Stawag wechselt den Gas-Warngeruch wieder auf Schwefel

Von: Robert Esser
Letzte Aktualisierung:
12168301.jpg
Verheißt am Herd mehr Sicherheit: Künftig riecht Erdgas in Aachen nicht mehr nach einer Art Knoblauch-Klebstoff, sondern wieder ganz typisch – wie fast überall in Deutschland – nach faulen Eiern und Schwefel. Foto: Imago/Blickwinkel
12168304.jpg
Er gibt Gas: Stawag-Techniker Sascha Wegner vor dem 500-Liter-Fass, aus dem zur Sicherheit der Geruchsstoff THT beigemischt wird. Foto: Jaspers

Aachen. Das riecht nach einer guten Idee – obwohl‘s stinkt. Nach achteinhalb Jahren „duftet“ das Aachener Erdgas wieder nach Schwefel – also ganz typisch nach faulen Eiern. Der Anfang 2008 gegen viele Widerstände eingeführte Warnduft „Gasodor-s-free“, der eher harmlos nach Knoblauch-Klebstoff riecht, wird abgeschafft. Dies hat der Aachener Energieversorger Stawag jetzt auf AZ-Anfrage bestätigt.

Ab dem 6. Juni 2016 mischt man somit wieder das sogenannte Odorierungsmittel (den Riechstoff) Tetrahydrothiophen (THT) bei. Grundsätzlich gilt: Geruchsstoffe sind notwendig, damit Bürger Gaslecks in Wohnungen und Häusern rechtzeitig über die Nase wahrnehmen und umgehend den Notruf wählen – etwa bei undichter Gasheizung oder an einem defekten Gasherd. Etwa 50 Mal pro Jahr kommt das durchschnittlich in Aachen vor.

„Der von uns zwischenzeitlich eingeführte modernere Geruchsstoff hat sich in der Branche nicht durchgesetzt“, erklärt Stawag-Sprecherin Eva Wußing. „Wir möchten, dass Erdgas von allen Bürgern direkt am Geruch erkannt wird, und das ist bei dem typischen Schwefelgeruch besser gewährleistet – auch weil hier in Aachen so viele zugezogene Studierende leben“, erläutert sie. Auch rund um Aachen setzen Gasnetzbetreiber auf THT. „Wir wollen die Menschen in der Region zukünftig nicht mehr mit unterschiedlichen Warngerüchen konfrontieren“, sagt Wußing.

Eigentlich ist Erdgas unsichtbar und geruchslos. Der Warngeruch wird in Aachen an den drei Gasdruckregelanlagen Soers, Grüner Weg und Debyestraße über Düsen ins vorbeirauschende Gas gedampft. „Wir benötigen nur 15 Milligramm pro Kubikmeter“, erklärt der Objektverantwortliche der Stawag, Sascha Wegner. Gespeist werden die Duftdüsen aus einem 500-Liter-Fass, das reicht für etwa drei Monate. Pro Stunde verbraucht Aachen derzeit – bei angenehmen Frühlingstemperaturen – etwa 30.000 Kubikmeter Erdgas. Das heißt: Stündlich wird ein kompletter Gasballon am Grünen Weg geleert. „THT riecht eindrücklicher, gefällt mir besser“, stellt Wegner fest.

Mit dieser Einschätzung ist der Experte nicht alleine. Jahrelang hatte der Deutsche Allergie- und Asthmabund (DAAB) vor neuartigen Allergieauslösern im Brennstoff gewarnt. Laut DAAB-Chemikerin Silvia Pleschka besitzt „Gasodor-s-free“ regelmäßig „durch Acrylate hoch allergene Inhaltsstoffe“. Dies könne Allergien auslösen, Anfälle bei Asthmatikern begünstigen, Ausschläge und Kopfschmerzen verursachen, hieß es damals. Obwohl in den vergangenen Jahren keine Schadensfälle beim DAAB aktenkundig wurden, ist man erleichtert. „Die Umstellung freut uns sehr, das ist im Sinne aller Allergiker. Ganz ohne Schwefel wäre natürlich noch besser, aber ein Warngeruch muss zur Sicherheit sein“, ordnet Pleschka den Wechsel ein.

Eigentlich werden alle allergenen Substanzen mit der Verbrennung des Gases unschädlich gemacht. Aber: „Bevor bei älteren Herdmodellen die Flamme zündet, landet eine ganze Menge Gas in der Raumluft“, warnt die Chemikerin. Sie rät deshalb generell, Wohnungen und Häuser regelmäßig zu lüften. In einem Verbraucherschutzbericht des Fachmagazins „Sicherheitsingenieur“ hatten zudem Brandsachverständige kritisiert, dass der damals neue „Knoblauch-Klebstoff“-Warngeruch von den meisten Menschen kaum als akute Gefahr durch Gasaustritt wahrgenommen werde.

2008 hatte die Stawag auf „Gasodor-s-free“ umgestellt, um 3,5 Tonnen Schwefeldioxid pro Jahr zu sparen und ein Gas anbieten zu können, das für Autos mit ökologischem Erdgasantrieb verträglicher ist. Da auch Erdgasautos im Zeitalter der Elektromobilität rückläufig sind, wächst der THT-Anteil in Deutschland schon auf über 75 Prozent – Tendenz steigend. Weswegen wohl kaum einer angesichts der Duftkehrtwende die Nase rümpft. Schon gar nicht in der schwefelerprobten Kaiserstadt.

Leserkommentare

Leserkommentare (2)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert