahrzeuge über die Straßen rollen.“

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