Stadtentwicklung: Von Betonklötzen und Dauerbrennern

Von: Oliver Schmetz und Stephan Mohne
Letzte Aktualisierung:
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Viel zu tun für den neuen Planungsdezernenten: Einige wichtige Großprojekte in Sachen Stadtentwicklung warten auf ihre Umsetzung. Dazu gehören der „Betonklotz Bushof“... Foto: Michael Jaspers (3)/Manfred Kistermann
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...die Neugestaltung des Bereichs Büchel... Foto: Michael Jaspers (3)/Manfred Kistermann
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...der Campus West... Foto: Michael Jaspers (3)/Manfred Kistermann
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...sowie die Neufassung des Flächennutzungsplans. Foto: Michael Jaspers (3)/Manfred Kistermann
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Anpacken ja, aber mit Um- und Weitsicht: Werner Wingenfeld (62) ist seit August neuer Aachener Planungsdezernent. Er will auch die Bürgerbeteiligung weiterentwickeln. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Der Mann strahlt eine stoische Ruhe aus. Er wählt seine Worte mit Bedacht. Nein, Werner Wingenfeld ist keiner, der lauthals Visionen für diese Stadt in den Raum wirft. „Wenn man Visionen hat, sollte man sie nicht frühzeitig verkünden“, sagt er. „Und ich will auch kein Ankündigungsminister sein.“

Dabei wird er für die Entwicklung der Stadt in den kommenden Jahren in höchstem Maße verantwortlich zeichnen. Denn der 62-Jährige ist seit August Aachens neuer Planungsdezernent.

An einer Schaltstelle der Stadtentwicklung hat er indes schon einmal gesessen, denn bis 2008 war er der Chef des Planungsamts, bevor er als Stadtbaurat in Bonn anheuerte. Jetzt ist er wieder zurück. Ideen für ein Wolkenkuckucksheim zu spinnen, ist nicht sein Ding. Seine Maxime lautet: „Man muss die Dinge vernünftig gedanklich vorarbeiten und dann in die breite Diskussion einsteigen.“ Und auch wenn es im Haushalt mau aussieht und kein Geld für große Sprünge vorhanden ist, so hat Werner Wingenfeld nicht wenige Baustellen vor der Brust. Eine Auswahl:

Campus West

Seit Jahren herrscht weitgehend Stillstand, wenn es um das riesige Gelände entlang der Süsterfeldstraße geht – nur die Bahnanlagen wurden entfernt. Werner Wingenfeld hat die Anfänge des Projekts in seiner früheren Aachener Zeit noch erlebt. Doch nach anfänglicher Euphorie stoppte der Bau- und Liegenschaftsbetrieb NRW (BLB), der einst der Bahn das Gelände abkaufte, den Campus-Zug. Noch vor wenigen Wochen erklärte der BLB gegenüber unserer Zeitung, man wolle sich „nicht selbst Konkurrenz“ machen und erst einmal den Campus Melaten weiterentwickeln.

Ein Argument, dass Wingenfeld – und da ist er nicht der einzige – in keiner Weise nachvollziehen kann. Schließlich ist am Westbahnhof gänzlich Anderes geplant als auf dem benachbarten Melatener Areal. Für den Planungsdezernenten steht fest: Es soll jetzt voran gehen. „Auch die Campus GmbH hat jetzt noch einmal Dampf gemacht“, sagt er. Die Unterbrechung sei „hausgemachten Problemen des BLB“ geschuldet gewesen. Doch nun sei „die Zeit reifer geworden“.

Wingenfeld glaubt, dass in den kommenden Monaten die noch offenen Fragen – unter anderem jene nach der Verkehrsverknüpfung mit dem Campus Melaten – vom Tisch sein können. Auch auf Landesebene müsse Druck gemacht werden, etwa durch die Kontakte der hiesigen Landtagsabgeordneten. Faszinierend findet er dabei die Idee, dass die Erschließungsstraße des Campus als Teststrecke für selbstfahrende Autos genutzt werden könnte.

Büchel/Nikolausviertel

„Worten müssen auch Taten folgen“, meint der Planungsdezernent zu diesem zweiten Aachener Dauerbrenner. Wenn der laufende städtebauliche Wettbewerb bis Ende des Jahres entschieden ist, müssten Nägel mit Köpfen gemacht werden. Arbeit gebe es dort genug, und nicht alles werde sich sofort umsetzen lassen, sondern nur Schritt für Schritt. Wingenfeld, selbst Mitglied der Wettbewerbsjury, weiß natürlich, dass es einige widerstreitende Vorstellungen der Investoren Norbert Hermanns und Gerd Sauren auf der einen und der Politik und der Stadt auf der anderen Seite gibt.

„Natürlich muss sich das aus Sicht der Investoren ökonomisch rechnen. Aber da wird man sicherlich auf einen gemeinsamen Nenner kommen.“ Keinen Sinn macht es allerdings aus Sicht des städtischen Planungschefs, ein neues Parkhaus zu bauen. Nur private Stellplätze für die entstehenden Wohnungen und Betriebe sowie das geplante Hotel sollen möglich sein.

Bushof

Womit man bei städtebaulicher Langzeitbaustelle Nummer 3 wäre. Werner Wingenfeld vertritt da eine ganz klare Meinung: „Der unzeitgemäße Betonklotz muss weg.“ Der Bereich Büchel könne für den Bushof ein Fingerzeig für die weitere Entwicklung werden. „Dieser Bereich schreit nach einer Neuorientierung“, unterstreicht der Dezernent.

Aber dort müsse in jedem Fall investiert werden. „Das ist eine enorm wichtige Stelle für die Stadtentwicklung. Da muss man auch etwas investieren“, sagt er. Seine Vorstellung: „Eine kleinteiligere Bebauung an dieser Stelle täte der Stadt sehr gut.“

Auch mit Blick auf das fast fertige Einkaufszentrum Aquis Plaza und die Verbindungen innerhalb der City sei es für die Entwicklung am Büchel und am Bushof Zeit, „dass man zu Potte kommt“. Denn „sonst könnte das für das Gleichgewicht in der Innenstadt Folgen haben“.

Flächennutzungsplan

Ein sperriger Begriff, hinter dem sich viel Zündstoff verbirgt. Das hat sich schon am Anfang des laufenden Prozesses zu seiner Neuaufstellung überdeutlich gezeigt. Denn es haben sich umgehend Bürgerinitiativen formiert – auf der Beverau, am Grauenhofer Weg und natürlich in Sachen Richtericher Dell. Der FNP gibt vor, wo in Aachen welche Fläche potenziell für Wohnungsbau, für Gewerbe, für Landwirtschaft, für Natur und Grün zur Verfügung steht.

Und da ist für die Planer klar: Aachen braucht noch Flächen fürs Wohnen wie auch fürs Gewerbe, „um eine zukunftsfähige Stadt zu sein“. Über das Wo wird heftig gestritten. „Wir müssen die Argumente auf beiden Seiten sehr intensiv aufarbeiten“, sagt Wingenfeld. Und: „Wir werden nicht so rauskommen, wie wir reingegangen sind.“ Wingenfeld ist an einem transparenten Prozess gelegen. Dass „dieser nicht immer bequem sein wird“, ist ihm klar. Und er sagt: „Friede, Freude, Eierkuchen wird es nicht geben.“ Es sei völlig legitim, dass sich die Bürger in diesen Prozess einbringen, auch wenn ihre Argumentation hier und da sicher „von subjektiven Interessen“ geleitet sei. Es gelte, tragbare Lösungen zu entwickeln. Ein Hauptaugenmerk will er dabei auch auf die Umwandlung bestehender Brachflächen legen.

Bürgerbeteiligung

Eng verknüpft mit der Stadtplanung ist – siehe oben – das Interesse der Bürger, das umso größer wird, desto näher ein Vorhaben an sie heranrückt.

Zu spüren bekommen hat das jahrelang Wingenfelds Vorgängerin Gisela Nacken, die teils äußerst harsch angegangen wurde. „Ich weiß, dass ich ein dickes Fell haben muss“, sagt der Dezernent. Sicher gebe es schmerzhafte Dialoge, weswegen man den bestmöglichen Weg der Verständigung suchen müsse. Wingenfeld räumt ein: „Da haben wir den Stein der Weisen noch nicht gefunden.“ Ein Vorbild für die umfassende Bürgerinformation und -beteiligung könnte da das sein, was derzeit in Sachen Flüchtlingsunterbringung praktiziert wird. Intensiv und wiederholt wird vor Ort mit den Anwohnern diskutiert – was ganz offenkundig auch von Bürgerseite honoriert wird.

Auch der neue Planungsdezernent will solche Wege beschreiten. Er wird es auch müssen. Denn die Eisen bleiben in Aachen heiß. Da kann es durchaus von Vorteil sein, dass Werner Wingenfeld jene stoische Ruhe ausstrahlt.

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