Städtisches Gebäudemanagement: Kampf mit zwei Millionen Vorschriften

Von: Stephan Mohne
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Reihenweise Großprojekte – auch ohne die „Sonderaufgabe“ der technischen Rettung des Tivolis: Klaus Schavan und seine Kolleginnen und Kollegen des städtischen Gebäudemanagements haben alle Hände voll zu tun – zum Beispiel mit dem Umbau der Hauptfeuerwache (auf dem Bild zu sehen). Insgesamt betreuen sie 710 Objekte im Wert von mehreren hundert Millionen Euro. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Eher ungewollt sind Klaus Schavan und seine Bauexperten des städtischen Gebäudemanagements jüngst ins Rampenlicht gerückt. Als nämlich 365 Sicherheitsmängel im Tivoli von einem Gutachter aufgelistet wurden, mussten die Ingenieure ran. Die prioritäre Aufgabe: als technische Feuerwehr den Betrieb des Stadions für die kommende Saison sichern.

Was auch eindrucksvoll gelungen ist. Dennoch werden die Gebäudemanager froh sein, wenn sie sich an der Krefelder Straße wieder verabschieden können. Denn sie haben auch so alle Hände voll zu tun. 710 Gebäude und Objekte – vom Verwaltungsgebäude über Kitas und Schulen bis hin zu den Öcher Brunnen – betreuen sie. Der Wert liegt insgesamt bei mehreren hundert Millionen Euro. Dazu kommen echte Mammutaufgaben wie der Kita- und OGS-Ausbau oder demnächst der Umbau des Neuen Kurhauses mit einem Gesamtvolumen von rund 20 Millionen Euro alleine für dieses Projekt. Eine spannende und verantwortungsvolle Aufgabe – aber es gibt bisweilen auch Ärger, wie Klaus Schavan im Wochenendinterview erzählt.

Der Tivoli ist ein Gebäude, mit dem Sie im Moment alle Hände voll zu tun haben. Aber es mangelt Ihnen sicher nicht an Aufgaben. Wie viele Immobilien betreuen Sie regulär insgesamt?

Schavan: Wir betreuen 710 Objekte, darunter Kitas, Schulen, Verwaltungsgebäude, aber auch die Aachener Brunnenanlagen vom Europaplatz bis zu kleinen Wasserspendern. Das alles stellt einen erheblichen Teil des städtischen Vermögens dar. Deshalb kann ein gut aufgestelltes Gebäudemanagement auch einen erheblichen Beitrag zur Konsolidierung des Haushalts leisten.

Wie viele Leute haben Sie dafür?

Schavan: Wir sind auf Vollzeitstellen gerechnet etwa 170 – nicht nur im Bereich Bau und Technik, sondern einschließlich der Pförtner, Boten, Reinigungskräfte, zum Teil der Hausmeister. Ohne die kaufmännischen Leistungsbereiche geht es zudem auch nicht. Hier tut es gut, mit der kaufmännischen Geschäftsführerin Vera Ferber gut zusammenarbeiten zu können.

Wie wirkt sich die Tivoli-Geschichte auf die vielen anderen Aufgaben aus? Zum Beispiel steht ja in den Ferien das große Schulsanierungsprogramm an.

Schavan: Wir haben nicht darauf hingearbeitet, Unterstützungsarbeit im Tivoli zu leisten. Am Anfang haben wir viel Kapazität hineingesteckt, um Klarheit zu bekommen. Jetzt können wir das langsam wieder heruntergefahren. Wir hatten Glück, dass die Ausschreibungen für das Schulreparaturprogramm zu dem Zeitpunkt Anfang Mai schon raus waren. Ein paar Wochen früher hätte das eine große Wunde geschlagen. Auf die Schulbaumaßnahmen wird das nach jetzigem Stand kaum negative Auswirkungen haben. Aber die Kollegen würden ja jetzt schon die Maßnahmen in den Herbstferien vorbereiten, da könnte es dann deutlichere Auswirkungen geben.

Der Tivoli verschlingt rund zwei Millionen Euro an Unterhaltungskosten pro Jahr. Ebenfalls zwei Millionen Euro gibt es für die Reparatur aller Schulen. Das ist doch völlig unverhältnismäßig.

Schavan: Ich sage ganz ehrlich: Ich habe in Hamburg, Kiel und Krefeld gearbeitet. Zum allerersten Mal treffe ich mit Aachen auf eine Stadt, die für ein Sonderprogramm zur Schulsanierung Geld gibt. Wenn Sie glauben, das sei wenig, dann täuschen Sie sich. Der Alltag in anderen Städten sieht anders aus. Ich will das nicht beschönigen, man kann sicher mehr machen. Aber in anderen Städten ist die Not weitaus größer. Und man muss das mit dem vorhandenen Personal auch abarbeiten können.

Der Eindruck vor Ort ist manchmal ein anderer. Es gibt Schulen und Turnhallen, wo beispielsweise der Gestank aus den Toilettenräumen kaum noch zu ertragen ist.

Schavan: Es ist sicher so, dass es viele Schulen gibt, an denen etwas getan werden muss. Wir setzen da Prioritäten – und gerade die Sanierung von WC-Anlagen steht seit einiger Zeit ganz oben auf dieser Liste. Wir sind da dran, aber wir können nicht überall gleichzeitig sein. Was mich ärgert, ist, dass wir an dieser Stelle sehr stark von externen Ingenieuren abhängig sind.

Die Sanierung einer WC-Anlage kostet vielleicht 70.000 Euro. Für die externe Ingenieurleistung bei der Planung zahlen wir manchmal 25.000 Euro Honorar. Da zittert mir die Hand bei der Unterschrift unter den Auftrag. Wenn ich da zwei Leute mehr hätte, könnte ich das selber machen. Da setze ich mich stark dafür ein, dass wir an solchen Stellen mehr selber erledigen können, was deutlich preiswerter wäre. Das ist auch in der Politik angekommen.

Vor allem an dem Punkt, wo es plötzlich hieß, dass die Herrichtung von Flüchtlingsunterkünften wie dem neu erworbenen Gebäude an der Tempelhofer Straße deutlich teurer wird als zunächst geschätzt.

Schavan: Das hatte eher mit der Schnelligkeit zu tun, mit der da eine Entscheidung fallen musste. Wir haben uns das Gebäude ein Mal anderthalb Stunden angeschaut und sollten noch am selben oder am nächsten Tag eine Kostenschätzung abgeben. Das geht nicht. Es gibt keinen Menschen, der in der Zeit seriös die Kosten benennen kann. Kostensicherheit hat etwas mit Planungstiefe zu tun.

Dieser Kernsatz ist in den vergangenen Jahren etwas untergegangen. Wir selber haben keine Planungsabteilung mehr und planen deshalb nichts selber. Es nutzt aber nichts, einem jungen Ingenieur ein Buch übers Bauen zu kaufen. Man muss ihn rausschicken, muss ihn Bau- und Projektleitung machen lassen. Es gibt Empfehlungen dahingehend, dass man zwischen 15 und 30 Prozent der Bauaufgaben selber machen sollte, um die eigene Fachkompetenz zu erhalten.

Vielleicht könnte man, wenn man es selber macht, auch den Eindruck vermeiden, dass bisweilen – etwa im Kita-Bereich – „Prunkbauten“ von Externen geplant werden.

Schavan: Diese Diskussion wundert mich. Ich weiß gar nicht, wer diesen Begriff geprägt hat. Wenn ein renommiertes Architektenbüro aus Aachen eine Kita plant, dann ist das ein Qualitätsmaßstab. Wir können froh sein, dass wir solche Büros an der Hand haben. Das hat aber nichts damit zu tun, dass mit dem Namen des Büros Prunk verbunden wäre. Gute Büros achten auf Wirtschaftlichkeit, schlechte Büros achten auf sehr wenig und auch nicht immer auf Wirtschaftlichkeit. Wir wollen gute Büros haben.

Die werden im Übrigen auch nicht besser bezahlt als andere, da es eine klar festgelegte Honorarordnung gibt. Überdies wird das Raumprogramm ganz genau mit dem Landschaftsverband abgestimmt. Wir können uns nicht aussuchen, ob wir da mal drei Räume mehr dazu tun. Wir sind weit davon entfernt, da goldene Wasserhähne einzubauen. Darüber hinaus liegen die Baunebenkosten mittlerweile bei bis zu 30 Prozent. Bei einer Million Euro hat man also schon 300.000 Euro für etliche Gutachten und Planungen ausgegeben, bevor auch nur angefangen wird zu bauen.

Abseits von Neubauten haben sie im Altbestand dicke Brocken – zum Beispiel marode Verwaltungsgebäude wie jenes am Adalbertsteinweg, wo man sich Gedanken machen muss, ob es überhaupt noch Sinn macht, da Geld in Reparaturen zu stecken.

Schavan: Wir haben eigentlich den Auftrag, dieses Gebäude zu entmieten und zu verkaufen. Es ist übrigens in einem „altersgerechten“ Zustand. Aber wir haben schlicht keine Kapazitäten, die Fachbereiche anderswo unterzubringen. Das gilt übrigens auch für das Gebäude an der Reumontstraße. Das ist eine Gratwanderung.

Wenn wir keine Alternativen haben, müssen wir zumindest so viel tun, dass wir es noch guten Gewissens verantworten können. Mögliche Lösungen werden – ob es die Anmietung von Räumen oder Neubau eines Gebäudes ist – zumindest nicht kurzfristig realisierbar sein. Planungen gibt es lange, aber sie sind nie umgesetzt worden. Dennoch brauchen die Kolleginnen und Kollegen eine Perspektive. Auch wir sitzen mit mehr Leuten in einem Büro als eigentlich vorgesehen.

Was macht Ihnen in Ihrem Job derzeit die größten Sorgen?

Schavan: Immer mehr Sorge bereitet mir die Tatsache, dass die Regelungsdichte in Deutschland so hoch ist, dass es ein Wunder ist, dass wir überhaupt noch bauen. Wir haben zwei Millionen technische Vorschriften, davon ändern sich jährlich 25 Prozent. Sagen Sie mir mal, wer das nachhalten soll. 90 Prozent aller Steuerregularien gibt es in der Bundesrepublik. Der gesamte Rest der Welt kommt also mit den anderen zehn Prozent aus. So ähnlich ist das beim Bauen auch. Ich behaupte: Wenn wir alle Vorschriften penibel einhalten würden, könnten wir nicht mehr bauen. Es wäre eine sehr ehrenvolle politische Aufgabe, den Dschungel zu lichten.

Und was bereitet Ihnen die größte Freude?

Schavan: Ich bin sehr stolz auf unser sehr engagiertes Team. Die Leute wollen Dinge bewegen, das macht sehr viel Spaß. Ich bin jetzt dreieinhalb Jahre hier. Mit jedem Monat länger kommt man mehr an. Das ist ein tolles Gefühl. Dabei muss man sagen, dass wir eine unglaubliche Taktdichte haben. Wir haben aktuell sehr viele große Projekte – der Umbau der Hauptfeuerwache, die Vierte Gesamtschule und bald der Umbau des Neuen Kurhauses mit Investitionssummen von jeweils weit über zehn Millionen Euro.

Vorher hatten wir das Konjunkturpaket II, dann das OGS-Programm, dann das Kita-Ausbauprogramm. Es folgt das Konjunkturpaket III, die Flüchtlingsunterbringung – und so wird es wohl auch weitergehen. Da bleibt kaum Gelegenheit, mal durchzuatmen. Wir sind natürlich einerseits froh, dass wir viel zu tun haben. Andererseits würde ich mir wünschen, dass das bei aller bisweilen geäußerten Kritik von außen auch etwas stärker wahrgenommen wird und Verständnis damit einhergeht.

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