Stadt kauft den Tivoli für einen Euro mit allen Risiken

Von: stm
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Immobilie in bester Lage: Für einen Euro hat die Stadt Aachen am Mittwoch den Tivoli gekauft. Foto: Stock/Westend61

Aachen. Dieser Termin passte sozusagen wie die Faust aufs Auge. Denn dass die Stadt just am Mittwoch die Unterschrift unter den Notarvertrag setzte und den Tivoli kaufte, hat gleichfalls viel mit dem städtischen Haushalt zu tun, der wenige Stunden später diskutiert wurde.

Zwar ist der Kaufpreis von einem Euro – plus ein paar hunderttausend Euro fürs Inventar – in diesem Zusammenhang kaum der Rede wert. Wohl aber das, was alles an diesem Kauf hängt. Und da geht es um millionenschwere Etatbelastungen – Jahr für Jahr und verursacht durch die Pleite von Alemannia Aachen.

Die Stadt stand am Ende vor der Wahl zwischen Pest und Cholera. Es gab nur zwei Varianten. Erstens: Ein Investor kauft dem Insolvenzverwalter den rund 50 Millionen Euro teuren und erst wenige Jahre alten Bau ab. Damit wäre die Stadt die Verpflichtung losgewesen, die laufenden Kosten berappen zu müssen.

Aber: Sie hätte trotzdem noch fast zwei Jahrzehnte die Kredite für den Stadionbau zurückzahlen müssen, die einst in Richtung der städtischen „Aachener Stadionbeteiligungs GmbH“ (ASB) umgeschuldet worden waren, um Alemannia zu entlasten. Und auf die künftige Nutzung des Stadions hätte sie nicht mehr den Daumen gehabt. Zweitens: Die Stadt kauft den Tivoli.

Das bedeutet, dass neben den Krediten auf unabsehbare Zeit auch die Folgekosten aus dem städtischen Etat beglichen werden müssen – derzeit sind das knapp zwei Millionen Euro pro Jahr. Dafür hat man aber erstens die Möglichkeit, die Flächen des Stadions selber zu vermarkten. Und es gibt zumindest die Perspektive, dass Alemannia wieder auf einen grünen Zweig kommt. So hielten die meisten den Kauf denn auch für alternativlos.

Denn der Klub muss der Stadt künftig Miete zahlen – gestaffelt, versteht sich. In Liga 4 kann davon weitestgehend noch nicht die Rede sein. Nach einem Aufstieg in Liga 3 würde die Stadt immerhin 300.000 Euro bekommen. In Liga 2 würde es noch einmal mehr. Aber erst in Liga 1 wäre die Miete dergestalt, dass die Stadt damit die Kosten ausgleichen könnte beziehungsweise sogar schwarze Zahlen schreiben würde.

Für Alemannia bedeutet das künftig allerdings auch: Fließen fleißig Fernseheinnahmen, etwa durch eine Live-Übertragung vom DFB-Pokal, dann muss der Klub davon einiges als „Sondermiete“ an die Stadt abtreten – um nur ein Beispiel zu nennen. Seitens der Stadt ist man jedenfalls überzeugt, die richtige Variante gewählt zu haben: „Das ist das glückliche Ende eines langen Prozesses“, so Dezernent Lothar Barth, zuständig für die ASB.

Die Stadt ihrerseits kauft mit dem Stadion jedoch noch ein weiteres Risiko: jenes der baulichen Mängel, die es im Tivoli mit einer derzeitigen Gesamtsumme von über zwei Millionen Euro nicht zu knapp gibt. Um deren Behebung dreht sich aktuell ein Gerichtsverfahren. ASB und Insolvenzverwalter haben Bauunternehmer Hellmich in diesem Zusammenhang verklagt. Doch der könnte sich von derlei Verpflichtungen längst freigekauft haben. Zumindest gibt es dahingehend Vermutungen, die auch der Staatsanwaltschaft weitergereicht wurden. Sollten sich ehemalige Verantwortliche der Alemannia dahingehend etwas zu schulden kommen lassen haben, ist fraglich, ob bei ihnen derartige Summen zu holen wären.

Piraten: Namen vermarkten

Um den Bogen zum Haushalt zu schließen: Da haben die Piraten jetzt einmal mehr eingehakt. Sie fordern, neue Einnahmequellen zu erschließen, um das Defizit für die Stadt abzufedern. Deswegen soll die Verwaltung „aktiv die Vermarktung der Namensrechte des Stadions Tivoli in die Wege leiten“. Selbige Vermarktung hatte es einst nicht gegeben. Um das zu kompensieren, waren die Fan-Anleihen aufgelegt worden. Der Tivoli sollte versprochenermaßen Tivoli bleiben. Doch die Anleihen sind längst im Strudel der Insolvenz untergegangen. Und somit ist der Weg für Einnahmen aus dem Namen – zumindest aus Sicht der Piraten – wieder frei.

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