Stahl für 500 Autos aus Turm geschnitten

Von: Robert Esser
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Kraftakt: Über dieses Gerüst lässt Miteigentümer Carlo Matic den Stahltank Stück für Stück aus dem Bauch des Drehturms Belvedere schleusen, um rund 900 Quadratmeter Bürofläche zu gewinnen. Foto: Robert Esser
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Blick in die Zukunft: Ende April 2013 geben lange Fensterriegel die Sicht aus neuen Büroetagen frei. Foto: Robert Esser
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Blick ins Innere: Mühsam muss die Stahlwand des grünen Wassertanks herausgeschweißt werden. Foto: Robert Esser

Aachen. So schwer wie schwierig ist die Operation im Drehturm Belvedere. Ein Jahr nachdem die Aachener Carlo Matic (ehemals Blatz) und Jochen Hermanns das 35 Meter hohe Wahrzeichen auf dem Lousberg gekauft haben, erhält das imposante Bauwerk ein neues Gesicht. Alte Innereien werden herausgeschnitten, neues Leben wird implantiert.

Zwischen dem Restaurant auf dem Drehteller in der Turmspitze, den Büros der Werbeagentur „Power + Radach“ und dem Multimedia-Unternehmen „Interactive Pioneers“ entstehen vier weitere Büro-Etagen mit jeweils rund 220 Quadratmetern.

Um Platz für diese Stockwerke zu schaffen, schweißen Fachleute gerade den gigantischen Wasserkessel heraus, der den Großteil des Turminneren einnimmt. Er fasste bis 1988 bei einem Durchmesser von 19 Metern rund 2500 Kubikmeter Wasser. Als Wasserturm hat er seitdem ausgedient, aber das Gefäß – in der denkmalgeschützten Hülle – lag früheren Eigentümern schwer auf dem Magen. Es verhinderte die Nutzung von Kopf bis Fuß. Als Mieter für zwei der neuen Etagen gefunden waren, begann die Operation – natürlich in enger Abstimmung mit den städtischen Baubehörden. „670 Tonnen Stahl müssen raus“, erklärt Matic. „Das ist ein gigantischer Aufwand.“ Zum Vergleich: Der Kessel ist so schwer wie das U11, ein altes U-Boot der Bundesmarine. Oder anders: Das Gewicht entspricht rund 500 VW Golf, die Stoßstange an Stoßstange eine zwei Kilometer lange Schlange bilden.

Buchstäblich ein hartes Stück Arbeit: Stück für Stück schneiden die Schweißer den Koloss in türgroße Platten. Es poltert, scheppert und dröhnt – über dem Turm steigt zuweilen Rauch auf, wenn die Brenner sich durch glühendes Metall fressen. Die Platten werden dann durch eine Öffnung, die eigens in die Außenmauer gerissen wurde, auf ein gut zehn Meter hohes Gerüst transportiert – und von dort zum Abtransport in die Tiefe hinabgelassen. Zum Glück ist der Patient, mit 55 Jahren nicht gerade steinalt, absolut stabil: „Der Architekt des Wasserturms, Wilhelm K. Fischer, hat bereits damals tragfähige Auflagen in die Turmmauern integriert, die nun die Zwischenböden und -decken der vier neuen Etagen schultern können“, erläutert Matic.

Die Drehturm GbR stemmt den Millionen-Umbau. Matic zieht mit seinen „Interactive Pioneers“ genauso wie Geschäftsführer Bernd Steinbrecher mit den Mitarbeitern von „Power + Radach“ vorübergehend in die Würselener Schuman Arkaden. Aber schon am 30. April kommenden Jahres will man zurück auf den Lousberg. In den Folgemonaten steht noch der komplexe Innenausbau an. Danach sollen nicht nur auf vier neuen Büro-Etagen, von denen zwei noch nicht vergeben sind, Arbeit und Leben einziehen. Von außen werden markante Fensterriegel das neue Gesicht des Turms prägen.

Die Baustelle läuft auf Hochtouren: Nur sonntags serviert die Crew des Drehrestaurants weiterhin Brunch. Die gastronomische Scheibe inklusive 360-Grad-Panoramablick über Aachen ist weiter für private und geschäftliche Events zu buchen, während im Erdgeschoss das Restaurant Belvedere bis Mai die Türen schließt. Werktags wird es nämlich laut: Der Treppenhaus-Kreisel mit seinen 173 Stufen muss komplett erneuert werden, damit vier neue Aufzugsstationen auf dem richtigen Niveau landen. Und sobald die Temperaturen nach dem Winter wieder steigen, will das Team um Gastronomie-Chef Maurice de Boer auch wieder Gäste im Biergarten auf dem Lousberg empfangen.

„Es ist natürlich noch über einige Monate ein Kraftakt. Aber es lohnt sich. Dieser Turm ist es uns wert. Ich bin glücklich, dass wir unsere Planungen jetzt umsetzen können“, sagt Matic. Die Ausbaupläne hatten die Eigentümer bereits in der Tasche, als sie den betagten Turm Ende 2011 übernahmen. Bis Mitte 2013 Mieter für die restlichen Büroetagen zu finden, dürfte den Turmherren nicht schwer fallen. Für schwierig halten sie das nicht.

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