Aachen - Städtische Mitarbeiter werden immer öfter bedroht und geschlagen

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Städtische Mitarbeiter werden immer öfter bedroht und geschlagen

Von: Stephan Mohne und Oliver Schmetz
Letzte Aktualisierung:
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Sein Job ist der Schutz der städtischen Mitarbeiter: Im Verwaltungsgebäude am Hauptbahnhof ist seit Juli 2016 täglich ein Mitarbeiter einer Securityfirma im Einsatz – in den ersten 14 Monaten wurde er 175 Mal alarmiert. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Als vor zwei Monaten eine Autofahrerin eine Politesse biss, machte diese Geschichte Schlagzeilen – zumal kurz zuvor drei Polizisten von Jugendlichen krankenhausreif geprügelt worden waren. Doch auch wenn diese Fälle als krasse Ereignisse herausragen, markieren sie bloß die Spitze eines Eisbergs.

Denn Übergriffe gegen Vertreter der sogenannten staatlichen Gewalt – also gegen Polizeibeamte und städtische Ordnungskräfte, gegen Politessen und Feuerwehrleute, aber auch gegen Notärzte und Rettungssanitäter – sind trauriger Alltag. Und das im Wortsinn.

„Verbale Aggression ist mittlerweile an der Tagesordnung“, sagt Dr. Markus Kremer, Dezernent für Personal, Organisation, Stadtbetrieb, Feuerwehr und Umwelt in der Aachener Stadtverwaltung. Und fast hat es den Anschein, als würde er über diesen Satz selbst erschrecken. „Ich habe mich bei den Kollegen rückversichert, ob ich das so hart sagen kann“, erzählt Kremer. „Aber leider ist das so.“

Attacken auf Rettungssanitäter

Und immer öfter bleibt es nicht bei Beleidigungen und Beschimpfungen. Dann werden städtische Bedienstete bedroht, geschlagen, getreten oder gebissen. Dann werden Rettungssanitäter attackiert, wenn sie Verletzten helfen wollen. Und dies geschieht nicht nur bei Einsätzen auf der Straße, sondern auch im Bürgerservice oder bei der Beratung im Büro. Zum Glück seien die Fälle körperlicher Gewalt im Vergleich zu den Beleidigungen deutlich in der Minderheit, sagt der Dezernent. Aber die Zahl der gewalttätigen Übergriffe steige. „Es ist klar, dass wir da umfassend reagieren müssen.“

Dieser Punkt war für die Verwaltungsspitze 2016 erreicht, als sich heftige Übergriffe gegen Mitarbeiter des Ordnungsamtes häuften. Die Gewaltprävention rückte in den Fokus, erste Sofortmaßnahmen wurden ergriffen. Dazu gehört, dass seit Juli 2016 eine Securitykraft im Verwaltungsgebäude in der Hackländerstraße am Hauptbahnhof Dienst tut.

175 Einsätze im Hochhaus

Und der Mitarbeiter einer privaten Firma, der von den städtischen Bediensteten alarmiert werden kann, hat gut zu tun. Zwischen Juli 2016 und September 2017 verzeichnete der Sicherheitsdienst dort 175 Einsätze, in 76 dieser Fälle waren Mitarbeiter in ihren Büros in Bedrängnis geraten. Zweimal kam es zu Körperverletzungen, fünfmal zu Bedrohungen oder Nötigungen, 30 Platzverweise wurden erteilt, vier Hausverbote ausgesprochen. In fünf Fällen musste die Polizei in dem Hochhaus am Bahnhof anrücken, in dem unter anderem der Bürgerservice, der Fachbereich Soziales und das Ausländeramt arbeiten.

Zuletzt sei die Zahl der Einsätze dort zurückgegangen, kann Kremer nach 18 Monaten ein verhalten positives Fazit ziehen. „Wir führen das auf die Präsenz des Sicherheitsdienstes zurück“, sagt er. Und diese sei weiter notwendig, auch wenn solch ein Securityeinsatz je nach Angebot zwischen 30.000 und 50.000 Euro pro Jahr kostet. „Wir haben 150 Alarmierungen pro Jahr, und das nur an der Hackländerstraße“, sagt Kremer. „Das zeigt, dass wir das weiter beobachten müssen.“

Parallel zu solchen Sofortmaßnahmen wird ein umfassendes Konzept zur Gewaltprävention erarbeitet. Eine Dienstvereinbarung, die in enger Kooperation mit dem Personalrat erstellt worden sei, stehe kurz vor dem Abschluss und enthalte Dutzende Maßnahmen, so der Dezernent. Gestartet werden soll damit ein Großprojekt. Denn zum Schutzkonzept gehört zunächst einmal eine Gefährdungsanalyse für jeden einzelnen Arbeitsplatz in der Verwaltung, die rund 5000 Beschäftigte zählt.

Nur noch Zweier- und Dreierstreifen?

Daraus ergeben sich konkrete Präventionsstrategien, bei denen die zentrale Frage lautet: Was kann ich wie verhindern? Im Außendienst kann dies bedeuten, dass Politessen und Ordnungskräfte teils nur noch in Zweier- oder Dreierstreifen unterwegs sind. Im Büro kann es heißen, dass potenzielle Waffen – etwa Brieföffner oder Schere – nicht mehr offen auf dem Schreibtisch liegen dürfen. Außerdem geht es hier um Alarmierungssysteme, aber auch um Fluchtwege aus dem eigenen Büro.

Zentraler Teil des Konzepts soll die Vermittlung von Deeskalationsstrategien sein. „Das ist der von den Mitarbeitern am häufigsten geäußerte Wunsch“, sagt Kremer. Hierzu will die Stadt eine neue Stelle schaffen, falls die Politik im Personal- und Verwaltungsausschuss am kommenden Donnerstag, 11. Januar, grünes Licht gibt. Ein hauptamtlicher Mitarbeiter soll dann bald die Kollegen in der Stadtverwaltung darin schulen, wie sie in heiklen Situationen Dampf aus dem Kessel nehmen können, wenn die Gemüter der Kunden wegen langer Wartezeiten oder eines Knöllchens erhitzt sind.

Letzter Baustein des Konzepts ist die Nachsorge. Mit einer Reihe von Maßnahmen will man dafür sorgen, dass die Opfer mit ihren traumatischen beruflichen Erlebnissen nicht alleine gelassen werden. Was durchaus nottut: Mancher Mitarbeiter ist nach einer Gewaltat tacke wochenlang dienstunfähig, andere tun sich beispielsweise schwer, danach wieder im Außendienst zu arbeiten.

Und ohnehin habe man in manchen Bereichen mittlerweile Probleme, geeignetes Personal zu finden, sagt Kremer: „Das ist ein Dilemma.“ Denn wer lässt sich schon gerne anpöbeln oder gar schlagen? Auch deswegen ist der Dezernent mit dem großen Präventionspaket, das die Stadt zum Schutz ihrer Mitarbeiter schnürt, sehr zufrieden: „Ich glaube, dass wir da wirklich etwas Gutes erarbeitet haben.“ Wobei das Gute seinen Preis hat. 100.000 Euro sollen dafür ab sofort Jahr für Jahr ausgegeben werden, die Kosten für die Security im Hochhaus oder für eventuell nötige bauliche Veränderungen kommen noch obendrauf.

„Nulltoleranzstrategie“

Einen solch umfassenden Ansatz zur Bekämpfung des wachsenden Gewaltproblems fordert die Gewerkschaft Komba schon seit Jahren – und hat bereits 2013 eine Resolution ins Rathaus geschickt. Kein Wunder, dass der Aachener Komba-Vorsitzende Karlheinz Welters die aktuelle Initiative begrüßt. „Wichtig ist vor allem, dass das Ganze für alle Kollegen jetzt schnell umgesetzt wird“, fordert er. Und wichtig sei auch, dass öffentlich ein deutliches Zeichen gesetzt werde, dass solche Taten nicht folgenlos bleiben.

Womit Welters bei Kremer offene Türen einrennt. Jeden Fall mit Verletzungsfolgen werde der Oberbürgermeister persönlich auf den Schreibtisch bekommen, sagt der Dezernent und verspricht: „Wir werden jede Tat zur Anzeige bringen.“ Wer künftig Sachbearbeiter bedroht, Sanitäter prügelt oder Politessen beißt, solle wissen, dass die Stadt ihm gegenüber auf eine „Nulltoleranzstrategie“ setze.

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