Aachen - Stadt will der „Szene” jetzt Beine machen

Stadt will der „Szene” jetzt Beine machen

Von: Matthias Hinrichs
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Die Tage der „offenen Szene” am Kaiserplatz sind offenbar gezählt: Die Stadt setzt auf „dezentrale” Angebote der Suchthilfe und stellt den Konsumraum jetzt zur Disposition. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Nicht nur die „theoretische” Debatte rund um die Drogeneinrichtungen am Kaiserplatz ist reichlich in Bewegung geraten - jetzt unternehmen Politik und Verwaltung erstmals konkrete Schritte, um der „offenen Szene” unterm Kirchturm von St. Adalbert Beine zu machen.

„Wir wollen, dass die massive Belastung des Umfelds abgestellt wird”, unterstreicht Sozialdezernent Heinz Lindgens auf AZ-Anfrage. Einen entsprechenden Vorstoß soll der Rat bereits nächste Woche auf den Weg bringen.

Ein zweiter Knackpunkt indes dürfte für ebensoviel Zündstoff sorgen: Bis 2011 soll auch geklärt werden, ob und wie darüber hinaus eine Verlagerung und Reduzierung der Hilfsangebote von Caritas und Diakonie am Kaiserplatz sinnvoll sind.

Damit zeichnet sich durchaus ein Bruch mit der bisherigen Strategie von Behörden und Politik ab. Bereits Ende Mai hatten SPD und Grüne per Ratsantrag gefordert, die Suchtilfekonzeption im Zuge der Gründung der Städteregion auf den Prüfstand zu stellen - auch vor dem Hintergrund, dass sich im Umfeld des „Café Relax” vermehrt Alkoholkranke, Prostituierte und Obdachlose eingerichtet hätten.

Vordem hatte indessen nicht nur die Polizei stets argumentiert: Ein erneutes „Junkiehopping” infolge rigoroser Platzverweise sei kontraproduktiv, weil sich die Abhängigen in alle Winkel der (Innen-)Stadt zerstreuten.

„Wir können aber nicht verhehlen: Die Zentralisierung der Angebote hatte nicht den erhofften Erfolg”, bekennt Lindgens. Auch der Polizeipräsident habe daher signalisiert, dass er der neuen Marschroute gegebenenfalls folgen werde. Allerdings bekräftigt Lindgens: „Einen Kahlschlag wollen wir auf keinen Fall. Wir brauchen Angebote für Suchtkranke, müssen zugleich aber verstärkt auf die dezentralen Einrichtungen setzen, die es für Nichtsesshafte oder Alkoholkranke gibt.”

Der explosive Mix aus Vandalismus und Pöbeleien, Dealerei und Prostitution am Kaiserplatz müsse nachhaltig entschärft werden. „Deshalb wollen wir die ,Szene auflösen und in Bewegung halten”, so Lindgens.

Zumindest damit rennt der Dezernent auch bei der Suchthilfe offene Türen ein. „Die Situation für unsere Mitarbeiter wie für unsere Klienten hat sich erheblich zugespitzt”, betont Geschäftsführerin Gudrun Jelich. Manche Abhängige trauten sich gar nicht mehr in die Hilfseinrichtungen, weil die Aggressionen innerhalb der „Szene” zugenommen hätten.

„Auch einem völlig neuen Standort würden wir uns nicht verschließen”, ergänzt Jelich. Aber: „In jedem Fall müssen die bestehenden Einrichtungen - Konsumraum, Drogentherapeutische Ambulanz und Café Relax - weiterbestehen, und zwar unmittelbar vernetzt.” Die Verwaltung will hingegen auch prüfen, ob der Konsumraum geschlossen und die Ambulanz umgesiedelt werden kann.

Neuerliche politische Debatten sind folglich unausweichlich: In den nächsten Tagen soll die Suchthilfe eine Stellungnahme für die Fraktionen erarbeiten.

Grünen-Ratsfrau Hilde Scheidt und ihr SPD-Kollege Karl Schultheis, die den Vorstoß der Verwaltung maßgeblich initiiert hatten, betonten am Dienstag unsisono: Jetzt gelte es, die aktuellen Überlegungen intensiv mit den Experten zu erörtern.

Und auch der designierte Oberbürgermeister Marcel Philipp (CDU) unterstrich gegenüber der AZ: „Das Thema hat für uns seit langem höchste Priorität. Wir brauchen eine klare Zielsetzung. Dafür müssen wir alle Beteiligten offensiv in die Diskussion einbinden.”
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